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Schaumburger Privat-Brauerei in Stadthagen besteht seit 140 Jahren

In guter Tradition

Eine Alarmglocke schrillt früh morgens durch die Räume. „Das passiert hin und wieder“, gibt sich Enno Dietrich gelassen, „wir haben neues Malz bekommen.“ Nach wenigen Augenblicken ist der Alarm vorüber, und zu dem Braumeister der Schaumburger Privat-Brauerei kommt sein Brauführer Martin Höger ins Büro. Eine Kontrollstation hätte keinen Kontakt mehr angezeigt, daher der Alarm. „Zu dieser Zeit herrscht bei meinem Kollegen immer eine gewisse Anspannung“, meint Diedrich, „mit jeder Lieferung verändert sich die Zusammensetzung des Malzes und dann ist hier viel Handarbeit zu leisten.“

Autor:

Oliver Nowak und Benjamin Schrader

Anders als in vielen großen Brauereien werden in der Schaumburger Privat-Brauerei sämtliche Kontrollarbeiten und Mischverhältnisse per Hand gefertigt. Dadurch, so erzählt der Braumeister, werden zwar eher Schwachstellen aufgedeckt aber jedes Brauerzeugnis schmecke ein wenig anders. Das Besondere am Schaumburger Bier sei aber vor allem das weiche Wasser aus der Bornau-Quelle. „Dadurch“, so erklärt Diedrich, „wird der Bittergeschmack im Bier angenehmer.“

Angefangen hat der Brautag bereits in der vorherigen Nacht gegen 22.30 Uhr, beim sogenannten Einmaischen, als das Gerstenschrot mit Wasser in der Maischpfanne vermengt wurde. Bis gut 6 Uhr des Folgemorgens wird so aus dem Gerstenschrot Stärke gelöst und schließlich in Malzzucker umgewandelt. Danach wird das Gemisch zum Läutern in den Läuterbottich gepumpt. Während dort zuerst die unlöslichen Kornbestandteile auf den feinen Siebboden des Bottichs sinken und eine natürliche Filterschicht bilden, fließt das Gebräu im zweiten Schritt ab und wird in die Würzpfanne umgepumpt.

An den eigentlichen Verfahren hat sich seit der Gründung der Schaumburger Privat-Brauerei vor 140 Jahren nicht viel geändert. Lediglich technische Entwicklungen haben Einzug gehalten, bei den Rohstoffen – Wasser, Gerstenmalz und Hopfen sowie Hefe für die Gärung – ist es geblieben. „Bier ist eines der reinsten Lebensmittel überhaupt. Das deutsche Reinheitsgebot ist fast 500 Jahre alt“, erklärt Friedrich-Wilhelm Lambrecht, der in fünfter Generation den Betrieb an der Straße Sankt Annen führt. „Es ist das älteste Gesetz im Lebensmittelrecht.“

Und genau diese Verbundenheit mit der Tradition zeichnet das in Deutschland, respektive in Schaumburg gebraute Bier aus Sicht Lambrechts auch aus. In Zeiten von Fleischskandalen fühlt sich der Brauerei-Chef in dem Festhalten an dem 1516 erlassenen Reinheitsgebot bestätigt.

In der Brauerei beginnt derweil das Kochen. Dabei wird gleich zu Anfang der erste Hopfen in Pelletform hinzugegeben. Insgesamt wird Hopfen drei Mal hinzugegeben; am Anfang, im zweiten Drittel des Kochvorgangs und ganz am Schluss. Die so entstehende Würze kocht eine Stunde lang bei exakt 100 Grand Celsius.

Nach dem der Kochvorgang abgeschlossen ist, tritt Brauführer Höger an die Würzpfanne. Mit einem langen Stab nimmt er eine Probe auf und testet mittels eines Schwimmers den Stammwürzgehalt. „11,8 Prozent“, ruft er freudig. Der Brauvorgang war erfolgreich. Nun muss das Gebräu noch insgesamt fünf Wochen gären. Eine Woche dauert die Hauptgärung, die folgenden vier Wochen nimmt die Nachgärung ein.

Ist das Bier fertig, sind alle Schritte vom Einmaischen bis zur Gärung abgeschlossen, wird wiederum eine Probe genommen und im hausinternen Labor untersucht. Eine Arbeit, für die sich im Besonderen der Halbjahres-Praktikant Niklas Specht von den Berufsbildenden Schulen Stadthagen interessiert. „Wenn man viel mit Bier in der Jugend zu tun hat, möchte man auch wissen wo es her kommt“, meint er. Ob er jedoch Brauer werden will, weiß er noch nicht, obwohl er schon fünf Monate in der Brauerei mitarbeitet. Doch nicht nur Specht macht in der Schaumburger Privat-Brauerei ein Praktikum. Auch Johannes Bender von der Stadthäger Oberschule Am Schlosspark hat sich hier einen Praktikumsplatz für zwei Wochen gesichert.

Braumeister Diedrichs, der bereits seit 13 Jahren in der Brauerei arbeitet, zeigt sich stolz darüber, jungen Leuten das alte Brauhandwerk vermitteln zu können. Und auch, wenn es für manch einen seltsam klingen mag: „Putzen ist keine Strafarbeit sondern eine Kür für Brauer und Mälzer“, erinnert er die beiden jungen Menschen. Schließlich sorge die Hygiene in Bottich und Pfannen dafür, dass das Bier ohne Konservierungsstoffe seine Haltbarkeit von mindestens einem halben Jahr besitzt.

