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Professor Heuft räumt mit Vorurteilen über das Alter auf / Lernen, sich an veränderte Situation anzupassen

"Ich bin 70, also muss ich doch krank sein!"

Rinteln (wm). Die Burghofklinik hatte am Mittwochabend Dr. med. Gereon Heuft, Professor und Uniklinikchef, zu einem Vortragüber die "Herausforderungen des Alters" in den Ratskeller eingeladen. Es war ein Experiment, denn zu dem Vortrag waren nicht nur Experten, also Ärzte, sondern auch die interessierte Öffentlichkeit eingeladen. Mit erfreulichem Ergebnis und das in gleich zweifacher Hinsicht: Der Ratskellersaal war gut gefüllt, etwa die Hälfte des Publikums medizinische Laien, die auch ihre Erwartungen erfüllt sehen durften. Denn der Professor verstand es geschickt, seine Thesen sowohl den Fachkollegen zu präsentieren als auch allgemein verständlich dem restlichen Publikum.

Die Idealvorstellung eines Lebens im Alter: Alle drei Generation

Heuft räumte zunächst mit ein paar Vorurteilen auf: 1. Mit dem Erreichen des Erwachsenenalters sei die Entwicklung keineswegs abgeschlossen, wie bisher angenommen. Heuft: "Es gibtüber den gesamten Lebenslauf immer etwas Neues." 2. Gleichen sich normale Kinder in ihrer biologischen, also körperlichen wie geistigen Entwicklung noch weitgehend, driftet das bei älteren Menschen extrem auseinander. Ältere Menschen werden individueller, ihre körperliche wie geistige Verfassung könne bei gleichem Alter völlig unterschiedlich sein. Dann ein Hinweis für die Fachkollegen: Bisher habe man Psychotherapie bei älteren Menschen praktisch vernachlässigt. Langzeitstudien hätten aber gezeigt, dass auch alte Menschen erfolgreich therapiert werden können und nicht nur mit Tranquilizer ruhig gestellt werden müssen. Es gebe aber leider noch zu vieleÄrzte, die bei älteren Menschen an Psychotherapie gar erst nicht als mögliche Therapie dächten. Heuft: "Es käme auch niemand auf die Idee, einem 65-jährigen eine neue Hüfte zu verweigern." Der viel zitierte demografische Faktor werde die Gesellschaft hier zu einer Neuorientierung zwingen. Denn statistisch habe ein heute 60-jähriger Mann noch 20 Jahre vor sich, eine Frau 24 Jahre. "Das ist eine ganze Generation Lebenszeit und betrifft uns alle". Falsch sei auch das negative Bild, das Alter sei geprägt von Defiziten und Defekten. Von den heute rund zwei Millionen 80-Jährigen führten 80 Prozent noch ein selbst organisiertes Leben. Und gemessen an der Allgemeinbevölkerung würden alte Menschen nicht häufiger an psychosomatischen Störungen leiden als jüngere. Falsch sei allerdings auch die Vorstellung, im Alter würde man automatisch weise - dieses idealistische Bild sei nicht zu halten. Altwerden sei eine Herausforderung, weil sich der körperliche Altersprozess zwar verzögern, aber nicht stoppen lässt. Mit zunehmenden Alter würden auch die altersbedingten Einschränkungen im Alltag linear ansteigen. Hier komme es darauf an, dass man sich neu orientiere, neue Wertigkeiten finde, sein Leben neu definiere. Heuft: "Es gibt gesunde 70-Jährige, die lassen sich laufend vom Arzt untersuchen, weil sie überzeugt sind, ich bin 70, also muss ich doch eigentlich krank sein". Für die anwesenden Fachkollegen schilderte Heuft drei Konfliktsituationen, die bei alten Menschen körperliche Beschwerden auslösen können, ohne dass man dazu einen organischen Befund feststellen könne. Die erste Gruppe schleppe einen Konflikt ein Leben lang mit sich herum, der aber aufgrund günstiger Lebensumstände nie zum Ausbruch komme. Klassisches Beispiel sei eine Frau, die nie allein habe leben müssen, weil sie aus dem Elternhaus nahtlos in die Ehe gewechselt ist, Kinder bekommen hat, schließlich mit ihrem Mann in Rente gehen konnte, bis der plötzlich einem Herzinfarkt erliegt. Die Folge seien Panikattacken, weil die Frau das Gefühl habe, nicht allein leben zu können. Auch ein Umzug in eine neue, altersgerechte Wohnung könne so ein Auslöser sein, wenn sich das soziale Umfeld ändert und "der Besuch der Tochter aus Hamburg Highlight im Monat wird". Appell des Professors: Wer glaubt, der "Beziehungspool" den er mit 30 hat, also Partner, Bekannte, Freunde, Verwandte, würde bis zu seinem 80. Lebensjahr halten, kann am Ende völlig vereinsamt sein. Heute müsse man auch im Alter bereit sein, immer neue Kontakte zu knüpfen. Die zweite Gruppe sind Menschen, die mit dem körperlichen Altersprozess nicht klar kommen. Heuft: "Und das ist bei Männern krisenhafter als bei Frauen." Der dritte Typus, vor allem Menschen der Jahrgänge 1930 bis 1945 werde von der Vergangenheit eingeholt und erleide eine posttraumatische Belastungsstörung. Das seien oft Menschen, die ein erfolgreiches Erwerbsleben hinter sich haben und plötzlich, "weil sie Zeit haben", erleben, dass Verdrängung nicht mehr funktioniert und das, "was in deruntersten Schublade verstaut war, plötzlich hoch kommt". Das könnten schlimme Kriegserlebnisse sein, Bombennächte, die man als Kind erlebt hat, eine Vergewaltigung, ein dramatischer Verlust. Empfehlung des Professors: Sich fit zu halten im Alter sei selbstverständlich wünschenswert, doch müsse man auch lernen, Geduld mit sich zu haben und sich der Situation anzupassen, also nicht mehr in die Berge zu fahren, sondern an den Strand. Sich zum fünften Mal liften zu lassen, sei keine Lösung, "wenn man ein gewisses Alter erreicht hat." . Eine neue Bewältigungs-, (fachlich Coping)strategie zu entwickeln, dabei könne Psychotherapie helfen. Und noch zwei Sätze des Professors: Wer, obwohl eigentlich altersgemäß gesund, mit 70 ständig vom Tod rede, habe vermutlich eigentlich eher Angst "vor den Jahren, die dazwischen liegen." Und: "Für den Betrag, den ein Monat Pflegeheim kostet, das eigentlich noch nicht notwendig wäre, kriegen sie viele Stunden Psychotherapie."



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