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Wahlsieger Farr lässt Eintritt in SPD weiter offen / Wahlverlierer Drewes will CDU-Chef bleiben

„Ich will ein Landrat für alle Bürger sein“

Landkreis (crs). Der eine sitzt an seinem angestammten Schreibtisch im Kreishaus und hat vor lauter Gratulanten kaum eine ruhige Minute. Der zweite bereitet sich auf das heutige Seminar im Master-Studiengang an der Uni Bielefeld vor. Und der dritte macht seit Wochen endlich mal wieder einen ausgedehnten Spaziergang mit seiner Frau und den Hunden. Tag 1 nach der Landratswahl aus der Sicht der drei Kandidaten: So ein bisschen hatte das normale Leben Jörg Farr, Sören Hartmann und Klaus-Dieter Drewes nach den langen Wochen des Wahlkampfs gestern wieder. Aber nur ein bisschen.

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„Ich komme heute wirklich kaum zum Arbeiten, es ist ganz schön viel Trubel“, sagt Wahlsieger Jörg Farr, der am Sonntag mit glanzvollen 60,4 Prozent der Stimmen zum neuen Schaumburger Landrat gewählt worden ist. Zum Beantworten der vielen E-Mails und SMS ist er noch gar nicht gekommen, eine berufliche Verschnaufpause legt er auch nicht ein: Nach dem intensiven Wahlkampf – Farr hatte sich wegen einer Erkältungskrankheit teilweise mit Antibiotika über Wasser halten müssen („so etwas ist schwer auszukurieren, wenn man in dieser Jahreszeit auf den Marktplätzen steht“) – steigt der amtierende Kreiskämmerer schon heute voll in die Haushaltsplanung für 2011 ein. „Ich muss jetzt einfach ran, das ist für einen Kämmerer eine typischerweise arbeitsintensive Jahreszeit“, sagt Farr. Und muss auf die Frage nach dem nächsten Urlaub lachen: „Erst mal nicht.“

Erst mal nicht. So ähnlich, wenn auch nicht explizit, darf wohl Farrs Antwort auf die Frage nach einem Eintritt in die SPD verstanden werden – eine Entscheidung, die der parteilose SPD-Kandidat bislang immer auf die Zeit nach der Wahl verschoben hatte. Und die er auch jetzt nicht dezidiert trifft: „Ich will ein Landrat für alle Bürger im Landkreis sein“, sagt Farr einigermaßen verklausuliert. „Ich habe deutlich gemacht, dass ich die Verwaltung überparteilich führen und mit allen politischen Kräften zusammenarbeiten will.“ Diesbezüglich habe er den Anspruch, die Linie des amtierenden Landrats Heinz-Gerhard Schöttelndreier in Kontinuität fortzuführen, „wichtige politische Entscheidungen auf einen breiten Konsens zu gründen“. Bis zum 28. Februar will Schöttelndreier nach eigenem Bekunden noch „unter Volldampf“ weiterarbeiten, in alle Entscheidungen werde Farr als designierter Landrat aber bereits vor seinem Amtsantritt am 1. März eingebunden.

Nach zwei gescheiterten Kandidaturen für das Landratsamt will Wahlverlierer Klaus-Dieter Drewes künftig nicht mehr für ein politisches Berufsmandat kandidieren: „Das kann ich mir absolut nicht vorstellen.“ Zwar habe der Wahlausgang ihn traurig gemacht, das räumt der CDU-Mann offen ein: „Am Boden zerstört bin ich aber nicht.“ Nach den Anstrengungen des Wahlkampfs – „das war schon das maximal Mögliche, was ich in diesem Jahr gerissen habe“ – gönnt Drewes sich gestern und heute zwei Erholungstage mit langen Spaziergängen mit seiner Frau und den Hunden, bevor er am Mittwochmorgen um 9 Uhr wieder an seinem Schreibtisch beim Sparkassenverband sitzt: „Die Arbeit ruft – und ich freue mich darauf. Es war nie mein alleiniges Lebensziel, Landrat in Schaumburg zu werden.“

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Der Kommunalpolitik in Schaumburg bleibt Drewes erhalten: Auf dem nächsten Kreisparteitag der CDU am 7. Dezember will er sich erneut um den Kreisvorsitz bewerben. „Ich stehe als Kandidat zur Verfügung und freue mich, wenn ich den Auftrag bekomme.“

Als rundum positive Erfahrung bucht Polit-Neuling Sören Hartmann die vergangenen Wahlkampf-Wochen ab: „Es hat sehr viel Spaß gemacht.“ Dass er als 23-jähriger Master-Student durchaus als Mitbewerber auf Augenhöhe erlebt worden sei, habe ihm der Wahlabend im Kreishaus bestätigt: Bei Gesprächen mit führenden Kreispolitikern beider großen Parteien hat Hartmann sich auf der politischen Bühne des Landkreises bekannt gemacht. Nicht zuletzt zum künftigen Landrat hat Hartmann ein gutes Verhältnis: „Jörg Farr hat mir das Du angeboten – wir werden uns demnächst mal auf einen Kaffee treffen.“

Die Politik im Landkreis Schaumburg will Hartmann auf jeden Fall mitbestimmen, und das an vorderster Front: In der vergangenen Woche ist er zum neuen Kreisvorsitzenden der Linken in Schaumburg gewählt worden. Bei den Kommunalwahlen am 11. September 2011 will Hartmann für den Kreistag antreten, auch eine Kandidatur für den Rintelner Stadtrat erwägt er. Damit nicht genug: Perspektivisch denkt er schon jetzt an eine Kandidatur bei der Ende 2012 oder Anfang 2013 stattfindenden Landtagswahl. „Vielleicht lässt sich da über die Liste was machen.“

Ähm… – wer genau wird hier noch mal gewählt? Wenn bei Farrs Wahlplakaten schon Sebastian Edathys Auftritt von der jüngsten Bundestagswahl durchscheint (gesehen in Bückeburg) und hinter Drewes’ witterungsgeschwächten Plakaten Christopher Wuttkes Klartext-Tour von 2009 zum Vorschein kommt (gesehen in Hohenrode) ist es offenbar ganz gut, dass der Wahlkampf ein Ende hat. Fotos: tol



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