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„Ich kann nicht über etwas singen, was ich nicht selbst erlebt habe“

Vor einigen Jahren noch als Geheimtipp gehandelt, gehört Cäthe heute zu den Hoffnungsträgern der deutschsprachigen Popmusik. Mit zwölf bekam sie ihre erste Gitarre, mit 14 gab Catharina Sieland, so heißt Cäthe mit bürgerlichem Namen, ihr erstes Konzert. Stillstand ist Rückstand – sie besuchte die Fachschule für Musik- und Gesangsausbildung in Dinkelsbühl und absolvierte in Hamburg an einer Hochschule einen mehrwöchigen Popkurs. Obwohl sie bereits mit Anfang zwanzig angefangen hat zu komponieren, erschien erst neun Jahre später ihr Albumdebüt „Ich muss gar nichts“, das auf Platz 56 in die Charts einstieg.

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Cäthe: Ich hätte damals in viele musikalische Richtungen gehen können, wollte mich aber zunächst ausprobieren – auf diese Weise das Ganze etwas eingrenzen. So ein Prozess dauert natürlich und ich habe auch lange gezögert, um mich überhaupt auf dieses Business einzulassen. Das Schubladendenken vieler Plattenfirmen, Rundfunk- und TV-Sender ist leider immer noch allgegenwärtig. Ich möchte mich keinen Zwängen unterwerfen, sondern Dinge frei entscheiden können, mich nicht auseinandernehmen lassen oder irgendwelchen Kritiken von Leuten aussetzen, die oft nicht wissen, was ich mit meiner Musik und den Texten aussagen will. Solche Menschen können dir deinen Traum ganz schnell zerstören. Daher habe ich auch mein erstes Album „Ich muss gar nichts“ betitelt.

Als Auszeichnung für die Qualität ihrer deutschsprachigen Songtexte erhielt die gebürtige Staßfurterin im Juni den diesjährigen Fred-Jay-Preis. In der Jury befinden sich unter anderem mit Hartmut Engler und Heinz Rudolf Kunze Liedermacher, die entscheidend die deutsche Musikgeschichte mitprägten. Unter anderem wurden bereits Künstler wie Xavier Naidoo, Peter Maffay, Rosenstolz und Roger Cicero ausgezeichnet. Gibt es für Cäthe auch Tabuthemen?

Cäthe: Ich bin nicht so politisch in meinen Texten, mein Ding ist eher das Zwischenmenschliche. Es sind alles persönliche Geschichten, das Erlebte und meine Wahrnehmungen, die ich in die Musik einfließen lasse – so hat jeder Song seinen eigenen kleinen Kosmos.

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Im Juni dieses Jahres wurde Cäthes Zweitling „Verschollenes Tier“ veröffentlicht – im Gegensatz zum ersten Longplayer, fiel es ihr diesmal wesentlich leichter, das Album aufzunehmen.

Cäthe: Beim ersten Album war es für mich einfach wichtig, dass ich es überhaupt mache. Im Laufe der Jahre hatte sich wahnsinnig viel angestaut, meine Ideen mussten einfach raus. Bei der Fertigstellung des zweiten Albums hatte ich eine ganz andere Selbstsicherheit, bin so anders an die Produktion herangegangen. Es war auch mein Bestreben mehr Menschen mit in den Produktionsprozess einzubeziehen. Trotz allem habe ich aber auch gespürt, dass meine anfänglichen Unsicherheiten und Bedenken auch zu mir gehören, ein Teil meiner Persönlichkeit ausmachen.

Auch die Bilder im Booklet stammen von Cäthe – eine Art gezeichnetes Tagebuch der letzten Jahre.

Cäthe: Ich habe vor einiger Zeit einen großen alten Koffer auf dem Flohmarkt erstanden, wo im Laufe der Zeit viele Notizen und Zeichnungen von mir reingeflogen sind. Den habe ich aufgemacht und geschaut, ob ich mit einigen Dingen mein Artwork gestalten kann. Beim Rumstöbern bin ich dann auf diverse Zeichnungen gestolpert – viele davon haben dann auch den Weg in mein Booklet gefunden.

