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Bildung als Chance für den Aufstieg: Italiens Botschafter erklärt Schülern, dass eine Drei als Zensur Steigerungspotenzial hat

"Ihr könnt in Deutschland nicht als Fremde leben"

Obernkirchen (rnk). Die Gelegenheit, einen derartig hochrangigen Gast einfach fragen zu dürfen, nutzen die fast 30 italienisch-stämmigen Schüler der Haupt- und Realschule gern: Wie ist denn das Leben als italienischer Botschafter in Deutschland? Der ganze Tag nur Saus und Braus? Party ohne Ende? Jeden Abend Champagner? Und, ach ja: "Sind Sie Millionär?" Zumindest bei der letzten Frage muss Puri Purini dann doch lachen: Nein, Millionär sei er nicht, wie denn auch, wenn man im Staatsdienst arbeitet.

Der Rest der Schulstunde fiel gestern deutlich ernster aus. Der italienische Botschafter in Deutschland möchte den Anteil der italienisch-stämmigen Schüler, die eine höhere Schule besuchen, mittel- und langfristig erhöhen. Dafür wirbt er. Am Schulzentrum sind zwölf Prozent der Schüler ausländischer Herkunft, hatten Schulleiter Torsten Reinecke und Konrektor Hartmut Drygalla zuvor im Hintergrundgespräch verdeutlicht. Fünf Prozent seien italienischer Herkunft, 28 Schüler von insgesamt 585 Schülern. Probleme gibt es durchaus, wie Reinecke und Drygallaoffen erklären. Zum Teil ist das Interesse der italienischen Familien, gerade aus bildungsfernen Schichten, an einer perfekten Beherrschung der deutschen Sprache nicht immer hoch, reiche es zuweilen nur zum Verständnis der Schüler untereinander, aber nicht zum Erfassen der tieferen Zusammenhänge eines deutschsprachigen Textes, zum andren werde auch der muttersprachliche Unterricht immer weniger und schleppender in Anspruch genommen. Bei der Ursachenforschung verwiesen Reinecke und Drygalla auch auf das schulische Nachmittagsprogramm als starke Konkurrenz. Aber vor gut 15 Jahren, das dürfe man eben auch nicht vergessen, dass damals der zuständige Lehrer noch persönlich bei den italienischen Familien vorgesprochen habe, Tenor: Dein Junge lernt deutsch. Aber heute, so betonte Reinecke, sei das Wort eines Lehrers immerhin noch verpflichtend, wenn er sage, der Schüler brauche dieses Förderangebot. Auf ein Angebot, das es nun nicht mehr gebe, wies Drygalla hin. Jahrzehntelang habe es eine Hausaufgabenhilfe für italienische Schüler gegeben, die vom italienischen Konsulat aufgelegt worden sei. Sie werde nicht mehr angeboten, weil die Schule nach ihrem Antrag im November letzten Jahres schlicht keine Antwort mehr erhalten habe. Die Folge: "Würden wir es jetzt wieder anbieten, wollen die Italiener nicht mehr, außerdem fehlen uns jetzt die Lehrer." Allerdings werde sich das Problem mit Einführung der IGS erledigt haben, weil dann alle Bereiche der Hausaufgabenhilfe festgeschrieben würden. Von den Realschülern, so rechneten die beiden Schulleiter vor, würden pro Jahrgang etwa 15 Schüler auf die Realschule gehen, von denen ein Drittel den erweiterten Abschluss erhielten; zwei bis drei Schüler würden dann am Gymnasium ihr Abitur machen. "Kinder der dritten Generation", wie Drygalla bemerkte. In einem Punkte waren sich Schulleitung, Botschafter und auch der Bundestagsabgeordnete Sebastian Edathy mit Blick auf die italienischen Familien einig: "Allgemeine Integrationsprobleme gibt es nicht; nicht in dem Sinne, dass sich die deutschen Behörden keine Mühe geben." Was die Schule natürlich mit einschließt. 13 Prozent aller italienisch-stämmigen Schüler gehen auf das Gymnasium, nur ein Prozent besucht anschließend die Universität: Zahlen, die es zu verbessern gibt, betont Purini, der von einem Bildungsbewusstsein spricht, das es zu entwickeln gibt: Mit Stadt und Lehrern, die Verantwortungsgefühl beweisen, durch Gespräche mit den Familien und den Menschen, aber auch durch Abgeordnete, die die Probleme spüren. Den Schüler schreibt der Diplomat anschließend Sätze ins Stammbuch, die an Deutlichkeit nicht zu wünschen übrig lassen. Fleißig müsse man sein, schließlich sei der Wettbewerb sehr, sehr stark. Natürlich sei es für italienische Familien und Deutschland nicht einfach, wenn das Herz an Italien hänge und das Gehirn Deutschland sage. Aber wer mit drei Sprachen aufwachse (weil Englisch in der Schule noch hinzukomme), der habe auch beste Chancen, der habe einen großen Vorteil, der könne seine beruflichen Ziele auch erreichen: "Wer deutsch und italienisch spricht, wer mit zwei Sprachen anfängt, der hat im beruflichen Leben bessere Chancen auf Erfolg und ein erfülltes Leben." Als Edathy wissen will, wer eine Drei in Deutsch hat oder gar schlechter steht, weist Purini die sich meldenden Schüler daraufhin, dass man solche Noten durchaus verbessern könne: "Ab und zu eine 1", schlug er vor, dürfe es auch einmal sein. Und: Für einen Italiener, der in Deutschland geboren werde, sei es durchaus wichtig, sich auch als Deutscher zu fühlen. Das Leben hier, die Schule, später der Beruf, das alles präge: "Ihr könnt hier nicht als Fremde leben." Auch die letzte Antwort blieb Purini nicht schuldig: Das Leben eines Botschafters sei keineswegs eine einzige lebenslange Party, sondern Arbeit, Arbeit, und nochmals Arbeit. In dieser Reihenfolge.




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