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NDZ-Interview mit Julia Neigel – „Es ist schön, wieder bei euch zu sein“

„Ich war eigentlich immer aktiv – nur nicht für die Öffentlichkeit“

„Ich habe Zeiten durchlebt, in denen ich mich manchmal gefragt habe, ob ich meinen Beruf überhaupt noch ausüben kann. In langwierigen Prozessen gegen meine früheren Musiker musste ich um Autorenrechte als Komponistin kämpfen – zudem wurde ich Anfang der 90er Jahre massiv von meinem damaligen Freund unterdrückt. Alles in allem schlimme Zeiten, die nun aber Gott sei Dank der Vergangenheit angehören“ erklärte uns Julia zu Beginn des Interviews.

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Bis dato verkaufte die 45-Jährige mehr als zwei Millionen Alben – dennoch, wer heute den Namen Julia Neigel hört, denkt unweigerlich an ihren größten Hit „Schatten an der Wand“ – kein Fluch, sondern nur Segen, betont sie immer wieder. Nach dem Motto „Ein Ende kann ein neuer Anfang sein“ startet die am 19. April 1966 als Tochter russisch-deutscher Eltern in Barnaul/Sibirien geborene Sängerin und Komponistin jetzt wieder voll durch.

Julia: Ich wollte eigentlich schon viel früher ein neues Album präsentieren – da mir aber immer wieder Leute das Leben zur Hölle machten, war ich teilweise mehr damit beschäftigt, mein Leben zu schützen, als mich um die Musik zu kümmern. Dennoch habe ich mich ab 2003 regelmäßig mit meinem Gitarristen Joerg Dudys sowie dem Keyboarder Simon Nicholls im Studio getroffen, um Demos aufzunehmen – so sind bis 2009 rund 40 Songs entstanden. Ich hatte zwar Zeit, viele Songs mit meinen Musikern zu schreiben, nicht aber die Energie, die Sache letztendlich zum Abschluss zu bringen.

Zwölf Songs hat die Frau mit der Vier-Oktaven-Stimme auf ihrem aktuellen Album „Neigelneu“ verewigt – entstanden sind sie in einem Zeitraum von sechs Jahren.

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Julia: Titel wie „Ich fühl’s nicht mehr“, „Wärst du bei mir“ und „Froh, dass es dich gibt“ gehören zu den allerersten Liedern – sind alle 2003 entstanden, „Wohin“ etwa ein Jahr später. „Teufel“ habe ich 2009 in nur 20 Minuten komponiert – genau wie damals „Schatten an der Wand“. „Drei Wünsche frei“ gehört zu meinen Favoriten – ich habe ihn für meine Mutter geschrieben, während ich bei „Wärst du bei mir“ über eine Liebesbeziehung geschrieben habe, die es gar nicht gab.

Mehr als 100 Songs stammen aus der Feder von Julia Neigel – einige davon hat sie auch an Kollegen weitergegeben. 1996 schrieb sie unter anderem für Peter Maffay die Texte zu den Singles „Siehst du die Sonne“ und „Freiheit, die ich meine“ für das Album „Maffay 96“. Ab und an werden ihr auch von anderen Komponisten Titel angeboten.

Julia: Bis dato habe ich noch keinen Song von anderen Komponisten auf eines meiner Alben gepackt – es hat mich auch noch kein Song so richtig überzeugt. Ich bin aber weiter für Angebote offen.

Es dauerte Jahre, bis „Deutschlands beste Rockröhre“ wieder Vertrauen zu Musikern fassen konnte. Jetzt hat sie tolle Leute um sich, denen sie vertraut, auf die sie sich verlassen kann, die auch sehr liebevoll mit ihr umgehen.

Julia: Ich bin in einer Großfamilie aufgewachsen und hatte eine liebvolle Kindheit. Ich sehe Liebe als allumfassend – auch Freundschaften sind für mich Liebe, oder auch liebende Verbindungen, die nur rein platonisch sind. Jemanden zu lieben oder auch geliebt zu werden, kenne ich eben auch über andere Wege.

Behutsam tastete sich das Multitalent in den letzten Jahren zurück auf die Bühne – hilfreich war dabei ihr Live-Album „Stimme mit Flügeln“ (2006), auf dem sie auch fremdsprachige Songs wie Coldplays „Speed Of Sound“ oder das von Jose Maria Cano komponierte „Hijo De La Luna“ interpretierte.

Julia: Diese CD war sehr heilsam für mich, etwas ganz anderes. Dadurch hat sich auch mehr oder weniger die Unplugged-Show ergeben. Wir geben jedes Jahr noch etwa 40 dieser Konzerte, gestalten die Setlist aber immer wieder neu – so ist jedes Konzert eine erneute Herausforderung für uns. Ich kann in den verschiedendsten Sprachen singen, aber nicht texten. Mein Englisch ist zwar ok, wäre aber nicht gut genug, um meinen eigenen Ansprüchen zu genügen. Ich habe in dieser Zeit viele meiner Songs sperren lassen müssen, damit durch die GEMA die Tantiemen nicht weitergegeben werden konnten. Ein Grund mehr, einige Coverversionen zu singen und sie in meinem eigenen Stil zu interpretieren.

Mit Edo Zanki konnte die Sängerin einen Top-Producer gewinnen, der ihr nach mehr als sechs Jahren Demo-Arbeit half, nicht in Betriebsblindheit zu verfallen und so die Objektivität zu verlieren.

Julia: Edo habe ich über meinen Gitarristen und jetzigen Freund Joerg Dudys kennengelernt. Mit Edo und auch Joerg war ich 2010 auch im Rahmen der „Rock’n Soul“-Tour unterwegs. Gegen Ende der Tour entstand dann der Gedanke, Edo als Produzenten mit ins Boot zu holen, da er auch sehr viel Wert auf Vokalistik legt – ein Punkt, auf den ich auch sehr viel Wert lege.

Kurze Zeit später stand Julia Neigel im schwarzen Lederanzug auf der Bühne, lieferte vor knapp 300 Besuchern ein schweißtreibendes Konzert im Capitol ab. Da waren sie wieder, die Attribute, die ihre Fans an ihr so schätzen: Der unbändige Wille, es wieder ganz nach oben zu schaffen.

Die Fortführung einer beispiellosen Karriere hat begonnen – sie hat eh nur geschlummert, ist jetzt zu neuem Leben erwacht – Rock on, Julia.

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