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Als vor 100 Jahren die Schlacht um Verdun tobt, werden Lebensmittel in Schaumburg streng rationiert

Hungern als „vaterländische Pflicht“

Inzwischen ist uns zur Gewissheit geworden, dass wir diesen Krieg auf dem Gebiete der Ernährung (nur) durchhalten können, wenn wir sparsam sind“, forderte Anfang 1916 die deutsche Reichsregierung das Volk zu mehr Verzicht und Enthaltsamkeit auf.

Autor:

Wilhelm Gerntrup

Der Appell kam nicht von ungefähr. Seit 18 Monaten war Krieg. Er hatte sich als zäher, brutaler und verlustreicher erwiesen, als dies von der kaiserlichen Generalität vollmundig prophezeit worden war. Statt Siegesmeldungen bekamen die Angehörigen zu Hause immer öfter Todes- und Vermisstennachrichten zu lesen. Für zusätzlichen Frust sorgte die immer schwierigere Versorgungslage.

Die seit Anfang 1915 schrittweise eingeführte Zwangsbewirtschaftung der Lebensmittel war weitgehend wirkungslos geblieben. Kaum ein Tag, an dem die Leute an der Heimatfront nicht zu noch mehr Maßhalten aufgefordert wurden.

„Vielfach haben die Verbraucher vergessen, dass die Brotmenge, die doch lediglich als oberste Verbrauchsgrenze gedacht ist, keineswegs für den Einzelnen die moralische Erlaubnis bedeutet, nun tatsächlich so viel Brot zu essen, wie er auf die Brotkarte kaufen kann“, heißt es in einem in der Schaumburg-Lippischen Landes-Zeitung abgedruckten Aufruf des kurz zuvor neu eingerichteten „Kriegsernährungsamtes“.

Es sei vaterländische Pflicht jedes Einzelnen, „nur so wenig zu verbrauchen, wie es ihm irgend möglich ist, und mit strenger Selbstzucht Ersparnisse vorzunehmen“. Ähnliche Verhaltensmaßregeln wurden für den Umgang mit Milch, Fleisch, Kartoffeln, Speisefett, Eier, Zucker, Hülsenfrüchten, Gemüse und Käse auf den Weg gebracht.

Im überwiegend landwirtschaftlich geprägten Schaumburg sollen derartige Mahnungen nur wenig gefruchtet haben. Die meisten Einwohner lebten in Dörfern und waren Selbstversorger. Das galt auch für die Angehörigen der in den Kohlezechen und Glashütten beschäftigen Arbeiterklasse. Viele hatten ein Schwein und/oder eine „Bergmannskuh“ (Ziege) im Stall. Schlachten, Wursten und Backen ging im Rahmen von Nachbarschaftshilfe über die Bühne. Auch viele andere Zutaten des täglichen Bedarfs wurden außerhalb staatlicher Kontrolle organisiert. Die Bauern erlebten goldene Zeiten. „Wenn de Krieg no länger duert, kön wi mitn goldenen Plaug pleugen“, war hinter vorgehaltener Hand zu hören („Wenn der Krieg noch länger dauert, können wir mit einem goldenen Pflug pflügen.“).

So dürfte denn die von der Schaumburg-Lippische Landesregierung jede Woche herausgegebenen und samstags in der Landes-Zeitung veröffentlichten „Küchenzettel für die nächste Woche“ vor allem für die Stadtbevölkerung interessant gewesen sein. Die auf den Zetteln vorgeschlagenen Schmalkost-Empfehlungen sahen zwei fleischlose und zwei fettlose Tagesrationen vor. Meist standen zwei Gerichte zur Auswahl – ein „bürgerlicher“ und ein „ganz einfacher Speisezettel“. Über Zutaten und Zubereitung informierte eine so genannte „Kochvorschrift“.

Hier die – möglicherweise auch für diätbedürftige heutige Zeitgenossen interessante – landesherrliche Empfehlung für das Frühjahr 1916:

Küchenzettel für Schaumburg-Lippe (für vier Personen gerechnet)

In der Stadt Bückeburg sind fleischlose Tage: Montag, Donnerstag; fettlose Tage: Dienstag, Freitag. Im ganzen übrigen Fürstentum sind fleischlose Tage: Dienstag, Freitag, und fettlose Tage: Montag, Donnerstag. Am Sonnabend soll kein Schweinefleisch gegessen werden.

Bürgerlicher Speisezettel.

Montag – fleischlos: Kartoffelsuppe (1 Löffel Nährhefe), Speckkohl; Abendgericht: Apfelreis

Dienstag – fettlos: Rindersuppe mit Gemüse, Backobst und Nudeln; Abendgericht: Kartoffelsalat, gebratene Blutwurst

Donnerstag – fleischlos: Grüne Heringe mit warmem Kartoffelsalat und einer Pfanne gebratene Äpfel; Abendgericht: Biersuppe

Freitag – fettlos: Filet nach Jägerart, vorher Blaubeersuppe; Abendgericht: Pellkartoffeln, eingelegte grüne gebratene Heringe

Ganz einfacher Speisezettel.

