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Reaktionen auf Dewezet-Bericht: Politiker bemängeln Standort, hohe Kosten und fehlendes Konzept

IGS-Planung gerät massiv in die Kritik

Hameln (CK). Der monetäre Schock – die Integrierte Gesamtschule (IGS) droht doppelt so teuer zu werden wie geplant –, aber auch ein angeblich fehlendes pädagogisches Gesamtkonzept und nicht zuletzt die Frage der künftigen Schulträgerschaft: Das alles wird heute vermutlich zur Sprache kommen, wenn der Fachausschuss über das Raumplanungs- und Umsetzungskonzept für die IGS berät. Die Sitzung findet ab 16.30 Uhr in der Mensa des Schiller-Gymnasiums statt. Nach dem gestrigen Bericht der Dewezet hagelt es schon im Vorfeld jede Menge Kritik.

Die grüne Kreispolitikerin Mechthild Clemens rät dringend dazu, beim Raumkonzept „noch einmal zu überlegen“. „Ein schlüssiges Konzept muss her, mit Beteiligung von Eltern, Lehrern und Architekten“, fordert die Vorsitzende des Kreisschulausschusses. Denn für eine IGS mit Herausforderungen wie Inklusion – also Einbeziehung von Schülern mit Behinderungen in den Unterricht – und Ganztagsbetreuung brauche man mehr als fünf Klassenräume und einen Gruppenraum. „Wir benötigen mehrere kleinere Räume für Lerninseln. Wir wollen keine Käfighaltung“, sagt die Grüne nicht ohne Polemik und verweist auf „genügend hervorragende Beispiele“, unter anderem in Göttingen. Die Idee einer kompletten Schulträgerschaft in einer Hand, nämlich beim Landkreis, nennt sie „finanziell und sachlich gut“, zumal das eine bessere Planung ermögliche, auch angesichts des demografischen Wandels.

Kritik kommt auch von ihrem Stellvertreter Karl-Heinz Brandt. „Die bisherige Planung für die IGS weist keine Räumlichkeiten für ein Ganztagsangebot aus, obwohl ganztägiges gemeinsames Lernen zum unabdingbaren Profil einer Integrierten Gesamtschule gehört“, sagt der Sozialdemokrat aus Coppenbrügge und langjährige Leiter der Kooperativen Gesamtschule in Salzhemmendorf. Keine der anderswo bestehenden Integrierten Gesamtschulen, so Brandt, verzichte in ihrem pädagogischen Konzept auf einen attraktiven und vielfältigen Ganztagsbereich, dessen Besuch für die Lernenden zumindest teilweise verpflichtend ist. Auf diese Mängel habe er in der Vorwoche hingewiesen, als er erstmalig als Vertreter des Landkreises an einer Sitzung der Planungsgruppe teilgenommen habe.

Wenn auch die augenblicklich geltenden Vorgaben der Landesregierung lediglich ein weniger umfangreiches „offenes“ Angebot zuließen, sollte doch planerisch ein Raumbedarf für ein Ganztagsangebot vorgesehen werden, der sich an den pädagogischen Bedürfnissen einer funktionierenden IGS orientiere, schlägt Brandt vor. Die Zahl der in der Planung vorgesehenen Gruppenräume ist nach Ansicht des Pädagogen angesichts des Bedarfes, der unter anderem durch unterrichtliche Differenzierung und die Erfordernisse der Inklusion definiert wird, viel zu gering. Er genüge nicht den Anforderungen einer pädagogisch orientierten Raumplanung. Das sollten die verantwortlichen Gremien des Schulträgers – das ist die Stadt Hameln – bei ihren Planungen und Entscheidungen berücksichtigen, fordert Brandt.

Die Kosten, die auf die Stadt Hameln, aber auch den Landkreis als Zuschussgeber zukommen, hält Rolf Keller (CDU) für viel zu hoch. Als Kreistagsabgeordneter, so der Politiker aus Emmerthal, könne man weitere große Schulbaumaßnahmen nicht unterstützen. „Wir schließen und verkaufen zurzeit Schulgebäude im Landkreis, dazu sinken jährlich die Schülerzahlen in der ganzen Region. Wir haben kreiseigene Schulen wie etwa in Aerzen und Emmerthal, die künftig nicht ausgelastet sind.“ Warum könne man nicht eine IGS auch für Schüler aus Hameln und dem übrigen Landkreis dort einrichten, wo gute Schulgebäude vorhanden sind – zum Beispiel in Emmerthal, fragt Keller. Er schlägt zudem vor, in Aerzen eine Oberschule zu schaffen. Sein Fazit: „Der Landkreis würde Geld sparen, die Stadt Hameln würde ebenfalls Geld sparen und sich auf die drei Gymnasien konzentrieren, die Schulen in Emmerthal und Aerzen wären ausgelastet, und nicht zuletzt würden die Öffis wieder mit vollen Bussen fahren.“ Etwas anderes, so glaubt der Politiker, könne man dem Steuerzahler nicht zumuten.

„Wir reden über Millionen in den nächsten Jahren“, warnt auch Ursula Wehrmann angesichts der Kostenexplosion für die IGS. Die Fraktionsvorsitzende der Grünen in Hameln glaubt, dass man einen Großteil der jetzt anfallenden Kosten hätte sparen können, wenn man zuvor alternative Standorte gründlicher untersucht hätte. Allein aufgrund der fehlenden Barrierefreiheit hält sie den Standort für eine IGS am Schulzentrum Nord schlichtweg für falsch. „Ich hatte zu Beginn der Planungen gefragt, ob wirklich alle infrage kommenden Standorte auf ihre Tauglichkeit hin untersucht worden sind“, sagt die Bürgermeisterin. Und erinnert sich, damals die Theodor-Heuss-Realschule am Schulzentrum West vorgeschlagen zu haben. „Dort gibt es einen Fahrstuhl, und auch Erweiterungsmöglichkeiten sind vorhanden.“ Nach wie vor glaubt die Grüne, dass seitens der Verwaltung nicht alle Möglichkeiten geprüft worden seien; zu ihrem Bedauern habe sich die Politik auf das Schulzentrum Nord verständigt.

Landrat Rüdiger Butte hat von der Kostenexplosion für die IGS erst aus der Zeitung erfahren. „Wir sind total überrascht und müssen jetzt erst mal abwarten. Aber die Stadt Hameln ist bisher noch nicht auf uns zugekommen“, sagt Butte. Er weiß natürlich, dass der Landkreis per Gesetz verpflichtet ist, sich mit 50 Prozent an den Kosten zu beteiligen. Die dreigeteilte Schulträgerschaft hält er im Übrigen für einen Anachronismus. „Es erschwert die Arbeit, wenn es wie hier drei Schulträger gibt. Den politischen Willen, das zu ändern, kann ich aber nicht erkennen“, bedauert der Landrat.

Steht im Kreuzfeuer der Kritik: die IGS am Schulzentrum Nord in Hameln. Foto: Dana




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