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Immer auf der Jagd nach extremem Wetter

Blitze zucken über den dunklen Himmel, Regen prasselt auf die Scheiben und immer wieder lassen Donner und Sturm das Auto erzittern. Was vielen Menschen schon beim Lesen dieser Zeilen Angst macht, ist für Jan Scheruhn Teil seines Hobbys. Der 24-Jährige ist Sturmjäger. Wenn andere sich vor extremen Wetterlagen in Sicherheit bringen, schnappt er sich seine Kamera und fährt dem Unwetter entgegen.

Autor:

Jessica Rodenbeck

„Ich versuche schon, möglichst dicht an das Gewitter heranzukommen, übertreibe es dabei aber nicht“, sagt der Wunstorfer. „Wenn es gefährlich wird, fahre ich wieder weiter weg.“ Soweit die Theorie. Aber das ein oder andere Mal ist es dann doch zu einer gefährlichen Situation gekommen. „Einmal bin ich mit dem Fahrrad unterwegs gewesen, um Gewitter zu fotografieren“, erzählt er. Das war zu einer Zeit, als er noch kein Auto fahren durfte. „Das Gewitter war schneller als ich dachte und holte mich ein.“ Rechts und links von ihm schlugen die Blitze in den Boden. „Da wird einem schon ein bisschen mulmig“, gibt er zu. Doch er blieb ruhig und radelte so schnell es ging weiter. „Was hätte ich auch tun sollen? Ein Gebäude war nicht in der Nähe und unter einem Baum sollte man bei einem Gewitter auch keinen Schutz suchen.“

Wenn Jan Scheruhn heute am Wetterradar sieht, dass ein Gewitter im Anmarsch ist, nutzt er das Auto, um sich einen Standpunkt zum Fotografieren zu suchen. Besonders gut seien Anhöhen oder auch freie Felder. „Hauptsache erst einmal raus aus der Stadt.“ Um sich und das Auto nicht zu gefährden, parkt er wenn es blitzt, nicht unter Bäumen. Wenn es hagelt, sucht er auch schon mal Schutz unter dem Dach einer Tankstelle.

Immer dabei hat er seinen Laptop. Über das Internet verfolgt er auf verschiedenen Internetseiten, in welche Richtung sich das Unwetter bewegt. Das zeigt ihm, wo die Chance, gute Bilder zu machen, am größten ist. „Man kann Gewitter zwar vorhersagen, aber nicht genau, wann und wo sie auftauchen“, erklärt er. Eine genaue Beobachtung sei daher nötig.

2 Bilder
Zur richtigen Zeit den Auslöser gedrückt: Dieses blitzreiche Gewitter fotografierte Jan Scheruhn bei Bokeloh über dem Kaliberg.

Wenn er ein Gewitter und einen geeigneten Standpunkt gefunden hat, kommt die Kamera zum Einsatz. „Einen Blitz am Tag zu erwischen, ist fast nicht möglich, da die Belichtungszeiten der Kamera viel zu kurz sind.“ Nachts hingegen sei es möglich. „Wer in der Dunkelheit Blitze fotografieren will, benötigt dafür aber eine Kamera, bei der man eine lange Belichtungszeit einstellen kann“, erklärt er.

Eine Belichtungszeit von etwa 15 Sekunden wählt Scheruhn nachts für seine Fotos – und ein Stativ. „So lange kann man die Kamera mit der Hand nicht stillhalten.“ Und dann drückt Scheruhn den Auslöser. Immer und immer wieder. „Man weiß beim Fotografieren nie, ob der Blitz auch auf dem Foto zu sehen ist. Das sieht man erst, wenn das Foto fertig ist.“

Hunderte, wenn nicht gar tausende Fotos sind in den letzten Jahren auf diese Weise entstanden. Einige davon waren schon in heimischen Zeitungen, aber auch im Fernsehen, zum Beispiel im Wetter vor der Tagesschau, zu sehen. Außerdem meldet Scheruhn seine Beobachtungen an den Verein „Skywarn“, bei dem er geprüfter Wetter-Beobachter ist. Um das zu werden, hat er mündliche und schriftliche Prüfungen abgelegt, in denen er zum Beispiel Wolken bestimmen oder die Entstehung von Unwettern erklären musste.

