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Said Gamal Sayed Mohamed: Vom Breakdancer in Kairo auf die Bühne des Schauspielhauses Bochum

„Ich bin der Tanz“

Ich habe keine Zeit!“, das sind die mehr oder weniger einzigen Worte, die Said Gamal Sayed Mohamed (28) bei der ersten Begegnung vor etwa einem Jahr für unsere Zeitung übrig hat. Damals trainiert er gerade mit der Hamelner Breakdance-Gruppe Lost Kidz im Jugendzentrum Regenbogen. Und das Training ist ihm eben heilig. „Ich unterbreche es nie. Aus so etwas werden sonst schnell schlechte Angewohnheiten“, sagt er ein Jahr später an einem Dienstagabend in der Hamelner Bar Melounge. Obwohl er schon seit drei Jahren in Deutschland lebt, spricht er vorzugsweise Englisch, halten sich seine Deutschkenntnisse doch in Grenzen. Sein Körper ist durchtrainiert und ausgesprochen muskulös, aber athletisch. Ob er auch Gewichte stemme? „Nein, ich stemme jeden Tag mein eigenes Gewicht“, antwortet er lachend. Und das geht über Liegestütze und Klimmzüge hinaus, wie sich an der Weserpromenade zeigt.

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Autor

Philipp Killmann Reporter zur Autorenseite
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Dort setzt er sich für den Fotografen in Szene: Er streckt seine Beine in den Himmel und balanciert dabei auf einem Arm. Er verknotet Arme und Beine ineinander, formt sich zu einer Kugel – auf einem Arm balancierend. Kritisch begutachtet er die Fotos auf dem Display der Kamera. „Noch mal!“, sagt er, bis er sich mit den Aufnahmen zufrieden gibt.

„Mein Stil ist abstrakt“, sagt er bei einem alkoholfreien Fruchtcocktail über seinen Tanz. „Ich bin der Tanz, und der Tanz ist mein Leben.“ Tanzen ist für ihn ein Sinnbild des Lebens. „Es hat so viele verschiedene Gesichter: Heute bist du glücklich, morgen bist du traurig, und du weißt nie, was als Nächstes kommt.“ Was Sayed Mohamed aber schon lange weiß, ist, dass er tanzen will, professionell, ein Leben lang.

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Schon als Kind faszinieren ihn die Tänzer, die er im ägyptischen Fernsehen sieht: Michael Jackson inspiriert ihn sehr. Durch andere Videos lernt er Breakdance kennen, den er ebenso zu imitieren versucht.

Mit 14 weiß er, dass er Profitänzer werden möchte. Seine Lehrer sind zunächst die Tänzer in den Musikvideos, schnell findet er dabei heraus, wo sein Talent liegt: im abstrakten Tanz. Längst er hat er sich dem sogenannten zeitgenössischen Tanz verschrieben. Der zeitgenössische Tanz ist eine Bühnentanzkunst, die ihren Ursprung im Modern Dance und Ausdruckstanz hat.

Was ihm das Tanzen gibt? „Das ist schwer zu beschreiben. Es ist für mich das einzige Mittel, mich auszudrücken. Sogar wenn das Training mal schlecht läuft, solange ich tanze, fühle ich mich gut.“

Sein Tanz soll in dem Betrachter etwas auslösen. „Ich drücke zwar meine Stimmung aus, aber du entdeckst in meinem Tanz vielleicht eine ganz andere Stimmung.“ Außerdem habe ihn das Tanzen stets von Negativität ferngehalten, sagt er, während sich Freunde „in Drogen und anderen schlechten Dingen verloren“.

Als er mit der Schule fertig ist, studiert er – seinen Eltern zuliebe – Informatik an der Universität Kairo. „Tanz zu studieren, ist in Ägypten unmöglich“, sagt er. Neben dem Studium tanzt er weiter. Damals ist er 18 Jahre alt, seine Breakdance-Crew nennt sich Egy Crew. Sie sind die einzige Breakdance-Crew Kairos, die Veranstalter buchen sie gern, und Sayed und seine Crew verdienen „a lot of money“.