Dass im schnelllebigen Musikgeschäft viele der jungen Künstler ihren Erfolg an den Chartplatzierungen messen, ist nichts Ungewöhnliches. Auch Cäthes zweites Album konnte den Erfolg des Debüts „Ich muss gar nichts“, gemessen an der Chartplatzierung, nicht toppen – kein Problem für die Sängerin, wie sie uns erklärt.

Cäthe: Ich schiele nicht so auf meine Chartplatzierungen, es ist mir aber sehr wichtig, dass ich meine Bandmitglieder bezahlen kann. So eine Tour ist immer eine kostspielige Angelegenheit – einige meiner Musiker haben Familie und ich bin dankbar, dass sie sich die Zeit genommen haben, mit mir auf Tournee zu gehen. Aus diesem Grund möchte ich sie auch gut entlohnen können. Ich habe eine tolle Band – wir lernen schnell und viel voneinander – wachsen so ständig.

Im September gaben die Scorpions, im Rahmen von „MTV Unplugged“, zwei Akustik-Konzerte in Athen. Neben prominenten Bühnengästen wie Johannes Strate und Morten Harket, wird auch Cäthe auf dem im November erscheinenden Album zu hören sein – sicher ein kleiner musikalischer Ritterschlag für die stimmgewaltige Sängerin.

Cäthe: Der Manager der Scorpions war mit seiner Tochter, sie mag meine Musik und die Texte, auf einem meiner Konzerte, kam nach dem Gig in den Backstage-Bereich und sagte wörtlich: „Cäthe, es kann sein, dass ich in nächster Zeit auf dich zukomme – wir haben ein Projekt in Planung, das aber noch nicht spruchreif ist“. Als mich dann einige Monate später Klaus Meine anrief, um mich zur Probe nach Hannover einzuladen, war ich schon angenehm überrascht. Nachdem ich mit den Jungs in Hannover geprobt hatte, stand für mich sofort fest, dass ich da mitmachen möchte. Zwischen uns stimmte einfach die Chemie – wir schwammen auf einer Welle – so etwas ist für mich ungemein wichtig. Wir flogen nach Athen und ich habe so viel für mich mitgenommen – da war eine Herzensgüte und ich war froh, dass man mich in ihren Kreis aufgenommen hatte. Ich habe in Athen mit Klaus das Lied „In Trance“ gesungen. Das war ja nun ein englischer Titel – als mich Rudolf Schenker auch noch liebevoll darauf hinwies, dass englische Titel auch durchaus für meine Stimme geeignet sind, habe ich schon im Nachhinein darüber nachgedacht, vielleicht in Zukunft auch mal einen Song in englischer Sprache aufzunehmen. Mal sehen, was so alles in den nächsten Monaten auf mich zukommt.

Als wir Cäthe fragten, ob sie jetzt da angekommen ist, wo sie immer hin wollte, antwortete sie mit einem Lächeln: „Ich weiß einfach gar nicht mehr, wo ich eigentlich hin wollte. Es ist ein schönes Gefühl, dass ich einfach nur da bin und alles so nehme, wie es ist – das Schöne und Inspirierende zu sehen. Ich denke jetzt nicht mehr, wo ich hin muss, was ich falsch gemacht habe oder besser machen könnte. Die Tour, neue Erfahrungen und Eindrücke sammeln – das sauge ich jetzt alles auf – es kommt, wie es kommt.

Die musikalische Ampel für Cäthe steht auf grün – freie Fahrt für eine tolle Künstlerin, die glücklich ist, einfach nur da zu sein und uns sicher noch viel in den nächsten Monaten und Jahren geben, und auch von sich mitteilen wird.

Sie „muss gar nichts“, aber kann alles. Cäthe bei ihrem Auftritt vor 25 000 Menschen auf der Expo-Plaza – dort war sie im Sommer dieses Jahres „special guest“ beim Klassentreffen von Fury In The Slaughterhouse.

Texte und Konzertfotos: Lars Andersen



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