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Einblicke ins Schaumburger Hebammenleben / Witwe Karoline Vogt aus Rinteln eine „Spitzenkraft“

Ihr Wissen war mehr als bescheiden

Ist die geburt groß, un besonders das haupt, so sol die hebam (Hebamme) der frawe (Frau) gemecht (Vagina) und den Ingang der bermüter (Gebärmutter) mit irer Hand senfttiglich weytern (sanft weiten)“ heißt es in dem 1515 erschienenen Hebammen-Lehrbuch „Der schwangeren Frauen und Hebammen Rosegarten“. Zuvor müsse die „hebam“ ihre Hand jedoch „mit öl un zerlassen schmaltz glat“ machen.

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Autor:

Wilhelm Gerntrup

Ob die vor 500 Jahren in der Grafschaft Schaumburg tätigen Geburtshelferinnen das Werk des berühmten Arztes und Apothekers Eucharius Rösslin (1470-1526) kannten, ist nicht überliefert. Wenn ja, dürften sie sich mit dem Lesen schwergetan haben. Der Grund: Das Gros der hierzulande meist „Bademütter“ oder auch „Wehmütter“ genannten Frauen hatte nie die Chance gehabt, eine Schule besuchen zu können. Das Wissen rund ums Gebären war allein auf generationsübergreifende Erfahrungen begründet. Es war – gemessen an heutigen Verhältnissen – mehr als bescheiden. Die hygienischen Verhältnisse waren katastrophal. Kirchliche Glaubenseiferer wurden nicht müde, die Leibesfrucht als Folge des Sündenfalls und das Gotteswort „mit Schmerzen sollst du Kinder gebären“ als Drohung zu predigen. Alles zusammen machte das Kinderkriegen – vor allem in den engen und düsteren Kammern auf dem Lande – zu einem schwer kalkulierbaren, von viel abergläubischem Hokuspokus begleiteten Risiko. Kein Wunder, dass die Bademutter-Zunft von der Hexenverfolgung besonders betroffen war.

Besser wurde es erst, als sich im Gefolge der Aufklärung immer mehr Landesfürsten für das Wohl und Wehe der Untertanen zu interessieren begannen. Vom 18. Jahrhundert an wurden die bis dato überwiegend nachbarschaftlich und/oder von Ortsvorstehern und Bürgermeistern organisierte Geburtshilfe zunehmend staatlich reglementiert. Eine der reichsweit ersten Weisungen dieser Art war die 1734 vom damaligen Grafen Albrecht Wolfgang auf den Weg gebrachte schaumburg-lippische „Medicinal-Ordnung“. Erklärtes Ziel war es, das Wissen und Wirken aller auf dem Gebiet der Heilkunde tätigen Personen zu bündeln und aufeinander abzustimmen. Das betraf neben den „Medici“ und „Chirurgi“ sowie den „Apotheker-, Barbier- und Bader-Gesellen“ auch die Hebammenschaft. Geburtshilfe durften nur noch Frauen leisten, die „von einer bekannten, geschickten, erfahrenen und approbierten Hebamme“ ausgebildet worden waren. Wenn sich während der Geburt „bedenkliche Umstände ereigneten“, mussten „nach Gelegenheit ein Medicum oder Chirurgum zu Rathe“ gezogen werden.

Knapp hundert Jahre später trat eine ähnliche Regelung auch in der hessischen Grafschaft Schaumburg in Kraft. Die 1830 vom damaligen Landgrafen Wilhelm II. unterschriebene „Medizinal-Ordnung“ sah – über den im benachbarten Schaumburg-Lippe eingeführten Maßnahmenkatalog hinaus – die Ausweisung von Hebammen-Bezirken, die Aus- und Weiterbildung der Frauen in einer in Fulda eingerichteten „Hebammen-Lehranstalt“ und die Regelung der Einkommensverhältnisse vor. Für Rinteln und Umgebung wurden 14, rund um Obernkirchen acht, und in Oldendorf und Rodenberg je zehn Bezirke ausgewiesen.

