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Interview mit Woodstock-Legende Miller Anderson / Saiten-Virtuose erster Stunde

„Ich bin dabei gewesen, doch von Romantik habe ich nichts gespürt“

„Als ein wirkliches Highlight meiner Karriere kann ich das Woodstock-Festival auch im Nachhinein nicht sehen – es herrschten dort im Laufe der drei Tage teilweise chaotische Zustände – von Romantik jedenfalls keine Spur. Pete Townsend von The Who brachte es auf den Punkt: ,Es war alles in allem eine große Sche..‘. Ich habe Jimi Hendrix beobachtet, als er seine Interpretation von „The Star-Spangled Banner“ gespielt hat – der war einfach nur böse und sauer. Er sollte gegen 22 Uhr spielen – da alle Bands, bedingt durch das schlechte Wetter, überzogen haben, konnte er erst gegen 5 Uhr morgens auftreten. Auch auf dem Open-Air-Gelände herrschte eine Ausnahmesituation, da die erwarteten Besucherzahlen um ein Vielfaches übertroffen wurden. Viele blieben in verstopften Zugangswegen stecken oder wurden von der Polizei wieder nach Hause geschickt – ein Desaster,“ erklärte uns Miller zu Beginn des Interviews.

Das schlechte Wetter machte auch der Keef Hartley Band einen Strich durch die Rechnung.

Miller: Da die Zufahrtswege zur Bühne unter Wasser standen, wurden wir mit dem Hubschrauber eingeflogen und konnten so nicht unser eigenes Equipment mitnehmen – eine mittelschwere Katastrophe für eine Band. Wir durften dann Santanas Backline benutzen, mit der wir allerdings unsere Schwierigkeiten hatten. Alles war speziell für Carlos Santana angefertigt worden – das Zauberwort an diesem Tag hieß „Prototyp“. Ich glaube aber, dass wir einen ordentlichen Auftritt abgeliefert haben.

Miller Anderson begann seine musikalische Karriere Mitte der 60er Jahre bei Bands wie „The Royal Crests“, „Karl Stuart & The Profiles“ und „The Scenery“, bis er sich im November 1968 der Keef Hartley Band anschloss. Mit Keef Hartley nahm Anderson fünf Alben auf – er schrieb auch einen Großteil der Songs.

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Lang, lang ist’s her – Miller Anderson bei seinem Auftritt in Woodstock.

Miller: Es war die erste erfolgreiche Band, in der ich Gitarrist und Sänger zugleich war – zudem hat mich Keef auch immer wieder ermutigt, mein Songwriting zu verfeinern. Ohne Wenn und Aber war die Keef Hartley Band der erste Meilenstein in meiner Karriere.

In der Zeit von 1976 bis 1977 stand der gebürtige Schotte auf der Lohnliste von T. Rex-Shouter und Mädchenschwarm Marc Bolan, der mit Songs wie „Hot Love“ oder „Get It On“ für Massenhysterie unter den Fans sorgte.

Miller: Mein Kumpel Peter Dino Dines, er wirkte auf einigen Keef-Hartley-Alben als Keyboarder mit, nahm mit mir Kontakt auf, als T. Rex einen neuen Gitarristen brauchte. Ich bekam den Job und lernte deren Arbeit im Laufe der Zeit schätzen. Marc Bolan kannte ich vorher nicht persönlich und war auch nicht Fan seiner Musik – für mich war es halt nur Popmusik – die Zusammenarbeit war aber irgendwie witzig.

Dass Miller Anderson auf der Gitarre zu den Besten seines Faches zählt, ist bekannt – doch der Multi-Instrumentalist lässt sich durchaus überreden, auch einmal den Viersaiter umzuhängen

Miller: Stan Webb von Chicken Shack hat mich mehrmals als Bassist gebucht – die Zusammenarbeit mit ihm hat mir immer viel Spaß gemacht – wenn Stan bei mir angeklopft hat, habe ich immer ja gesagt. ,Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht für dich, Miller. Du bekommst auf der Tour mehr Geld, ist die gute Nachricht – die schlechte ist: Du musst wieder Bass spielen‘ – so fing unser Gespräch meistens an. Bei Mountain habe ich vier Jahre als Bassist und Sänger gearbeitet. Die wollten als Trio touren – neben Leslie West gab es eh keinen Platz für einen zweiten Gitarristen.

Seit einigen Wochen steht Miller Anderson in den Reihen der Hamburg Blues Band, fühlt sich bei den Jungs pudelwohl. Über das Angebot von Gert Lange hat sich der Woodstock-Veteran sehr gefreut.

Miller: Damals bin ich noch mit meiner eigenen Band, der Miller Anderson Band, getourt. Da wir nicht so richtig organisiert waren, habe ich bei Gert angefragt, ob er für uns das Booking übernehmen kann. Nach einigen Wochen hat er sich gemeldet und mir angeboten, bei der Hamburg Blues Band einzusteigen, was ich auch gern tat. Ich wollte einfach etwas Abstand von meiner eigenen Band haben, denn es ist anstrengend zu singen und gleichzeitig Gitarre zu spielen. Die Stücke der Hamburg Blues Band musste ich mehr oder weniger auswendig lernen, weil sie, mit geringen Änderungen, jeden Abend gleich gespielt werden. Das war zunächst ungewöhnlich für mich, da ich sonst eigenständiger bin.

Wer die Hamburg Blues Band mit Miller Anderson vor kurzem in der Blues Garage live erleben konnte, hat sofort gespürt, mit welcher Spielfreude der Gitarrist seinen neuen Job ausübt. Dieser Mann hat sein Handwerk von der Pike auf gelernt – die Meisterprüfung hat er schon vor ewig langer Zeit mit dem Prädikat „grandios“ abgelegt.




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