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Immer attraktiver: Familienfreundlichkeit

Die Zeiten, in denen Firmen umworbenen Mitarbeitern mehr Geld und einen größeren Dienstwagen als einzigen Anreiz bieten konnten, sind vorbei. Heute ist die Familienfreundlichkeit ein Faktor, der in einem größeren Maße über die Attraktivität des Arbeitgebers mitentscheidet. In einem Hamelner Unternehmen wurde jetzt eine Krippe eröffnet – es die erste in einem Betrieb in den Landkreises Schaumburg, Holzminden und Hameln/Pyrmont.

Von Frank Westermann

Als es Spitz auf Knopf stand, als niemand wusste, ob und wie es weitergeht, als endlich ein Ja oder Nein gesprochen werden musste, da hat sich Eva Banholzer ihre einjährige Tochter geschnappt und hat beim Inhaber der „hameln group“ vorgesprochen: Was ist nun mit der firmeneigenen Kinderkrippe? Wird sie nun umgesetzt oder nicht? Eine große Wahl, so lässt Banholzer durchblicken, habe der Unternehmer bei diesem Gespräch nicht gehabt: Zu groß seien die Erwartungen der fast 500 Mitarbeiter der Firma gewesen. Jetzt, so macht Eva Banholzer klar, müsse die Geschäftsleitung zu dem Wort stehen, dass sie ihren Mitarbeitern mit der Ankündigung gegeben habe, ein Betreuungsangebot einzurichten.

Dreieinhalb Jahre Lobbying, davon zwei Jahre, in denen über das Thema immer mal wieder gesprochen wurde, um es im allgemeinen Bewusstsein zu verankern und auch dort zu halten – es sei ein wahrhaft weiter Weg gewesen, ehe die erste Firmenkrippe in den Landkreisen Holzminden, Schaumburg und Hameln/Pyrmont ihre Türe öffnen konnte. Ein Weg, der gepflastert war von bürokratischen Hürden, die genommen werden wollten, und dicken Brettern, die gebohrt werden mussten, um überhaupt ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass das „gefühlte“ Problem, der schwierigen Vereinbarkeit von Familie und Beruf auch in der Realität der hameln group existiert.

Die Firma „hameln group“ ist eine inhabergeführte, unabhängige Unternehmensgruppe, die international tätig ist und ihr Geschäft schwerpunktmäßig mit Dienstleistungen zur Entwicklung und Herstellung von sterilen Arzneimitteln sowie der Vermarktung vornehmlich parenteraler Arzneimittel betreibt. Eine Firma also, die auf hoch spezialisierte Fachkräfte angewiesen ist, die wiederum ihren eigenen Stellenwert kennen und nach dem Uniabschluss doch eher in eine Metropole gehen und nicht ins betuliche Weserbergland. Und wenn sie doch den beruflichen Weg nach Hameln finden, dann verliert die „hameln group“ häufig weibliche qualifizierte Fachkräfte, wenn diese sich dafür entscheiden, eine Familie zu gründen. Die Gretchenfrage war daher: Wie kann man diese Mitarbeiterinnen dennoch an die Firma binden? Denn in der Belegschaft sind mehr als 50 Prozent Frauen, der Altersdurchschnitt liegt bei 38 Jahren: Wenn die Familienplanung ein Thema wird, dann gehen Frauen zu Gunsten des Jobs ihrer Partner.

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Eva Banholzer

Eine betriebseigene Kinderbetreuung würde, so die damaligen Überlegungen von Eva Banholzer, den Bedürfnissen der Mitarbeiter auch langfristig gerecht werden und gleichzeitig einen hohenImagegewinn für das Unternehmen darstellen.

Eine erste Idee zielt auf einen Kooperationsversuch mit einem Kindergarten in der näheren Umgebung des Firmenstandortes ab: Eine Zusammenarbeit mit einer Einrichtung, die flexibel bei den Öffnungszeiten reagieren kann, wäre eine tolle Sache. Doch grau war alle Theorie, in der Praxis kam es zu keiner Einigung, erklärt Eva Banholzer, mit dem Kindergarten wäre die Betreuung zu teuer und vor allem zu unflexibel gewesen. Die Plätze, die von der „hameln group“ vor allem für Kinder unter drei Jahren benötigt worden wären, konnte der Kindergarten nicht zur Verfügung stellen.