Auffälligstes Zeichen für die Tradition der Braukunst in Stadthagen ist das Sudhaus der Schaumburger Privat-Brauerei. Seit den Gründungstagen wird dort aus Gerstenmalz, Wasser, Hopfen und Hefe der alkoholhaltige Gerstensaft hergestellt, auch wenn mittlerweile technisches Know-how im Spiel ist. Auch bei den Gaststätten, die Bier aus dem Hause Lambrecht ausschenken, gibt es immer noch einige, die dies seit mehr als 140 Jahren machen.

Begonnen haben Friedrich-Wilhelm Lambrechts Ururgroßvater Wilhelm und seine beiden Geschäftspartner, der Glasfabrikant August Lagershausen und der Ziegeleibesitzer Heinrich Möller, 1873 mit dem Bierbrauen, anlässlich des Bergmannsfestes. Bereits in den Anfangsjahren setzten die drei Inhaber auf den technischen Fortschritt. 1897 kauften sie eine dampfgetriebene Eismaschine, um auch in den Sommermonaten für die Qualität des Biers sorgen zu können. Auch in Sachen Logistik beschritten Friedrich-Wilhelm Lambrechts Vorgänger und Vorfahren immer wieder neue Wege: „Als die ersten Lastwagen aufkamen, haben sie auch solche angeschafft“, erzählt er. Zwar wurde nicht sogleich der gesamte Fuhrpark ausgetauscht – erst 1952 wurde das letzte Pferdefuhrwerk außer Dienst gestellt –, dennoch war die Anschaffung eines Lastwagens ein wichtiger und einschneidender Schritt.

Aufgrund der Aufgeschlossenheit gegenüber den technischen Neuerungen konnte das Unternehmen die erste Krise im Brauerei-Gewerbe überstehen. Gab es 1873, das Deutsche Reich mit Kaiser Wilhelm I. an der Spitze war gerade einmal zwei Jahre alt, noch mehr als 22 000 Brauereien, nahm deren Zahl in den folgenden Jahren rapide ab. „Schon an der Wende zum 20. Jahrhundert gab es ein Brauerei-Sterben“, erzählt der heutige Chef. Mittlerweile gibt es in Niedersachsen nur noch vier Privat-Brauereien. Der Niedergang der Härke-Brauerei in Peine hat vor wenigen Wochen für Aufsehen gesorgt.

Doch nicht nur die Liebe zur Tradition, die Einhaltung des Reinheitsgebots sowie die Aufgeschlossenheit gegenüber Neuem zählt Friedrich-Wilhelm Lambrecht zu den Stärken seines Hauses. „Wir stehen für Werte wie Qualität und Regionalität. Beides gibt es nicht zum Dumpingpreis“, führt der Brauerei-Chef aus. Hoffnung gebe ihm dabei die Rückbesinnung vieler Menschen auf die Regionalität. „Der Gesamt-Biermarkt stagniert, der Markt für regionale Produkte wird allerdings größer.“

Einen Ausdruck für diese Verbundenheit mit der Heimatregion sieht Friedrich Wilhelm Lambrecht auch in dem Interesse der Kunden an Persönlichkeiten wie Wilhelm Busch und dessen Schöpfungen Max und Moritz. Und so gibt es im Sortiment der Traditionsbrauerei nicht mehr einfach nur Pils und Export, auch spezielle Biere wurden von den Braumeistern in aufwendigen Verfahren kreiert.

Damit diese Produkte auch außerhalb Schaumburgs und der angrenzenden Landkreise genossen werden können – die Schaumburger Privat-Brauerei beliefert Gaststätten und Getränkemärkte im Radius von etwa 40 Kilometern – hat Friedrich-Wilhelm Lambrecht als jüngstes Projekt einen Online-Shop eingerichtet. Doch nicht nur Bier soll mittels ein paar Klicks seine Abnehmer in ganz Deutschland finden, in naher Zukunft sollen auch andere Produkte so bezogen werden können. „Wir planen auch, für Sammler spezielle Utensilien bereitzustellen“, führt Lambrecht weiter aus. Dazu gehören etwa Bierdeckel, Etiketten und Kronkorken. Als weiterer Schritt soll ein Gutschein im Internet angeboten werden. Mittels Codierung sollen diese dann auch problemlos online verschickt werden können.

Friedrich-Wilhelm Lambrecht versteht das Erbe, das er übernommen hat, auch als Verantwortung für die 30 Angestellten und die Region. „Ich habe Respekt vor den Leistungen der Vorfahren und will den neuen Anforderungen begegnen“, gibt er sich zuversichtlich, dass auch in den kommenden Jahrzehnten Bier mitten in Stadthagen gebraut wird.

Bergmannsfest 1873, Stadthagen: Drei junge Männer haben für das Volksfest etwas Großes geplant. Der Mühlenbesitzer Wilhelm Lambrecht und seine beiden Compagnons, Glasfabrikant August Lagershausen und Ziegeleibesitzer Heinrich Möller,

verkaufen eigenes Bier. Die Familie Lambrecht ist bis heute, im 140. Jahr des Bestehens der Brauerei, dem Gewerbe treu geblieben. Vieles hat sich seit den Gründertagen geändert, doch manches ist immer noch wie im 19. Jahrhundert.

Gruppenbild mit Holzfässern – so selbstbewusst präsentierten sich Chefs, Braumeister und Belegschaft der Schaumburger Privat-Brauerei, als die Fotos noch schwarz-weiß waren.pr




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