weather-image
So können Eltern ihre Kinder stärken / Spielen lassen, statt immer gleich zu fördern

„Ich bin super!“

Welche Eltern hätten nicht gerne die eine Antwort auf die Frage: „Was brauchen Kinder, um kindgerecht aufzuwachsen?“ Die Frage schreit aber nach Komplexität, nach jahrelanger Erfahrung und nach dicken Schinken aus der Reihe „Erziehungsratgeber“. Dass es genau das nicht sein soll und ist, dafür steht Annette Langenhan, die unter anderem für die Frühförderung der Lebenshilfe in Hameln arbeitet. Sie verspricht tatsächlich: „Doch, es gibt eine einfache Antwort.“

270_008_6710024_fam1a_0511.jpg
Birte Hansen

Autor

Birte Hansen-Höche Reporterin zur Autorenseite

Die Lösung liegt jedenfalls nicht in „Designerjeans“ und total hippen, total unbequemen Klamotten, zieht die Therapeutin in Traumatherapie und Marte Meo eine Grenze. Pfützenspringen und Rumtollen sollen nicht zu wütenden Eltern angesichts der Matschflecken führen oder zu abgeschnürten Körperteilen, sondern beides sollte natürlicher Bestandteil einer jeden Kindheit sein. Viel weniger aber als auf die Aktivitäten, die Eltern mit ihren Kindern unternehmen, kommt es auf das Wie an. Auf das Fundament, auf das alles aufbaut. Auf die Bindung.

Die Qualität der Bindung zwischen Kindern und Eltern oder anderen engen Bezugspersonen ist der Dreh- und Angelpunkt für die Entwicklung. Eltern können jede Menge falsch, aber noch viel mehr richtig machen. Bei dem „Richtig“ und bei den Ressourcen, die Mama und Papa in sich tragen, setzt Annette Langenhan an. In ihrer Arbeit wird eben nicht darauf gezeigt, was falsch läuft, sondern es wird hervorgehoben, wo Eltern sich im Umgang mit ihren Kindern oder Pflegekindern so verhalten, wie es der Entwicklung der Kleinen gut tut.

Meint: Alles, was dem Kind Sicherheit gibt, Selbstbewusstsein vermittelt, ihm die Chance gibt, sich selbst wahrzunehmen, ist gut.

Dazu gehöre: Dem Kind zu folgen, beim freien Spiel. Ohne zu korrigieren, ohne zu helfen. Allzu oft nämlich versuchten Eltern, aus dem Spiel eine Förderung zu machen und greifen viel zu schnell ein. Was davon beim Kind hängenbleibt? „Mama und Papa trauen mir das nicht zu!“, sagt Annette Langenhan. Sie rät, das Kind einfach „nur mal so zu sehen, wie es ist“, mit all seinen Ideen und all seiner Kreativität. Und es mit Worten zu begleiten, wenn das Kind von sich aus eine Initiative zeigt. Das kann dann so klingen – und dabei darf man sich als Eltern durchaus merkwürdig vorkommen: „Oh, du fährst mit dem Bagger“. Gleiches gilt, wenn beispielsweise ein Wutanfall aus ihm herausbricht.

Statt dann zu schimpfen oder unkommentiert seinen Striemel weiterzumachen, helfe es dem Kind, wenn gesagt wird: „Ich verstehe, dass du wütend bist, weil du nicht weiter spielen kannst, aber wir gehen jetzt trotzdem einkaufen.“ Dadurch lernt es, seine eigenen Gefühle kennen und zu ordnen – Trauer, Wut, Freude, Angst … Es lernt, dass es in Ordnung ist, etwas anderes zu wollen, es lernt aber auch, dass es Situationen gibt, in denen Mama und Papa einfach das Sagen haben.

Was jeder Pädagoge und Erzieher zumindest versucht, zu berücksichtigen, scheinen ungeschulte Eltern gerne und automatisch falsch zu machen: Sie stellen den Kindern Fragen über Fragen über Fragen. Und meinen es nur gut. „Ja, wo ist denn die Kuh?“, „Spielst du gerade so schön mit dem Bagger?, „Malst du ein gelbes Haus?“ Die Fragen sind ungezählt. Das Problem dabei aus Expertensicht: „Das Kind ist dann so aufgeregt und damit beschäftigt, Antworten zu finden, dass es sich nicht mehr auf das Spiel konzentriert“, erklärt Annette Langenhan. Also: Fragen lieber in eine Beschreibung verwandeln. Was Eltern und andere Bezugspersonen ebenfalls gerne überdenken dürfen: Die Anzahl der „Neins“ und „Nichts“, mit denen sie tagtäglich um sich werfen. Zwar gibt es Gefahrensituationen, in denen ein deutliches Nein unumgänglich ist, wenn ein „Finger weg!“ gerade nicht passt. Doch die meisten Neins lassen sich durch ein gezieltes „Umdenken und Umlenken“ ersetzen, so Langenhan: „Mich spuckst du nicht an – aber wir können mal zusammen rausgehen und zusammen Weitspucken machen.“ Oder: „Mich haust du nicht – aber wir können mal so tun, als ob wir kämpfen.“



Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare

    Kontakt

    Redaktion
    Telefon: 05041 - 78932
    E-Mail: redaktion@ndz.de
    Anzeigen
    Telefon: 05041 - 78910
    Geschäftsanzeigen: Anzeigenberater
    Abo-Service
    Telefon: 05041 - 78921
    E-Mail: vertrieb@ndz.de
    Abo-Angebote: Aboshop

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt