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Peter Puppe kennt die legalen Wege zum selbstbestimmten Sterben, aber er sagt auch: „Ich bin kein Pizza-Bestellservice“

Humanes Sterben ist ein Menschenrecht

Bremen/Bückeburg. Einen schönen Tod. Das wünscht sich jeder, davon träumt der Mensch: Man legt sich am Ende eines langen und gesunden und glücklichen und erfüllten Lebens abends in Bett, schläft ein – und wacht nie wieder auf. Ein sanftes Entschlafen, ein müheloses Hinübergleiten in eine andere Welt, das wünschen wir uns.

Autor:

von Frank Westermann

Für wie viele Deutschen wird dieser Traum wahr?

„Für etwa ein bis vier Prozent“, sagt Peter Puppe; man kann die Zahl nur schätzen, genaue Zahlen gibt es nicht, aber eins ist sicher: Viele sind es nicht, Puppe schätzt den Anteil der Menschen, denen auch die moderne Medizin nicht mehr helfen kann und die deshalb am Lebensende schwer leiden, auf 20 Prozent.

Belastbare Statistiken hält die Hospizarbeit vor: Etwa die Hälfte der Deutschen stirbt heute in Krankenhäusern oder Pflegeheimen, oftmals allein und leidend. Schon Dostojewski habe das beschrieben, sagt Peter Puppe, habe erzählt, wie die nach ihrem Tod schreienden Menschen in die entlegensten Zimmer des Totenhauses mit ihrem Sterbebett abgeschoben wurden – damit ihre Schreie den Lebenden nicht mehr in den Ohren gellen.

Peter Puppe, ehemaliger Fachpädagoge für Sprach- und Verhaltenstherapie, ist Sterbebegleiter, er ist das, was umgangssprachlich als Sterbehelfer bezeichnet wird. Er hilft Menschen auf ihrem letzten und ganz individuellen Gang zu einem würdigen Ende. Denn Würde und Selbstbestimmung, werden durch das Grundgesetz garantiert, und das betrifft nicht nur das Leben, sondern – und vor allem – den Tod. Puppe hat Bücher über das Thema geschrieben, hat erzählt von Besuchen bei und Gesprächen mit reflektierten, meist todkranken Personen, die sich eigenverantwortlich für den Tod entschieden haben. Puppe berät und begleitet sie. Wenn es denn gewollt ist, und wenn er selbst es will, erzählt er beim Redaktionsgespräch in einem Café an der Peripherie von Bremen: „Meine Begleitung muss erwünscht sein, und ich muss es auch selbst wollen.“

Wie die Geburt gehört

auch das Sterben zum Leben

Peter Puppe erlebt und beschreibt dabei fast immer den innigsten Wunsch, ein elendiges Dahinsiechen beenden zu wollen. Die Schicksale sind vor allem die älteren Menschen, die zufrieden auf ein erfülltes Leben zurückblicken – und nun nicht sterben dürfen, obwohl sie es wollen. Puppe nennt ein Beispiel und erzählt von einer älteren Frau, Typ Managerin, sehr selbstbestimmt, ihr Leben lang, die an Zungenkrebs erkrankt war, einer besonders bösartig verlaufenden Krankheit. Puppe kann sehr anschaulich schildern, wie diese Krankheit wirkt, aber er kann auch erzählen, wie sich seine Hilfe auswirkte, es sind nur wenige Worte: „Sie ist friedlich eingeschlafen.“

Seit rund 35 Jahren beschäftigt Puppe sich mit dem Thema. 2005 war er Preisträger des Arthur-Köstler-Preises. Er erhielt den Preis für seinen Beitrag „Sonnenwende oder Ich bin nicht maßgebend“. Dieser Beitrag zeichnete in bedrückender Form den Sterbewunsch des 90 Jahre alten Karl Gropius auf, der seinen Leiden nicht mehr gewachsen war und eine Möglichkeit suchte, diesem von ihm nicht mehr ertragbaren Zustand ein Ende zu setzen und der einen Menschen brauchte, der ihm dabei zur Seite stand.In seiner Dankesrede hat Puppe damals erklärt, was ihn handeln lässt: „So, wie die Geburt zu meinem Leben gehört, so gehört auch das Sterben dazu. Und so, wie ich als mündiger Mensch ein originäres Menschenrecht auf ein selbstbestimmtes Leben habe, so habe ich auch ein originäres Menschenrecht auf mein selbstbestimmtes Sterben. Es ist das Versäumnis unserer Zeit und unserer Politiker, dies nicht erkannt und noch immer nicht in Gesetzesform gesichert zu haben.“ Dafür kämpft er.

Humanes Sterben, hat Puppe damals erklärt, dürfe nicht länger Hauptgewinn in einer Lotterie mit unserem Leben sein, „humanes Sterben ist unverzichtbares Menschenrecht!“ Grundsätzliche Gewinner in dieser Lotterie gibt es auch, weil sie den richtigen Beruf und damit Zugang haben: Jeder Arzt, jeder Apotheker und jeder Chemiker habe heute die Möglichkeit, seinem Leiden ein humanes, schmerzfreies Ende zu setzen, erklärt Puppe. Dies finde Woche für Woche in Deutschland statt, werde aber in der Öffentlichkeit im wahrsten Sinne des Wortes „tot“ geschwiegen.

