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„Ich hasse es, Bücher ins Altpapier zu tun“

Bücher, die man nicht mehr braucht, wegzuschmeißen, das bringen nur wenige Menschen über sich. Selbst wenn man niemanden kennt, der sie haben will, wenn man nicht wüsste, wo man einen Käufer finden soll, die Büchervernichtung ist fast ein Tabu, so, als würde man nicht einfach Altpapier entsorgen, sondern etwas Lebendiges dem Untergang preisgeben. Was aber tun, wenn ein Umzug ansteht und man die Altlast abgetaner Bücher nicht mitschleppen will, was, wenn der Haushalt eines Verwandten aufgelöst werden muss, mit Büchern, die ihre Zeit überlebt haben?

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Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite

„Bitte nicht, nein, keine Bücher mehr! Wir haben mehr als genug, wir platzen aus allen Nähten“ – das ist die regelmäßige Antwort, wenn man den Bibliotheken der Landkreise Schaumburg und Hameln-Pyrmont sortierten Lesestoff vorbeibringen will. „Gebrauchte Bücher groß im Kommen!“, so stand es letztes Jahr in einer hiesigen Lokalzeitung. Reines Wunschdenken, wie es scheint. „Wir nehmen nur noch wenige Jahre alte, sehr gut erhaltene Bücher für unsere Flohmärkte“, so Cornelia Reuter aus der Stadtbibliothek Stadthagen. „Sagen Sie bloß nicht, dass wir Bücher suchen, wir haben schon genug, wenn wir unsere eigenen Bücher ausmustern“, heißt es in Rinteln. Auch in der Schulbibliothek des Gymnasiums Ernestinum heißt es: Kein Bedarf.

Natürlich – gegen eine Handvoll einigermaßen aktueller Bücher hat kaum jemand etwas einzuwenden, nicht die DRK-Lädchen, noch Kinderschutzbund, Kindergärten, Altersheime oder eben die Stadtbüchereien, die regelmäßig Flohmärkte abhalten. Doch wenn es um 50, 100, 300 Bücher geht, winken sie alle ab. Bestenfalls läuft es so wie im „Haus der Weltreligionen“ in Steinbergen, wo der ehemalige Superintendent Peter Neumann durchaus gerne Bücherspenden entgegennimmt, um damit den Verkaufstisch in der Sparkasse zu bestücken (und auf diese Weise rund 1000 Euro pro Jahr einzunehmen): „Wir haben jemanden, der sich darum kümmert, zu den Leuten hinfährt und prüft, welche Bücher verkaufsfähig wären“, sagt Neumann. „Dass wir aber alles mitnehmen, kommt nur selten vor.“

Ernst-Wilhelm Hartmann, der in Scheie bei Bückeburg ein ganz verrücktes Geschäft rund um Fernseher, Möbelflechterei, Bio-Öle und Antiquitäten führt, er nimmt auch Bücher an, im Rahmen der „Möbelbörse“, die zur Siga (Schaumburger Initiative gegen Arbeitslosigkeit), gehört. „Aber was sind das oft für Bücher!“ klagt er. „Alte Fach- oder Schulbücher, muffige Bücher oder solche mit Flecken. Wenn zu viel Unbrauchbares dabei ist, haben wir nur Unkosten. Es sind ja gerade mal 50 Cent, die wir im Verkauf pro Stück nehmen.“ Auch Elke Kimme von der Stadtbibliothek Rinteln meint: „Manche Leute bringen uns ihre Bücher nur, damit wir es sind, die sie entsorgen, und sie es nicht selbst tun müssen.“

astor Heiko Buitkamp (l.) von der Rintelner Jacobi-Gemeinde und „der Büchermann“ verpacken die vom Flohmarkt übrig gebliebenen Bücher – für den Weiterverkauf im Internet. Foto: cok

Nach solchen Umfragen mag man kaum noch glauben, dass es doch echte Alternativen zur Papiertonne gibt. Aber da ist zum Beispiel Peter Peschke aus der „Bücherstube Seifert“ in Hameln. Neben antiquarisch nutzbaren Büchern, für die dann auch eine Summe Geldes bezahlt wird, nimmt er gerne andere Bücher an, egal, wie viele, auch ganze Kisten voll. Sie dürfen nur nicht dreckig oder beschädigt sein. Unzählige Romane und Sachbücher warten bei ihm darauf, als Spenden weitergegeben zu werden, für Bücherflohmärkte von Kirchen, Schulen, Kindertagesstätten. „Ja, erstaunlich, aber es läuft ganz prima!“, meint er. „Wo immer Bücherflohmärkte geplant sind, kann man sich an uns wenden. Wichtig ist nur, dass ein geplanter Verkauf rechtzeitig bei uns angemeldet wird, damit wir die Bücher entsprechend zusammenstellen können.“

Überhaupt haben es die Hamelner viel leichter als die Schaumburger, im großen Stil Bücher abzugeben. Die „Bibliotheksgesellschaft“ nämlich veranstaltet schon seit den 1980er Jahren regelmäßig ihren bundesweit und bis nach Holland bekannten „Markt alter Bücher“ in der Jugendwerkstatt (Ruthenstraße 10) und nimmt dafür alles an Büchern, was sie kriegen kann. „Dieser Markt ist so erfolgreich, weil wir die vielen Tausend Bücher sorgfältig nach Fachgebieten zusammenstellen und übersichtlich präsentieren“, so Jürgen C. Kruse, der zweite Vorsitzende der Bibliotheksgesellschaft. Der Gewinn wird der Stadt- und der Krankenhausbücherei sowie den Schulbibliotheken für Neuanschaffungen gespendet. Nächster Termin ist das Wochenende vom 23. bis zum 25. September.

