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Sommeraktion unserer Zeitung führt 40 Wanderer in Niedersachsens ältestes Naturschutzgebiet

"Im Wald ist alles nur ein Hauen und Stechen"

Hohenstein. Das von Goethe und Eichendorff romantisch-verklärte Bild des Waldes, mit wiegenden Baumkronen und lauschigen Plätzchen, wo wir uns finden, wohl unter Linden - es überlebt bei einem Spaziergang mit Christian Weigel nicht einmal die ersten hundert Meter; schon nach dem ersten Stopp ist es so tot wie Elvis. "Das ist alles kalter Kaffee", urteilt der Forstamtsleiter, denn: "Hier im Wald, hier ist alles ein Hauen und Stechen." Dass der Motor der Eigendynamik im Wald der unerbittliche Konkurrenzkampf ist, belegt Weigel am Beispiel der Buchen und Eschen. Würde man der Natur freien Lauf lassen in Niedersachsens ältestem Naturschutzgebiet, eswürde nur eine Baumart geben: die Buche. In ihrem mächtigen Schatten ist kein Platz für andere, "sie hält alles unten", erklärt Weigel dem interessiert Lauschenden: Wo kein Licht ist, kann nichts mehr wachsen.

Autor:

Frank Westermann

Doch der Förster, der ist pfiffig. Und nutzt die Stärken der Buchen dort, wo Eschen wachsen. Hier, so erläutert Weigel später unweit des Hohenstein-Gipfels, wurde zunächst Esche angebaut, die schnell wächst, Meter um Meter, 50 Jahre lang, ehe sie dann zur Ruhe kommt. Einen Teil der Eschen hat man dann gefällt, sodass heute zwischen den Bäumen viel Platz ist. Platz für die Buche, die langsam nachwächst und so die unerwünschten Wasserreißer in Schach hält: Das sind die Knospen im unteren Stammbereich, die entstehen, wenn Bäume durch Freistellung plötzlich mehr Licht bekommen. Die Esche ist eine anspruchsvolle Baumart, die sich auf Löss prächtig entwickelt. Löss, das ist mehlartiges, ungeschichtetes Sediment von ockergelber bis gelbgrauer Farbe, vom Wind verwehter Flugstaub, der in Kombination mit Kalk, der die Nährstoffe enthält, die Esche wunderbar wachsen lässt. "Ist gerade Konjunktur, muss die Esche nicht verkauft werden, sondern wird versteigert", erklärt Weigel, der sich als inhaltlich sattelfester Plauderer erweist, der seinen Beruf spürbar von der Berufung ableitet und den Wert einer gut erzählten Geschichte und wohlgesetzten Pointe durchaus zu schätzen weiß. So springt er über einen Graben, pflückt ein nichtssagendes grünes Etwas mit violetter Blüte und berichtet von Carl von Linné. Eine "Mörderstory", schickt Weigel noch vorweg. Und sie geht so: Der berühmte Botaniker und Naturwissenschaftler hatte einen Assistenten, der Robert hieß und, nun ja, wenig Neigung zur Körperpflege hatte. Weil von Linné ihn aber nicht direkt darauf ansprechen mochte, benannte er eines Tages einfach eine eher nicht so schön riechende Pflanze nach Robert - in der Hoffnung, dass dem Assistenten nun ein kleines Licht aufgehen möge. Ob es geholfen hat, ist nicht überliefert, meint Weigel und hält den Wanderern die Pflanze hin: "Riechen Sie mal." Und tatsächlich: Sie stinkt, die geranium robertinum. Gut drei Stunden dauert die Wanderung, zu der unsere Zeitung im Rahmen der Sommeraktion geladen hat und die 40 Leserüber die Grenzen des Landkreises hinaus in ein Schutzgebiet von europäischem Rang führt. Es ist ein Bereich, in dem "Kyrill" seine noch immer sichtbaren Spuren hinterlassen hat. Dort unten, sagt Weigel und zeigt vom Hohenstein-Gipfel aus nach links, "dort unten hat erst der Borkenkäfer die Bäume mürbe gefressen, dann hat Kyrill die gesamte Pflanzung zerlegt." Zu sehen ist nichts, nur eine blassgrüne Fläche, die im dortigen Waldbestand wie eine offene Wunde klafft. Aber Weigel ist schon weiter, er hält ein echtes Schätzchen in der Hand: den Riesenschachtelhalm, der so groß gar nicht ist, vielleicht 20 Zentimeter, aber sehr selten zu finden ist. Hier fühlt er sich sauwohl: "Denn Kalk kann kein Wasser halten, er reißt auf und zerbröselt durch die Kohlensäure, dann fließt das Wasser in die Quellbereiche - und dort, im kalkhaltigen Wasser fühlt sich der Riesenschachtelhalm wie ein Fisch im Wasser", erklärt Weigel. Die Pflanze sei ein "Kalkanzeiger" und in Europa nur hier zu finden. Wenn Weigel erzählt, werden auch komplexere Zusammenhänge durchaus verständlich. Eine Mörderstory, die hat er noch. Kurz vor Schluss bleibt er vor einem Gehege stehen. Dort hat er Elsbeeren anpflanzen lassen, 900 Stück. Und sich dann irgendwann gewundert, warum ein Teil der Elsbeeren wie Mehlbeerbäume aussahen - weil es welche waren. "Die Töffel haben mir glatt 209 Mehlbeeren alsElsbeeren geschickt." Denn Weigel hat die falschen Fuffziger nachzählen lassen. Damit dann nicht doppelt gezählt wurde, hat der Mitarbeiter eine Farbdose mitgebracht: Die Mehlbeeren am Hohenstein, das sind die grünen Pflanzen mit dem roten Farbhut. In 80 Jahren, sagt Weigel zum Abschluss, sollen wir alle nochmal wiederkommen. Dann hat er aus den Früchten der Elsbeeren richtig guten Schnaps gebrannt, "Weigels alte Elsbeere", sagt er lachend: "Dann kriegen wir die Kosten für die Pflanzen locker wieder rein."




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