„Mit meinem Gott bin ich im Reinen“, sagt

der bekennende Christ

Puppe wägt seine Worte im Pressegespräch sorgsam, jeder Satz von ihm wird wie zur Begutachtung vorgelegt, aber trotz aller inhaltlichen Explosionsgefahr findet sich in seinen Worten nichts Verletzendes, nichts Scharfes, nichts Verhärtetes, sondern nur das, was beschreibt, wie es ist. Jeder Mensch, sagt der 71-Jährige, muss alle Fortschritte der modernen Medizin und Pflege in Anspruch nehmen können, bis zur letzten Minute seines natürlichen Lebens. „Und der Mensch will leben, aber die meisten Menschen sterben auch am Ende eines langen Leidensweges.“ Und wenn das Leiden die Lebensmotivation überdeckte, habe man als mündiger, selbstbestimmter Menschen das Recht auf ein humanes, schmerzfreies Sterben, hatte er in seiner Dankesrede ausgeführt, „und daran hat sich bis heute nichts geändert“, sagt er. Was er selbst als menschenunwürdig bezeichnen würde, das seien jene Mitmenschen, die anderen das Recht auf ein selbstbestimmtes Sterben verweigern.

Peter Puppe spricht nicht gern mit Medien, die meisten Anfragen lehnt er ab. Das hat Gründe. Zum einen findet sich in jedem zweiten Bericht über ihn die Formulierung vom aktiven Sterbehelfer; und genau das ist er nicht, da die aktive Sterbehilfe in Deutschland verboten ist. Außerdem sei das aktive Herbeiführen des Todes durch einen Arzt in keinem Fall erforderlich sei, sagt er: Wesentlich sinnvoller sei es, den letzten Schritt durch den Menschen selbst zu erwarten.

Der zweite und höher zu bewertende Umstand, dass Puppe den Medien etwas ablehnend gegenüber auftritt, findet sich in den Folgen: Nach jedem Bericht gibt es 40 bis 60 neue Anfragen, „Herr Puppe, bitte helfen Sie mir.“ Es sind Anfragen, die ihn befremden: „Ich bin kein Pizza-Bestellservice.“ Er sei niemand, den man nach sechs Jahren schwerer Krankheit anrufen könne, weil man nicht mehr leben wolle, und dann setze er, Puppe, sich ins Auto und fahre los und führe den Todkranken. Wie gesagt: „Es ist immer meine Entscheidung und die des anderen.“

Dass er die Einladung, heute im Bückeburger Ratskeller vor der Senioren-Union ab 15.30 Uhr zum Thema Sterbehilfe zu diskutieren, angenommen hat, liegt daran, dass er mit einem Kirchenexperten streiten kann, der wohl eine andere Position als er vertreten wird. Ansonsten kann er Diskussionen nicht ganz so viel abgewinnen: „Da sitzen ein Pastor, ein Vertreter der Palliativmedizin und ein Hospizmitarbeiter – was gibt es da zu diskutieren? Sie sind alle gegen Sterbehilfe.“ Und ein bisschen gewundert hat er sich über den Vorsitzenden der Senioren-Union Bückeburg: Dass Friedel Pörtner den Mut habe, so ein unbequemes Thema aufzunehmen, das nötigt Puppe einen gewissen Respekt ab, und dieser Mut gehöre auch belohnt: Er hat also zugesagt.

Peter Puppe bezeichnet sich selbst als bekennenden Christen, und natürlich akzeptiert er die Einstellung eines jeden Menschen, der aus religiöser oder anderer Überzeugung sein Leben unter allen Umständen bis zur letzten Sekunde – auch unter unsäglichen Schmerzen – bewahrt wissen möchte.

Aber, so hat er es einmal formuliert, er spreche aber jedem Kirchenvertreter und jedem Funktionär der Hospizbewegung das Recht ab, über andere Menschen mitzubestimmen, die nicht bereit sind, ihnen und ihren Dogmen unwidersprochen als „Schäfchen“ in die diesseitige Hölle zu folgen. „Mit meinem Gott bin ich im Reinen“, sagt Puppe. Man kann es ja auch anders sehen: Vielleicht sind die Menschen, die bei Puppe Rat und Hilfe suchen, ihm zugeführt worden, „wie eine Aufgabe“, hat er einmal gesagt.

Das Gespräch ist beendet, der Schreibblock ist mehr als gut gefüllt, gemeinsam verlassen wir das Café. Der Himmel neigt sich über der Freien und Hansestadt, die Dämmerung kriecht hervor. Peter Puppe überreicht zum Abschied noch sein neues Buch, es heißt „Sterbehilfe 4 + 1“, hier kann nachgelesen werden, wie leidende Menschen sich selbst helfen können, um inhumanes Leiden auf legale Weise zu beenden. Und auch der Schreiber dieser Zeilen hat ein Buchgeschenk für den humanistisch denkenden Puppe mitgebracht, es heißt „Ein ganzes Leben“ und stammt von Robert Seethaler, der von einem erzählt, der kein Glück hat; der als uneheliches Kind zum Onkel auf den Hof kommt, der regelmäßig verdroschen wird und nie eine Idee davon bekommt, was es heißt, etwas aus sich zu machen. Aber im hohen Alter sitzt der Mensch, dem das Schicksal so oft blindlings ins Gesicht geschlagen hat, auf einem Stuhl und lauscht seinem Herzschlag.

Und dann hört er: nichts mehr.

Er bekommt gewährt, was in Deutschland in der Sterbenslotterie nur ein bis vier Prozent zugestanden wird: einen schönen Tod.




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