×

„Ich könnte noch viel arroganter sein“

Ein Nachmittags-Training auf der Bühne des GOP-Varieté in Bad Oeynhausen, was für ein gelassenes Bild: Die jungen Artisten aus Berlin verteilen sich locker vor dem dunklen Vorhang, Flüstern, Kichern, Zurufe, einer balanciert gedankenverloren einen Notenständer auf dem Kinn, zwei andere machen Handstand und Überschläge, einer reckt und streckt sich und ein Pärchen, Felice Aguilar und Christian Myland, sie gehen immer wieder die Folgen ihres akrobatischen Tanzes durch. Im Zuschauerraum sitzt ein zierlicher junger Mann mit ganz hellblonden Haaren und folgt aufmerksam dem Geschehen. Das ist Pierre Caesar, der 31jährige Regisseur der außergewöhnlichen Show „Base“. Längst hat er gemerkt, dass die beiden Tänzer ein unausgesprochenes Problem haben. Dass sie etwas bedrückt.

ri-cornelia2-0711

Autor

Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite

Auf den ersten Blick wirkt Pierre Caesar so jungenhaft, als sei er noch jünger als seine Kollegen auf der Bühne, die alle so um die 20 Jahre alt sind; als sei er noch immer der Junge, der einst mit 17 seine Showlaufbahn begann, um dann recht schnell zusammen mit seinem Zwillingsbruder Pablo richtig berühmt zu werden, die „Caesar Twins“, zwei strohblonde Polen, Jugendweltmeister der Sportakrobatik, die ihre früh entdeckte Begabung, ihre ziemlich erotische Ausstrahlung und ihren Ehrgeiz dafür einsetzten, um mit phantastisch halsbrecherischen Nummern das Publikum hinzureißen. Wie sie 2007 vor der englischen Queen auftraten und ihr, mitten in einer Handstandnummer, Kusshändchen zuwarfen – unnachahmlich.

Doch hier, während des Trainings, wird Pierre Caesars Lebenserfahrung gebraucht. Tänzer und Tänzerin sitzen auf dem Boden, halten dabei, so nah sie sich bei ihrem Liebesspieltanz auch sind, Abstand voneinander, Felice wie in Verteidigungshaltung, Christian, als habe er Grund, sauer zu sein. Die Nummer ist eigentlich perfekt, ein faszinierendes Spiel aus Annäherung und Abstoßung, nur ist sie wohl etwas zu anstrengend für den Tänzer, der seine Partnerin fast ununterbrochen herumwirbeln muss. Die Mitglieder des Berliner Projektes „Base“, eine Plattform für außergewöhnliche junge Artisten, die von Pierre Caesar und seinem langjährigen Mentor, dem international bekannten Regisseur Marius Papst im Jahr 2008 gegründet wurde, sie finden zwischen den unterschiedlichen Shows nicht immer gleichermaßen Zeit, um intensiv zu trainieren.

Etwas muss gekürzt werden an der vollkommenen Komposition der Nummer. Christian Myland, der sie als Choreograf entwickelt hat, empfindet das offensichtlich als eine Art Niederlage. Er will beides: Nicht außer Atem kommen und auch auf nichts verzichten. Ganz ruhig steht Pierre Caesar auf, klettert auf die Bühne, kniet sich neben den Tänzer. „Du lockst so viele Emotionen hervor“, sagt er. „Es macht nichts, dass Du schwerer atmest. Du gibst alles, da gehört es dazu.“ Christian will es nicht einsehen, nicht glauben. Und so führt kein Weg daran vorbei, den Tanz noch einmal zu tanzen, mit Musik vom Kassettenrekorder, ohne Kostüm und Bühnenbild, dafür aber die Kollegen dabei, die sich an den Rand hocken. So berührend, so „wirklich“ kommen die widerstreitenden Gefühle des Liebespaares rüber, dass nichts zu sagen bleibt als: „Die Anstrengung lohnt sich!“

An diesem Trainingstag wird über keine Änderung entschieden. Der Tänzer will alles tun, um noch mehr in Form zu kommen, und wird dann von Markus Papst, der ebenfalls in den Zuschauerrängen sitzt, zum Essen eingeladen, um abseits von der Bühne zu überlegen, wo man „Druck rausnehmen“ kann, wo es vielleicht nur unnötige Ängste sind, die zum Problem werden. „Wir wollen ihnen beweisen, dass sie richtig gut sind, dass sie in der Bundesliga spielen können“, meint Pierre Caesar. „Uns geht es nicht um ein ,Deutschland sucht den Superstar‘, wo Leute gepusht und dann verbrannt werden. Was wir machen, ist unser Leben. Es geht um das ganze Leben.“

Er weiß, wovon er spricht. Als er 17-jährig mit seinem Bruder Pablo nach Deutschland kam, erhielten sie ein Engagement beim Zirkus Flic Flac, wo sie am „Todesrad“ auftraten, diesem großen achtförmigen Metallgestell, zwei miteinander verbundene Riesen-Hamsterräder, die sich 18 Meter unter der Zirkuskuppel in rasender Geschwindigkeit drehen. Nicht nur innen im Rad bewegen sich die Artisten, sie laufen auch außen auf den Rädern, springen in die Höhe und landen gerade rechtzeitig wieder auf dem rotierenden Gestell, machen dort oben sogar Salti, und Pablo – man kann Videos davon im Internet-Videokanal „YouTube“ ansehen – bewegt sich per Handstand außen auf dem Rad, schließlich sogar blind mit einer Augenmaske, atemberaubend. Und dann geschieht es: Er stürzt ab!