Es ist ein zäher Kampf, den sie führen muss. Mit ihrem Personalleiter, der kurz vor der Freistellungsphase seiner Altersteilzeit steht und kein Engagement in den Aufbau eines firmeneigenes Kinderbetreuungsprogramms investieren möchte, das den Fachkräftebedarf entspannen kann; der Geschäftsführung, die angesichts sechsstelliger Investitionen sich und Banholzer fragt, ob die Kosten-Nutzen-Relationstimme und es wirklich gerecht sei, wenn solche Summen schlussendlich nur einem Teil der Mitarbeiter zugutekommen; aber auch mit sich selbst, denn einige Fragen treiben Eva Banholzer in jenen langen Wochen um: Welches Angebot wird dem Bedarf am besten gerecht? Was ist finanzierbar und am besten vom Unternehmen steuerbar? Was soll eingerichtet werden? Großtagespflege? Zusammenarbeit mit dem Familienservice? Krippe? Kindergarten? Hort? Und was, wenn das Angebot von den Mitarbeitern dann nicht angenommen wird? Wie wichtig ist die pädagogische Qualität? Wer steuert das pädagogische Know-how bei? Welches Personal wird eingestellt? Kann es mit Tagesmüttern überhaupt gehen?

Zwei Bedarfsanalysen unter den Mitarbeitern ergeben ein erstes Bild, „ der Rücklauf war gigantisch“, erinnert sich Eva Banholzer. Schnell stellte sich heraus, dass die Großtagespflege dem Bedarf an Betreuungszeiten und -plätzen kaum gerecht werden würde. „Mit einer Großtagespflege hätten wir weder den Bedarf an Betreuungsplätzen für Kinder unter drei Jahren abdecken können, noch die Zeiten, in denen eine Betreuung seitens unserer Mitarbeiter gewünscht war“, so Banholzer. Nach einer zweiten Erhebung unter den Mitarbeitern und einigen Rahmenbedingungen, die sich glücklich fügten, entschied man sich darum für die Einrichtung einer professionellen Krippe. Was die Weichen dazu maßgeblich gestellt hatte: Für den Betrieb der Krippe - die grundsätzlichen Frage der Trägerschaft - bot sich der Verband der Evangelisch-lutherischen Kindertagesstätten im Kirchenkreis Hameln-Pyrmont selbstständig an; damit waren sowohl alle Fragen der Administration und des pädagogischen Konzepts als auch die spätere Personalauswahl geklärt und in professionelle Hände gelegt. Das Kultusministerium sprach sich für die Krippe als betriebsinterne Betreuungseinrichtung aus und empfahl eine Architektin für den anstehenden Umbau, die entsprechende Erfahrung besaß und bereit war, das bestehende Bürogebäude zu einem Pauschalbetrag umzubauen – damit waren die Investitionskosten gedeckelt und überschaubar.

Und doch stand das gesamte Projekt 2009 wieder vor dem Aus, denn die wirtschaftliche Entwicklung der Firma verlief anderes als gewünscht, das bereits verabschiedete Budget für die Einrichtung einer Kinderkrippe wurde gestrichen, ersatzlos. „Das kann nicht sein“, schoss es Eva Banholzer damals durch den Kopf - nicht nach der Erwartungshaltung, die man bis dahin bei der Belegschaft geweckt hatte.

Die gelernte Journalistin Banholzer begann, um ihr Projekt zu kämpfen. Sie „buddelte“ einen EU-Fonds aus, der die Einrichtung von firmeneigenen Krippen finanziell unterstützen würde, außerdem, wurde mit spitzem Bleistift gerechnet: Wer kann beim Umbau helfen, wie viel Eigenleistung können die Eltern der späteren Krippenkinder einbringen, wo können wir sparen?

Nach einigen Um- und neuen Berechnungen standen die Summen am Schluss fest: 100 000 Euro würde der Umbau kosten, an jährlichen Kosten kämen auf die Firma 60- bis 80 000 Euro für den laufenden Betrieb der Krippe zu. Wobei die Krippe gegenüber einer Kooperation mit Kindergärten, der Großtagespflege oder der Zusammenarbeit mit dem Familienservice gleich mehrere große Vorteile hat: Die Kinderkrippe ist nicht nur das einzige Betreuungsangebot, das förderwürdig für den Europäischen Sozialfond (ESF) ist, sondern auch das professionellste Angebot, das für das Unternehmen mit Blick auf Öffnungszeiten, Betreuungskapazitäten und Investitionen steuerbar bleibt und gegenüber allen anderen Modellen den weitaus höchsten Imagewert aufweist.