Und wenn er heute auch zu den Breakdancern von den Lost Boyz zählt, die Bezeichnung B-Boy lehnt er für sich rigoros ab. „Ich bin kein B-Boy. Ich komme zwar vom Breakdance, aber heute mache ich etwas anderes. Das ist, als vergleiche man Ballett mit Kunstturnen – es sind zwei verschiedene Dinge.“

Zurück nach Ägypten. Der spanische Theaterdirektor Dani Panulloo arbeitet in Kairo und sucht für ein spanisch-ägyptisches Projekt Tänzer. Auf einem Festival, bei dem auch die Egy Crew auftritt, wird er auf Sayed Mohamed aufmerksam und engagiert schließlich ihn und einen ägyptischen Derwisch, Tänzer des islamischen Sufismus. Es folgt eine Tour – und ein Umzug. Bis 2010 tanzt und lebt Sayed Mohamed in Madrid.

Seine Heimat zu verlassen, fällt ihm nicht leicht. „Ich habe mein Land verlassen und da bin ich nicht stolz drauf. Es ist eine Schmach. Aber ich wollte es so. Hier ist der einzige Ort, an dem ich mich ausdrücken kann.“ Habe er in Ägypten nicht auch tanzen können? „Doch, aber dort gibt es kaum Tänzer. Außerdem siehst du doch, was da gerade los ist. Die Menschen explodieren!“ Die Jugendlichen dort hätten weniger Möglichkeiten als hier, sich zu entfalten, verschwendeten daher häufig ihr Talent, zum Beispiel mit Drogen.

Die Liebe verschlägt ihn nach Hameln

Zur aktuellen Lage in Ägypten möchte er sich am liebsten gar nicht äußern. „Ich bin ja auch nicht vor Ort. Aber über das, was ich so mitbekomme, kann ich sagen: Es wird besser.“ Er möchte aber auch nicht falsch verstanden werden. „Ich bin Muslim!“, betont er. „Aber ich bin kein Anhänger von Mursi. Dabei habe ich ihn anfangs unterstützt. Aber er konnte seine Versprechen nicht halten. Religion und Politik sollten nicht miteinander vermengt werden.“

Und was verschlägt den ambitionierten Tänzer aus der spanischen Metropole ins provinzielle Hameln? Die Liebe natürlich. Bereits in Kairo macht er die Bekanntschaft mit seiner zukünftigen Frau, deren Schwester mit einem guten Freund von ihm verheiratet ist und in Hameln wohnt. Später besucht Sayed Mohamed seinen nunmehr ebenfalls in Hameln lebenden Freund – und verliebt sich in dessen Schwägerin.

Als sein Vertrag mit Panulloo 2010 endet, lässt der Umzug in die Rattenfängerstadt nicht lange auf sich warten, genauso wenig wie Hochzeit und zwei Kinder. Sein unstetes Leben als Tänzer stelle für die noch junge Ehe keine Belastung dar. „Meine Frau ist selber Tänzerin“, sagt er lachend.

Drei Stunden täglich trainiert Sayed Mohamed. „Das ist genug für mich“, sagt der 28-Jährige. Nach dem Training ruht er sich aus, kümmert sich um seine Kinder. Gerade hatte er die letzte Show in Bochum: „Out of Body“ – eine Kooperation zwischen dem Schauspielhaus Herne und dem Street-Art-Ensemble Pottporus/Renegade, bei dem er seit 2012 engagiert ist.

„Out of Body“ zu erklären, fällt ihm schwer. „Das ist eben die Idee der Show: out of body. Es kommt darauf an, was du darin siehst.“ In dem Stück spielt er ein verheddertes Kabel, das sich aus seinen Verknotungen – erfolglos – zu befreien versucht, sowie eine Schlange, beides seien Sinnbilder der Probleme des Hauptcharakters.

Zur Agentur Renegade fand er über Freunde, die dort bereits als Tänzer engagiert waren. Nach „Out of Body“ wird er sich um ein neues Engagement bemühen müssen. Zurzeit arbeitet er ein Soloprogramm aus, mit dem er sich bei verschiedenen Theatern und Tanzproduktionen bewerben möchte. Unterstützt wird er dabei weiter von Renegade, die ihm einen Choreografen zur Verfügung stellen.