Montag – fleischlos: Weiße Bohnen mit Äpfeln und Kartoffeln dazu

Dienstag – fettlos: Steckrüben mit Rindfleisch und Kartoffeln; Abendgericht: Rührkartoffeln und Blutwurst

Donnerstag – fleischlos: Grüne gebratene Heringe (wie oben), Kartoffeln; Abendgericht: Kartoffeln in Zwiebeltunke oder Kartoffeln und die übrig gebliebenen eingelegten grünen Heringe.

Kochvorschrift für die fleisch- und fettlosen Tage:

Wurzelsuppe: Viel klein geschnittene Wurzeln und andere Suppenkräuter, 4 bis 6 geschälte Kartoffeln, Salz, Nährhefe oder Maggi-Würfel, Saucenreste, etwas Mehl zum Binden, koche man gar, treibe alles durch ein Sieb, rühre mit zwei Eigelb ab, Petersilie und gebratene Semmelbrötchen hinein.

Naumburger Patrizierin: 8 Zwiebäcke oder 4 Milchbrötchen in Milch geweicht, am besten abends zuvor, dann drücke man sie gut aus, rührt ein Viertel Pfund Butter zu Sahne, nach und nach 6 bis 8 Eigelb hinzu, ein Viertel Pfund Zucker, ein Viertel Pfund süße (etwas bittere) Mandeln gerieben, ein Teelöffel Kartoffelmehl sowie den Schnee der Eier hinzu, etwas Vanille und zuletzt eineinhalb bis zwei Pfund Sauerkirschen hinein. In vorbereiteter Form dreiviertel Stunden gebacken. Kirschsaft dazugereicht.

Kartoffelrand: Man benutzt übrig gebliebene Kartoffeln, ein Teller voll, treibt sie durch die Maschine, gibt Salz, Muskatnuss und ein Paket Eierersatz hinzu, sodass eine schöne lockere Masse entsteht. Dieselbe füllt man in eine vorbereitete Handform und backt 20 bis 30 Minuten bei Mittelhitze. Nun stürzt man den Rand auf die Schüssel und füllt ihn mit dem Fleischgericht.

Rindergulasch: Ein Pfund Rindfleisch in Würfel geschnitten, dann nimmt man 10 g getrocknete oder frische Champignons, teilt sie in Scheiben, zwei Zwiebeln in Würfeln geschnitten, Salz und Pfeffer, füllt Wasser daran und lässt langsam gar dämpfen. Man kann – wenn die Sauce zu hell bleibt – mit braunem Zucker etwas nachfärben, zum Runden fügt man etwas Mehl noch hinzu.

Gebackene Erbsen mit Sauerkohl und Zuckerkartoffeln: Mit etwas Wein und Fett gar gedämpfter Sauerkohl wird mit Erbsenbrei (grüne oder gelbe Erbsen) – etwas Butter daran – abwechselnd in eine Backform gelegt, obenauf Sauerkraut. Etwas Milch (oder saure Sahne) wird mit 2 bis 3 Eigelb und geriebenem Käse verquirlt und über das Ganze gegossen. In mäßig heißem Ofen gebacken. Möglichst kleine, gleichmäßig abgezogene Kartoffeln legt man in die Pfanne, in welche man vorher 3 bis 4 Esslöffel Zucker mit so viel Wasser tat, dass der Zucker gerade nass wird. Derselbe muss unter Rühren braun werden, dann kommt ein gehäufter Esslöffel Fett hinzu und – wenn braun – die Kartoffeln, die man von allen Seiten schön gelbbraun werden lässt.

Fischpfannkuchen: Die Fischreste schneide man in Würfel und entgräte sie. Eine gehackte Zwiebel und etwas Tomatenbrei brate man in Butter oder Fett, schlage 4 bis 6 Eier dazu, etwas Pfeffer, Salz, Muskat, etwas Zitronensaft und gehackte Petersilie. Alles vermischt brate man die Masse wie einen Pfannkuchen auf beiden Seiten dunkelgelb.

Im Frühjahr 1916 tobte die Schlacht um Verdun. In Deutschland wurden die Lebensmittel knapp, die Menschen begannen zu hungern. Vor 100 Jahren bekamen auch die Schaumburger den Krieg hautnah zu spüren. Grundnahrungsmittel wie Brot, Fleisch, Zucker, Mehl, Butter und Kartoffeln wurden streng rationiert.

Vor 100 Jahren tobte der Erste Weltkrieg. In der Schaumburg-Lippischen Landes-Zeitung wurde dieser Küchenzettel abgedruckt. Darauf sind Ernährungstipps angegeben.

Repro: gp

Anfang 1916: Menschen stehen in Berlin an. Es gibt Suppe.

Foto: dpa




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