Und das ist wichtig, denn die Zeiten, in denen Firmen umworbenen Mitarbeitern mehr Geld und einen größeren Dienstwagen als einzigen Anreiz bieten konnten und damit Erfolg haben, sind vorbei, hatte Hans-Ulrich Born, Vorstand der Weserbergland AG, beim ersten Unternehmens-Netzwerktreffen in Obernkirchen im Herbst betont. Heute sei die Familienfreundlichkeit ein Faktor, der in einem größeren Maße über die Attraktivität des Arbeitgebers mitentscheide. Denn längst gebe es einen Wettbewerb der Unternehmen um die besten Fachkräfte. Gerade bei den Schlüsselfunktionen, so sieht es auch Eva Banholzer, gebe es eine hohe Fluktuation. Daher, so hatte Born erklärt, sei die Familienfreundlichkeit im Zuge des zunehmenden Fachkräftebedarfs für die im Weserbergland ansässigen Unternehmen heute ein wichtiger Faktor, um sich auf dem Bewerbermarkt als Arbeitgeber attraktiv zu positionieren.

Für Eva Banholzer hat sich der lange Atem gelohnt. Es ist eine lange Geschichte, die sich nach fast vier Jahren erzählen kann; eine Geschichte, in der das Projekt m,ehr als einmal auf der Kippe stand und in der die Eltern mit ihrer Eigenleistung einen unfassbar großen Teil der Arbeiten übernommen haben, aber es ist auch eine Erfolgsgeschichte: Im nächsten August werden in der Krippe der „hameln group“ ein Dutzend Kinder in der Betreuung sein, weitere Anmeldungen liegen vor, eine Warteliste gibt es auch schon - die nächsten Betriebsjahre der Krippe sind gesichert,.

Als im September 2011 die Einweihung der betriebseigenen Krippe gefeiert wurde, konnten übrigens viele Gäste davon erzählen, wie sie in ihren Firmen ähnliche Projekte umsetzen wollten – und alle das Handtuch warfen, weil jedes Modell zu groß, zu umständlich, zu nervig und zu bürokratisch war. Es muss ja nicht gleich die große Lösung einer Krippe sein, sagt Eva Banholzer, aber ein wie auch immer geartetes Angebot, das die Vereinbarkeit von Familie und Beruf erleichtert, sollten schon heute viel mehr Unternehmen ihren Mitarbeitern anbieten: „Unternehmen sollten für das Thema sensibilisiert sein und sich heranwagen.“ Das große Argument, das viele Unternehmen immer wieder stressten: die bürokratischen Hürden, die bei der Einrichtung eines Betreuungsangebot zu nehmen seien, lässt Banholzer nicht zählen: „Mit den richtigen Partnern, ist alles machbar - von der Notfallbetreuung bis zur eigenen Krippe“. Natürlich erfordere die Etablierung eines Angebots Engagement. Der Preis, den das Unternehmen dafür erhalte, wöge allerdings schnell alle finanziellen wie personellen Investitionen auf.

Sie selbst lässt gerade ermitteln, welche Kosten der „hameln group“ in etwa durch generelle Fluktuation entstehen, um eine weitere messbare Legitimation für die Einrichtung der Krippe in Händen zu halten. Und vielleicht ebenso für die Vision, die sie bereits umtreibt: Vielleicht könnte ein Betreuungsmodell für drei- bis sechsjährige Kinder das bestehende Krippenangebot sinnvoll ergänzen. Und könnte das übrige Bürogebäude nicht anderweitig genutzt werden? Die Architektin hat schon einmal einen Blick riskiert, völlig unverbindlich natürlich. In Deutschland, sagt Eva Banholzer zum Abschied, gehe die demografische Entwicklung dahin, dass es immer weniger Kinder gibt. Kleine Pause, dann kommt die Pointe: „Bei uns im Unternehmen ist das anders.“




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