„Ich werde auch als Regisseur nie vergessen, dass die Artisten sich in Lebensgefahr bringen“, so Pierre Caesar. „Jeder übernimmt selbst die Verantwortung für sich und seine Nummer. Was wir tun können: Helfen, dass die Künstler ihre eigenen Stärken entdecken und daran glauben. Aber nichts aufdrängen. Nur gemeinsam entdecken.“ Der Sturz von Pablo Caesar war grauenhaft. Mit Glück überlebte er. Eine Woche lang lag er im Koma. Sechs Monate brauchte es, bis sich herausstellte, dass die negative Prognose der Ärzte nicht zutraf und er wieder würde arbeiten können. Sein Bruder Pierre ließ einfach nicht locker, um mit ihm zu trainieren, ihm Mut zu machen, ihn herauszufordern. „Ich musste es tun“, sagt er in einem Fernsehinterview. „Wir sind wie eine Person in zwei Körpern. Ohne ihn wäre auch mein Leben zerstört.“

Nach diesem großen Einschnitt begann die eigentliche Karriere der „Caesar Twins“. Sie machten sich mit einer eigenen, sehr persönlichen Show selbständig, dabei unterstützt vom 12 Jahre älteren Marius Papst, von dem sie lernten, wie man Artistik und Poesie, Musik, Tanzelemente und das Geschichtenerzählen zu einer Gesamtinszenierung verbindet. Alle nur denkbaren internationalen Preise sammelten sie ein, Filme wurden über sie gedreht und es entstand der Fotoband „Two in One“, von dem es in einer Rezension heißt: „Eine ungewöhnliche Kombination aus Artistik und geballter Erotik. Die durchtrainierten, nackten Traumkörper der Zwillinge fügen sich mit spielerischer Leichtigkeit und doch enorm kraftvoll in die mediterrane Szenerie, die den Hintergrund für diese exklusive Vorstellung bildete.“

Gefragt, was der Anlass war, vorerst nicht mehr als unverbrüchliches Zwillingspaar aufzutreten, sondern, in gewisser Weise, getrennte Wege zu gehen – Pablo Caesar tritt in der GOP-Show alleine auf mit einer total verrückten Fahrrad-Akrobatik – gibt Pierre Caesar beinahe ärgerlich Antwort. „Was ist das für eine Frage? Man kann uns nicht trennen!“ Ob auf der Bühne oder als derjenige, der im Hintergrund motiviere und antreibe, all das sei ohne den Bruder, ohne die anderen, gar nicht möglich. „Es ist eine weitere Möglichkeit, Neuland zu betreten, herauszufinden, was wir wagen wollen, was wir uns auch an konservativen Häusern erlauben können.“

Die aktuelle Show „Base“ ist tatsächlich schon recht gewagt in den Augen so mancher Zuschauer, die aus dem weiteren Umland nach Bad Oeynhausen anreisen. In einer poetischen, teilweise sehr erotischen Inszenierung rund um ein großes, breites, gemütliches Bett, das zu einer zweiten Bühne wird, treten Artisten auf, die immer auch mit ihrer körperlichen Ausstrahlung punkten, und so mancher spielt aufreizend mit den Geschlechterrollen. Wer aber die sensationell mit solchen Elementen jonglierende Berliner Show von „Base“ gesehen hat, wird anerkennen, wie souverän der junge Regisseur die Grenzen in der neuen Umgebung austestet. Trotz Überraschung und Verwirrung bei manchen Zuschauern wollte der Beifall bei der Premiere kein Ende nehmen.

Die jungen Artisten, die in „Base Berlin“ eine „Basis“ finden, um von dort aus vielleicht ähnlich wie die Caesar Twins die Welt zu erobern, sie treten ja längst schon als Stars auf, mit spürbarem Stolz auf ihre Phantasie, ihr Können und darauf, zusammen mit ihrem Regisseur aufs Ganze zu gehen. Der bleibt gelassen bei all dem Lob, das ihm entgegenkommt. „Ich könnte noch viel schräger, provokanter, arroganter sein“, meint er. „Aber wenn ich mich komplett auslebe, dann würden die Zuschauer vielleicht nicht mehr folgen können. Ich will aber, dass sie uns folgen.“ So, wie man unbedingt ja auch Christian Myland und Felice Aguilar mit ihrer zauberhaften Tanzakrobatik folgt. Es würde etwas fehlen, wenn es dieses etwas verstärkte Atmen am Ende nicht gäbe. Sie geben alles – da gehört das dazu.

Als „Caesar Twins“ haben sich Pablo und Pierre Caesar mit waghalsigen Artistiknummern einen Namen gemacht – bis ein grauenhafter Sturz vom „Todesrad“ den Wendepunkt in der Karriere der Zwillingsbrüder markierte. Mit der Show „Base“ im GOP Bad Oeynhausen sind die Caesars wieder auf Erfolgskurs. Ein Blick hinter die Kulissen.




Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kontakt
    Redaktion
    Telefon: 05041 - 78932
    E-Mail: redaktion@ndz.de
    Anzeigen
    Telefon: 05041 - 78910
    Geschäftsanzeigen: Anzeigenberater
    Abo-Service
    Telefon: 05041 - 78921
    E-Mail: vertrieb@ndz.de
    Abo-Angebote: Aboshop

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt