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Hospizleiterin Stephanie Kaiser: „Es ist ein Ort des Lebens“

BAD MÜNDER. Um ins Hospiz in Bad Münder zu gelangen, muss man zunächst eine Klingel betätigen. „So können wir jeden begrüßen, lernen ihn kennen und fangen ihn auf“, erklärt Stephanie Kaiser. Die 30-Jährige arbeitet seit fünf Jahren im Hospiz, seit anderthalb Jahren ist sie die Leiterin.

Seit rund anderthalb Jahren leitet Stephanie Kaiser das Hospiz in Bad Münder. Der persönliche Umgang mit den Gästen und die Erfüllung ihrer Wünsche sind der 30-Jährigen dabei wichtig. Foto: Lindermann
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Johanna Lindermann Redakteurin zur Autorenseite

Der persönliche Kontakt mit den Gästen und den Angehörigen ist ihr bei ihrer Arbeit sehr wichtig. Generell sieht sie in ihrer Aufgabe mehr als einen Beruf: „Wir leben hier ein Stück weit mit den Gästen und den Angehörigen.“

Dass ihr Platz in einem Hospiz ist, wurde Kaiser schon früh klar: In ihrer Ausbildung als Krankenpflegerin war auch eine Station in einem Hospiz vorgeschrieben – ein Glück, meint Kaiser, denn: „Wenn es kein Pflichteinsatz gewesen wäre, hätte ich vielleicht Nein gesagt.“ Doch zu ihrer eigenen Überraschung war sie eine der wenigen, der diese Tätigkeit gefallen hat – und mehr noch: „Mir war völlig klar, dass ich nach der Ausbildung in einem Hospiz arbeiten möchte.“ Das habe sich nur noch verfestigt, je länger sie im Krankenhaus gearbeitet habe, denn dort würden die Menschen nicht so intensiv im Sterbeprozess betreut. „Im Hospiz begleiten wir die Menschen und lernen sie kennen – dadurch gibt es nicht nur traurige, sondern auch viele schöne Momente.“ Nach ihrer Ausbildung belegte sie daher einen Palliativ- und einen Leitungskurs. Im August 2017 übernahm sie schließlich die Leitung des Hospizes in Bad Münder von Agnes Schulze Althoff. Sie habe in ihrem Beruf immer Menschen helfen wollen, erklärt Kaiser und fügt hinzu: „Hier im Hospiz kann ich zum Ursprung meines Berufs zurückkommen.“

Doch was reizt sie so an ihrer Aufgabe? „Es gibt hier viele schöne Momente, jeden Tag aufs Neue.“ Ihr ist es wichtig, den Gästen „so viel Zuhause zu geben, wie es möglich ist“. Dazu gehört es auch, die Wünsche der Gäste zu erfüllen – von kleineren Wünschen wie einem bestimmten Essen, bis hin zu großen Wünschen. Und dabei wird versucht, auch noch so große Wünsche zu ermöglichen. Kaiser erinnert sich dabei etwa an ein besonderes Erlebnis: „Ein Gast war Mitglied in einem Autoclub, konnte aber nicht mehr aktiv an den Treffen teilnehmen. Also haben wir das Autotreffen einfach nach hier verlegt – da hatten wir dann acht Alpha Romeos in unserem Garten stehen.“ Das sei eine sehr beeindruckende und bewegende Erfahrung gewesen – sowohl für das Hospiz-Team, als auch für den Gast. „Es war für ihn ein Ziel, um dann Abschied nehmen zu können“, sagt Kaiser. „Manchmal bleibt einem da der Atem weg – wie viel Kraft der Mensch noch aus seinem Körper nehmen kann, um so etwas noch zu erleben.“

Dass die Gäste im Hospiz in ihrem letzten Lebensabschnitt selbst entscheiden können, ist ihr sehr wichtig: „Das letzte Stückchen Gut, was wir im Leben haben, ist die Selbstbestimmung.“ Das stehe im Hospiz an oberster Stelle, sagt Kaiser und fügt hinzu: „Ich bin zwar die Leiterin, aber die sechs Gäste sind die Chefs, deren Wünsche wir erfüllen.“

Auch gehe sie selbst jetzt anders mit den Themen Tod und Sterben um. „Ich habe mich mehr mit dem Sterben auseinandergesetzt und habe eine Vorstellung davon, wie es funktioniert. Da hat man dann schon weniger Angst“, erzählt die Hospizleiterin.

Doch trotz all der schönen Momente gibt es in einem Haus, in dem Menschen sterben, natürlich auch traurige Zeiten. Wie geht man mit dieser Belastung um? „Wir haben einmal im Monat eine externe Supervision“, erklärt Kaiser, aber auch die Mitarbeiter würden sich untereinander stark tragen. „Der interne Austausch hier im Haus ist sehr wichtig.“

Denn „man kann nicht einfach nach Hause komm0n und abschalten“, sagt Kaiser, fügt allerdings hinzu: „Das sehe ich aber nicht schlecht“, denn ein Stück weit wohne sie auch mit den Gästen im Hospiz. „Es wäre nicht fair den Menschen gegenüber“, wenn sie nach Feierabend gar nicht mehr daran denke, ist Kaiser überzeugt. „Aber ich denke nicht über das nach, was belastend ist, sondern über die schönen Momente. Ich nehme nichts im negativen Sinne mit nach Hause.“

Viel Unterstützung in ihrer Arbeit bekommt das Hospiz-Team übrigens auch von ehrenamtlichen Helfern. „Durch die Ehrenamtlichen ist es uns möglich, so zu arbeiten, wie wir arbeiten.“ Jeder Helfer bringe dabei seine ganz eigenen Talente, Erfahrungen, Geschichten und Kompetenzen mit. „Sie bestimmen selbst, was sie machen. Manche arbeiten in der Küche, andere leisten den Gästen Gesellschaft.“ Sie sind „Alltagsbrecher“, beschreibt es Kaiser, „die Normalität mit reinbringen“.

Für die Zukunft stehen im Hospiz einige Projekte an. Unter anderem soll die Küche umgebaut werden, um Essenswünsche zu erfüllen. Denn auch diese kleinen Wünsche gehören für Kaiser zu ihrem Auftrag dazu, damit die Gäste sich in ihren letzten Lebensabschnitt im Hospiz Bad Münder wie zu Hause fühlen. Es ist eben, so fasst es Stephanie Kaiser zusammen, „ein Haus des Lebens“.



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