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  • |So versuchte man, den Hebammen die mögliche Stellung der Ungeborenen im Mutterleib deutlich zu machen. Repros: gp

Für Auswahl, Prüfung, Überwachung und regelmäßige Beurteilung war der „Physicus“ zuständig - ein für die Schulung des kurhessischen „Medizinal-Personals“ zuständiger Spezialarzt. Hebammen mussten vor allem gut beleumundet und sittlich gefestigt sein. Außerdem waren Fertigkeiten im Lesen und „möglichst auch im Schreiben“ sowie ein gesunder Körper, ein gutes Gesicht (Sehvermögen) und ein gutes Gehör gefragt. Als unverzichtbar galten darüber hinaus „nicht allzu breite Arme und Hände ohne Warzen und Schwielen“ und „ein feines Gefühl in den Fingerspitzen“.

Nach den im Bückeburger Staatsarchiv aufbewahrten Aufschreibungen war ein großer Teil der im 19. Jahrhundert in der Grafschaft tätigen Bademütter von der Erfüllung solcher Vorgaben weit entfernt. Bei vielen hapere es immer noch an der Fähigkeit, die „Geburtstheile“ unterscheiden und fachgerecht untersuchen zu können, klagte in den 1850er Jahren der damalige Physikus Dr. Selberg. Das schlug sich auch in den regelmäßig abzugebenden Beurteilungen nieder. Fast die Hälfte der Amtsinhaberinnen war laut Selberg „ungeeignet“. Etliche mussten wegen Altersschwäche aus dem Verkehr gezogen werden, darunter auch Ernestine Requard aus Engern. Sie war, obwohl völlig erblindet, über Jahre hinweg weiter im Einsatz gewesen.

Eine absolute Spitzenkraft muss den Listen zufolge die Witwe Karoline Vogt aus Rinteln gewesen sein. Die 52- Jährige hatte 1842 bei 87 Geburten mitgewirkt und dabei 70 gesunde Kinder ins Leben befördert – für damalige Verhältnisse ein herausragendes Ergebnis. Bei den Kolleginnen lag die Quote an Tot- oder Missgeburten wesentlich höher. Es dauerte bis weit ins 20. Jahrhundert hinein, bis medizinischer Fortschritt und professionelle Schulungsmethoden dem Berufsstand zu seinem heutigen gesellschaftlichen Ansehen verhalfen.

Eine zweifelhafte Aufwertung erfuhr die Zunft während der NS-Zeit. Nach der „Machtergreifung“ Hitlers 1933 ließen sich die Verbandsoberen willfährig in die rassistischen familienpolitischen Vorgaben der NSDAP-Ideologen einbinden. Mehr noch: Das 1938 erlassene Reichshebammengesetz ermöglichte eine aktive Einbeziehung der Amtsinhaberinnen in die Umsetzung des Gesetzes zum Schutz der Erbgesundheit des deutschen Volkes und die Mitarbeit bei der Isolierung und Ausmerzung der sogenannten „Gemeinschaftsunfähigen“. Ob es damals auch im Schaumburger Land kriminelle Machenschaften gab, ist weitgehend unerforscht. Auffällig ist, dass allein in Schaumburg-Lippe im Zuge einer 1940 angeordneten Neuordnung der 20 Hebammen-Bezirke acht Frauen ausschieden oder ausgewechselt wurden. Ein politischer Hintergrund lässt sich bei flüchtiger Durchsicht der Akten nur in einem Fall herauslesen: Die im Gebiet Meinsen-Warber-Scheie-Rusbend tätige Amtsinhaberin Watermann musste gehen, weil sie „den Beitritt zur Reichsfachschaft (NS-Hebammenorganisation) strikt ablehnte“.

Das Thema Gebären, Geburt und Geburtshilfe hat zu allen Zeiten auch die Künstler bewegt und beschäftigt. Hier die Darstellung„Gebärende“ des deutsch-schweizerischen Kupferstechers Jost Amman (1539-1591).



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