Im Landkreis Schaumburg gibt es in Bückeburg einen Mann – nennen wir ihn einfach „Büchermann“ – der sich ein ganzes Berufsleben aufgebaut hat aus dem Einsammeln von Büchern, die sonst niemand mehr haben will. Seinen richtigen Namen will er nicht sagen: „Ich besitze in einer kleinen Halle fast 50 000 alte Bücher, und durch Mundpropaganda werden es immer mehr. Wüsste man meine Adresse, dann müsste ich vielen neuen Leuten absagen: Und absagen, das tue ich aus Prinzip nicht!“ Mit all diesen alten Büchern macht er, was den meisten Menschen viel zu umständlich ist: Er bietet sie einzeln im Internet an. 21 000 Angebote gibt es von ihm auf Plattformen wie „Amazon“, „Booklooker“ und anderen.

Das ist eine wirklich große Arbeit. Nicht jedes Buch nämlich lässt sich auf diese Weise anbieten, sie müssen schon eine ISBN-Nummer haben und außerdem einen Preis erzielen, der die Provision an Amazon und Co. samt den Portokosten deckt. Jeden Tag schnappt sich der Büchermann mehrere Bananenkisten aus seinem unglaublich großen Vorrat, sichtet, was er vorfindet und gibt die Titel samt Beschreibung in elektronische Formulare ein. Täglich erreichen ihn Bestellungen per E-Mail, dann verpackt er die Bücher, druckt Rechnungen, adressiert die Sendungen und taucht gut beladen auf dem Postamt auf. „Die Masse macht es“, sagt er. „Ich kann davon leben, mit Steuer, Krankenversicherung und der Miete für meine Halle.“

Die Bücher, die er übers Internet nicht loswird, übergibt er Flohmarkthändlern zu einem Minipreis. Er hat da seine Stammkunden, die ihm ihre Wünsche sagen können. „Konsalik soll sich nicht mehr verkaufen? Ich kenne einen, der hat schon insgesamt unzählige Bananenkisten voller Konsalik bei mir abgeholt und will immer noch mehr.“ Überhaupt inserieren die Flohmarkthändler in den Zeitungen nicht mit: „Ich hole gute Bücher ab“, sondern mit „Ich hole alle Bücher ab!“ Sie kriegen durch den Verkauf doch immer mindestens die Standgebühr wieder raus, weiß der Büchermann.

Obwohl er seine Bücher meistens bei Privatleuten abholt, oder zum Beispiel in der Jakobi-Kirche Rintelns, wo Hunderte von Büchern nach einer Flohmarktaktion übrigblieben, wandert er immer noch gerne selbst über Flohmärkte. „Ich weiß fast immer, ob ich ein Buch vorteilhaft verkaufen könnte“, verrät er. „Und wenn ich mal unsicher bin, hole ich mein internetfähiges Handy raus und guck schnell nach, welche Summe ich vielleicht erzielen könnte.“ Wegschmeißen tut er nur solche Exemplare, die muffig oder beschädigt sind. „Mir geht es da nicht anders als den meisten: Ich hasse es, Bücher ins Altpapier zu tun.“

Auch die Siga in Stadthagen ist so eine Adresse, wo man wider Erwarten nicht abgewiesen wird mit dem Wunsch, kistenweise Bücher abzugeben. „Wenn es sehr viele sind, holen unsere Jungs die auch ab“, betont Mitarbeiterin Brundhild Huth. Im „Flair“-Antiquariat werden die wertvolleren Bücher verkauft, die andere gehen in die verschiedenen Möbelbörsen des Landkreises, das Geld kommt der Beschäftigungsinitiative zugute. Bücheraltpapier ist natürlich immer dabei. Das bringen die „Jungs“ wohl oder übel zur Müllannahmestelle in Nienburg.

„Ja – die Entsorgungsbetriebe haben viel mit alten Büchern zu tun“, sagt Susanne Rintelen von der Pressestelle der Abfallwirtschaft Schaumburg. „Manchmal sind ganze Papiertonnen nur mit Büchern gefüllt. Das ist auch in Ordnung, solange die Tonne dann nicht mehr als 80 Kilo wiegt.“ Wichtig sei es, dass man bei leinengebundenen Büchern die Deckel entfernen möge, um die Weiterverarbeitung zu erleichtern. Sortiert wird nicht mehr bei dem Material, dass die Annahmestellen erreicht. Die Papierpresse macht alles gleich, egal ob Zeitung, Broschüre oder eben altes Buch. Manches schöne Stück mag auf diese Weise vernichtet worden sein.

So etwas könnte dem „Büchermann“ nicht passieren. So viele ungesichtete Bananenkartons stehen noch in seiner Halle. „Und mich treibt es jeden Tag hinein“, sagt er. „Wer weiß, was ich da noch entdecken werde. Ich bin sicher, dass da Schätzchen lagern, die von mir gefunden werden wollen.“

Bücher schmeißt man nicht weg. Das scheint ein ungeschriebenes Gesetz zu sein. Zumindest tun sich viele Menschen offenkundig schwer damit, Bücher einfach als Altpapier zu entsorgen. Bevor die Bücher also im Müll landen, treten viele lieber erst mal den Weg zu den Bibliotheken an – aber die nehmen auch nicht alles. Wohin also mit den Büchern?




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