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Senioren zögern den Umzug ins Heim hinaus / Der Lebensradius wird kleiner – neue Angebote helfen

Ihre Selbstständigkeit wollen sie lange erhalten

Hessisch Oldendorf (ah). Haus- und Gartenarbeit, Besuche bei oder von Familienangehörigen, Nachbarn und Freunden bestimmen den Alltag von Senioren. Viele sind rüstig, treiben Sport, machen Radtouren, gehen schwimmen und sind präsent in den Kirchengemeinden. Als Mitglieder in diversen Vereinen nehmen sie an Fahrten und Veranstaltungen teil. Wer mobil ist, nutzt zudem gerne auswärtige Theater-, Konzert- und Einkaufsangebote. Manch vitaler älterer Mensch scheint auf einmal von der Bildfläche zu verschwinden: Plötzlich gilt es sich um pflegebedürftige Partner zu kümmern. Drei Senioren- und Pflegeheime sind in erreichbarer Nähe Hessisch Oldendorfs angesiedelt, doch nicht alle können oder wollen solch einen Schritt der Trennung wagen.

Herta Kullack ist froh, dass ihr Mann noch gut zu Fuß ist und die tägliche Runde mit seinem Rollator liebt; dadurch kommen beide unter Menschen. Auch zu Einkäufen oder Veranstaltungen geht das Ehepaar gemeinsam. Früher kannte jeder die Fahrradwerkstatt von Eberhard Kullack in der Langen Straße. Mittlerweile hat der 84-Jährige mehrere Schlaganfälle hinter sich, seit sieben Jahren ist er pflegebedürftig. Seine um ein Jahr jüngere Ehefrau kümmert sich um ihn, nimmt trotz Pflegestufe II noch keinen häuslichen Pflegedienst in Anspruch.

„Das Leben geht weiter“, beschreibt sie ihre Situation – Jammern ist nicht ihre Sache. Seit einigen Monaten erfährt sie Entlastung durch die DRK-Tagespflegeeinrichtung vor Ort. „Eine große Freude“ sei es gewesen, als sie von deren Neueröffnung hörte. An fünf Tagen pro Woche steht sie von 7 bis 19 Uhr für Pflegebedürftige offen. Jeden Dienstag nimmt Eberhard Kullack dieses Angebot wahr, seit kurzem zusätzlich auch donnerstags – und er geht gerne dorthin. Er freut sich, wenn andere Gäste der Einrichtung sagen: „Oh, ich kenne Sie, Sie haben früher mein Fahrrad repariert ...“ „Mein Mann ist den ganzen Tag unter Leuten und wird gefördert, das gefällt ihm – und ich weiß die freie Zeit zu nutzen“, berichtet Herta Kullack. „Die Tage dort könnten ruhig noch länger dauern“, fügt ihr Mann hinzu; von 8 bis 18 Uhr wird er betreut. Singen, Gesellschaftsspiele, vorlesen, Essen vorbereiten und speisen – das alles gehört zum Tagesablauf. Für Herta und Eberhard Kullack ist der Lebensradius klein geworden – für sie kein Problem, da sie sich in Hessisch Oldendorf wohl fühlen und hier alle lebensnotwendigen Einrichtungen vorfinden.

Neun Arzt-, zwei Tierarzt- und fünf Zahnarztpraxen, drei Apotheken, drei Brillen-und zwei Hörgeräteakustikergeschäfte allein in der Kernstadt stellen die Gesundheitsgrundversorgung für Senioren und ihre Lieblinge sicher. Lebensmittel gibt es in großer Bandbreite zu kaufen, vertraute kleinere Läden mit Frischwaren verschwinden zunehmend aus dem Innenstadtbereich. Wer für spezielle Einkaufswünsche nach Hameln oder Rinteln fahren möchte, kann Probleme bekommen. „Die Verkehrsanbindung ist im Vergleich zu früher schlecht, abends kommt man gar nicht mehr nach Hessisch Oldendorf“, sagt Erika Haase, die keinen Führerschein besitzt. Ihr Mann Dieter bemängelt, dass vor Ort nicht mehr so viele große Feste gefeiert werden und erinnert an frühere Zeiten. Lobend hebt er die verschiedenen Konzerte hervor, zu denen die Stadtkapelle mehrmals im Jahr einlädt.

Christa Leideritz, 81, nimmt gerne an kulturellen Veranstaltungen im Kultourismusforum und an Fahrten des DRK teil, singt im Kirchenchor und besucht das Fitnessstudio. Gut findet sie, dass sie in der Sprechstunde des Bürgermeisters den mühseligen Kehrdienst ansprechen konnte. Über alle regelmäßigen Veranstaltungen für ältere Menschen in der evangelischen Kirchengemeinde St. Marien informiert sie ein Flyer.

„Unsere Stadt muss sich Gedanken machen“

Unter Leitung von Fritz Holstein gibt es in Hessisch Oldendorf den Seniorenbeirat, der sich mit immer neuen Ideen ins Gespräch bringt. Er initiiert Veranstaltungen für Senioren über Themen, die ihnen unter den Nägel brennen wie die Pflegeversicherung, außerdem einen Computerkurs. Freitags lädt er zur Sprechstunde ein. Interessiert verfolgten die Mitglieder die Diskussion über Kinderarmut in Hessisch Oldendorf. Gemeinsam mit den Landfrauen unterstützen sie nun das Projekt der Jugendlichen der Initiative „Augen auf!“ an der örtlichen Grundschule. Der Seniorenbeirat ist in vier Fachausschüssen des Stadtrates als beratendes Mitglied und in den drei Beiräten der Seniorenheime vertreten, allerdings nach wie vor vielen nicht bekannt. Angesprochen auf die Lebenssituation von Senioren in der Kernstadt meint die Vorsitzende des DGB-Ortsverbandes, Marlies Schattenberg: „Unsere Stadt muss sich Gedanken um die wachsende Anzahl an Senioren machen; da ist noch ein großer Bedarf.“

Vielen Hessisch Oldendorfern bekannt: Herta und Eberhard Kullack. „Das Leben geht weiter“, beschreibt sie ihre Situation – Jammern ist nicht ihre Sache.




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