„Der Verein übermittelt die Daten dann unter anderem an den Deutschen Wetterdienst, welcher die Meldungen in seine Unwetterwarnungen einbezieht“, erklärt er. Es gebe zwar auch Satellitenbilder, die Aufschluss über das Wetter geben, „aber ein menschliches Auge sieht halt doch ein bisschen mehr.“

Seine Leidenschaft für das Wetter entdeckte Scheruhn schon sehr früh. „Erst war das Interesse für das normale Wetter da“, sagt er. Die Vorliebe für extremes Wetter sei erst später gekommen. Den Grundstein legte ein Thermometer, das Scheruhn im Grundschulalter geschenkt bekam. Jeden Tag hat er damit die Temperatur gemessen und sie aufgezeichnet. Mit elf Jahren bekam er dann seine erste Wetterstation. „Da habe ich dann jeden Monat Statistiken über das Wetter geführt“, sagt er. Doch es hat ihm nie gereicht, das Wetter zu beobachten, er wollte auch verstehen, wie es entsteht. Früh hat er sich deshalb in Wetterforen im Internet mit anderen Wetterbeobachtern und Meteorologen ausgetauscht. Und so viel über das Wetter gelernt.

Trotzdem hat sich der 24-Jährige nicht für ein Meteorologie-Studium entschieden. „Ich habe etwas Besseres gefunden“, sagt er lachend. Jan Scheruhn hat nach dem Abitur eine Ausbildung zum Piloten bei einer deutschen Airline gemacht. Ein Beruf, in dem das Wetter eine große Rolle spielt. „Als Pilot muss man das Wetter beim Fliegen immer im Auge haben“, erzählt er.

Gewitter müssen umflogen, Starts und Landungen den aktuellen Wetterverhältnissen angepasst werden. Schon aus diesem Grund ist Meteorologie ein Bestandteil der Ausbildung. Wenn er in der Luft ist, kann er einem Gewitter zwar nicht hinterherfahren, trotzdem bieten sich ab und zu Möglichkeiten, imposante Fotos zu schießen. „Bei einem ruhigen Reiseflug hat man auch mal die Möglichkeit, das Wetter von oben zu fotografieren“, sagt er.

Egal, ob aus der Luft oder vom Boden aus, Jan Scheruhn fotografiert nicht nur Gewitter. „Mich faszinieren alle extremen Wetterlagen“, erzählt er. Auch wenn es stark stürmt, viel schneit, oder wenn Hagelkörner ungewöhnlich groß sind, ist er unterwegs – und hat dabei schon einiges gesehen. So zum Beispiel in Loccum golfballgroße Hagelkörner, die sogar Jalousien zerstört haben, und sogar eine Windhose an der Nordsee.

„In den Medien wird im Zusammenhang mit Sturmschäden durch Gewitter ziemlich oft eine Windhose genannt“, so Scheruhn. In den meisten Fällen handele es sich jedoch eher um Gewitterböen, auch als Fallwinde bekannt. Sie können auf engem Raum zwar ebenfalls starke Zerstörungskraft entwickeln, haben allerdings nicht den für Windhosen typischen Rüssel. „Windhose ist übrigens ein deutscher Begriff für einen Tornado“, fügt er hinzu. Und davon gebe es in Deutschland nur etwa zehn bis 20 Stück pro Jahr.

Seit Jan Scheruhn im Grundschulalter ein Thermometer geschenkt bekam, interessiert er sich für Wetter. Inzwischen hat er sich auf Unwetter spezialisiert. Als Sturmjäger dokumentiert der 24-Jährige Blitze, Hagel und Stürme. Seine Beobachtungen dienen sogar dem Deutschen Wetterdienst.

Wenn Jan Scheruhn auf Sturmjagd ist, beobachtet er den Verlauf der Unwetter im Internet.




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