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Stürmischer Beifall für Pianist Igor Levit im ausgebuchten Kaminsaal

Im Labyrinth der Variationen

Stadthagen (dis). Er legte die Stirn in Falten und lächelte dann geradezu genießend in sich hinein. Es schien, als würde eine musikalische Vision Igor Levits Körper durchfluten, ehe sie sich in seinen Fingern verdichtete und in den Flügel entlud. Die Rede ist vom Beginn eines außergewöhnlichen Klavierkonzertes, das der seit 1995 mit seiner Familie in Deutschland lebende 20-jährige Russe für den Verein Kultur Stadthagen im ausgebuchten Kaminsaal des Stadthäger Schlosses gegeben hat.

Robert Schumanns letzter und bereits im Zustand geistiger Umnachtung geschaffener Opus von 1854, "Die Geistervariationen", kam dem Nachwuchskünstler in seiner eher düsteren Stimmungsmelange gleich zu Beginn sehr entgegen. Mit makelloser Technik und großem Einfühlungsvermögen folgte er penibel den Vorgaben eines Komponisten, der unmittelbar vor dem Zusammenbruch stand. Danach gings mitten hinein ins Zentrum der Pianisten-Artistik. Maurice Ravel wollte mit dem "Gaspard de la Nuit" den Tastenhelden nämlich das Meisterwerk ins Stammbuch schreiben, und Levit überstand die Verbindung zwischen extremer Rasanz und duftigen Klangvaleurs mit Bravour. Er begann mit dem Tremolo der "Ondine"-Einleitung in flirrender Gleichmäßigkeit. In die Etüde des Galgenstücks "Le Gibet" geheimniste der Solist nicht mehr Bizarrerie hinein, als der Impressionist Ravel im romantischen Schauermärchen verwirklicht haben wollte: eine fahl beleuchtete Mondschein-Szenerie in durchscheinenden Farben. Da war die präzise Anschlagkultur vorgezeichnet, mit der der Gast den dämonischen Zwerg des Gaspard-Satzes skizzieren würde: zupackend in der Pointierung, mit viel charakterisierender Kraft. Nach der Pause formulierte Levit die 33 Variationenüber einen Diabelli-Walzer aus der Feder Ludwig van Beethovens schier atemberaubend zwischen perkussiver Wildheit und nachdenklicher Innigkeit changierend. Er durchleuchtete das Labyrinth der Veränderungen und verdeutlichte den Charakter jedes Teiles staunenswert, zudem reagierte er ohne nur Spuren der Verzögerung auf die sich stets ändernden spieltechnischen Anforderungen dieses Mikrokosmosses. Als ein Augenblick intensivster Gestaltung mag der Wechsel zwischen den drei Abschlussparts hervorgehoben werden. An die im absoluten Pianissimo verlöschende drittletzte Variation mit ihrem kantablen Ausdruck reihte sich die Doppelfuge mit atemberaubend dahingehämmertem Thema. Aber auch diese Fuge verflüchtigte sich in des Jungstars sensibler Interpretation und gab den Finalblick auf die C-Dur Helligkeit frei. Stürmischer Beifall und - trotz der vorangegangenen Strapazen - das "Lied ohne Worte" von Felix Mendelssohn Bartholdy als Geschenk für den Applaus.

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