Zwischendurch schlägt er sich mit kleinen Jobs durch oder ist auf das Job-Center angewiesen. Die damit verbundenen Widrigkeiten nimmt er für seinen Traum, in Deutschland ein professioneller Tänzer zu werden, in Kauf.

Die Möglichkeiten, in Hameln seine Karriere als Tänzer voranzutreiben, seien dünn gesät. Meist trainiert er im Regenbogen, dort stehen ihm zwar Räume zur Verfügung, aber die Öffnungszeiten sind begrenzt. Manchmal sieht man ihn auch im Bürgergarten tanzen. Dennoch möchte er in Hameln bleiben: „Hier lebt meine Familie.“ Aber es müsse sich etwas ändern. „Es muss sich besser um die Jugend gekümmert werden“, findet er. „Die Jugendlichen sind voller Energie.“ Er verweist auf eine Gruppe von Jugendlichen, die regelmäßig Parkour praktizierte, also das sportliche Überwinden von Hindernissen, wie Bänken, Mauern oder Treppen. Andere tanzten Breakdance.

„Aber sie erfahren leider kaum Unterstützung von der Stadt“, beklagt Sayed Mohamed. Den jungen Leuten lediglich Räume im Regenbogen zum Tanzen zur Verfügung zu stellen, das reiche nicht aus. Aufgrund unzureichender Unterstützung verlören viele nur allzu schnell wieder ihre Motivation.

Unterstützung im Sinne von Sayed Mohamed sieht so aus: längere Öffnungszeiten, professionelle Trainingsangebote, Motivations- und Organisationstrainings („Niemand bringt den Jugendlichen Disziplin bei!“) und öffentlichkeitswirksame Wettbewerbe („Niemand weiß, dass es in Hameln Breakdancer gibt!“). Schließlich wünsche er sich auch für seine eigenen Kinder solche Möglichkeiten.

„Ich biete der Stadt gerne an, die Jugendlichen einmal die Woche zu trainieren – kostenlos.“ Die Jugend, sagt er, brauche ein „gutes Fundament“, sie solle „mit Liebe aufwachsen, nicht mit Hass“.

Und was möchte Sayed Mohamed für sich als Tänzer erreichen? „Ich möchte meine Grenzen kennenlernen und noch professioneller werden“, sagt er. „Ich bin mir einfach absolut sicher, in dem, was ich tue und was ich will. Ich glaube, dass es für jeden Menschen einen bestimmten Grund gibt, auf der Welt zu sein. Für mich kann ich sagen: Ich bin ein Tänzer. Ich kann gar nicht jemand anders sein.“

Am Alter, Sayed Mohamed ist immerhin 28, werde er jedenfalls nicht scheitern, da ist er sicher. „Du darfst nur niemals aufhören. Wenn du es liebst und es lebst, dann kannst du auch davon leben. Weil es immer Menschen gibt, die es sehen wollen. Es gibt in dieser Welt für alles einen Bedarf: Während am einen Ende der Welt Krieg geführt wird, sitzen am anderen Ende Menschen im Theater und schauen Tänzern bei der Arbeit zu und applaudieren.“

Seine Brötchen doch noch mal mit Informatik zu verdienen, hält er für unwahrscheinlich – und wenig attraktiv. Neben dem Tanzen an und für sich hat Sayed Mohamed dann aber doch noch andere Pläne. „Ich plane, ein eigenes Tanz- und Fitnessstudio zu gründen.“

Online: Um zum Video-Trailer von „Out of Body“ zu gelangen einfach mit dem Smartphone den QR-Code einscannen. Weitere Videos gibt es auf Sayed Mohameds Facebookseite, einfach nach „Said Gamal“ suchen.

Seit er 14 Jahre alt ist, weiß Said Gamal Sayed Mohamed, dass er Tänzer werden will. Sein Vorbild in seiner ägyptischen Heimat war zunächst Michael Jackson; Breakdance tanzt er bis heute. Aber verschrieben hat er sich dem „zeitgenössischen Tanz“. Seine letzte Show, „Out of Body“, hatte er am Schauspielhaus Bochum. In Hameln, wo er mit seiner Familie lebt, trainiert er für die Profikarriere.




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