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Hameln wurde zur Festung ausgebaut und war eine der ersten Garnisonsstädte im welfischen Land

Hopfenberg zugunsten des Altars verkauft

Bis ins Hochmittelalter waren die Bildung und das Sozialwesen in Deutschland fast ausschließlich Sache der Kirche, der Klöster und anderer geistlicher Institutionen, dann nahm sich aber auch das aufstrebende Bürgertum in den Städten dieser Aufgaben an. In Hameln betrieb das Stift sowohl die 1133 errichtete Stiftsschule, in der der geistliche Nachwuchs ausgebildet wurde, als auch eine Herberge für auswärtige Arme und für durchreisende Kranke und schwache Personen, die schon vor 1247 bestand und 1277 an der Weserbrücke lag.

Autor:

Horst Knoke

Bis ins Hochmittelalter waren die Bildung und das Sozialwesen in Deutschland fast ausschließlich Sache der Kirche, der Klöster und anderer geistlicher Institutionen, dann nahm sich aber auch das aufstrebende Bürgertum in den Städten dieser Aufgaben an.

In Hameln betrieb das Stift sowohl die 1133 errichtete Stiftsschule, in der der geistliche Nachwuchs ausgebildet wurde, als auch eine Herberge für auswärtige Arme und für durchreisende Kranke und schwache Personen, die schon vor 1247 bestand und 1277 an der Weserbrücke lag. Die Bürgerschaft der Stadt ihrerseits gründete im 13. Jahrhundert eine Heilig-Geist-Brüderschaft und baute am Rande der Stadt, dicht am Ostertor, das Heiliggeisthospital. Dieses diente von Anfang an nicht nur der Pflege von Kranken und Gebrechlichen, sondern war auch ein Armenhaus, in dem hilfsbedürftige Bürger Hamelns ein Obdach fanden. Erstmals erwähnt wird das „Haus zum Heiligen Geist“ in einer Urkunde aus dem Jahre 1300: der Hermann Mennerti verkauft dem Hospiz die Hälfte seiner Güter im Dorf Gröningen mit allen „Wiesen, Weiden und Wäldern“. Auch über weitere Zuwendungen an das Hospital geben Urkunden Auskunft. So vermachte ihm der Dekan des Stiftes 1378 in seinem Testament eine Geldsumme von zwei Talenten. Erhebliche Mittel flossen dem Armenhaus auch dadurch zu, dass mit dem Almosengeben für „dusse armen lude“ ein Ablass verbunden war. Eine Liste vom Ende des 15. Jahrhunderts weist neben dem Erzbischof von Riga mehrere Bischöfe von Minden auf, die demjenigen 40 Tage Ablass versprachen, der die Armen des Heiliggeisthospitals bedachte und für sie spendete. Die Verwaltung des Armenhauses war Aufgabe von Provisoren, die vom Rat bestellt wurden; sie, die auch „olderlude“ genannt wurden, hatten sich um die dem Hause vermachten Stiftungen, die Grundstücke, unter anderem die Hopfengärten am Klüt, und die dem Armenhaus gehörige Herde von Schweinen und Kühen zu kümmern. Der Rat der Stadt vergab auch die „Pröven“, die Plätze freier Wohnung und Unterhalt im Armenhaus. Im Donat, dem ältesten Stadtbuch Hamelns, heißt es in einer Aufzeichnung aus dem Jahre 1443: „De rad gheven dem Swarten Corde und siner husfruwen de provende in dem hilligengheiste.“

Das Hospital zum Heiligen Geist hatte eine eigene Kapelle, die bereits 1304 erwähnt wird und in der damals ein Vikar Friedrich Neckere Gottesdienste abhielt. 1324 versprach das Stift, in der kleinen Kirche täglich vor 6 Uhr, der Öffnungszeit des Ostertores, eine Frühmesse für die Durchreisenden lesen zu lassen. Zwei Urkunden aus der Mitte des 14. Jahrhunderts berichten von der Einrichtung einer Vikarie am Altar der Kapelle durch den Dekan und das Kapitel des Hamelner Stiftes und den Bürger Bertold Rike und seiner Frau, die zugunsten des Altars einen Hopfenberg vor dem Klüt verkauften. Die Kapelle, die einen Sockel aus Steinquadern hatte, über der sich eine Fachwerkkonstruktion erhob, hatte einen kleinen Turm, in dem eine Glocke hing. 1660 wehte ein mächtiger Sturm das Kreuz von dem kleinen Turm herunter. Ab 1653 wurde Hameln auf Befehl des Herzogs Georg Ludwig zur Festung ausgebaut und damit zu einer der ersten Garnisonsstädte in den welfischen Landen. Die Soldaten, die nun in Hameln lebten, wurden geistlich betreut von dem Feldprediger Albertus Lampadius. Er hielt zunächst Gottesdienst in der Marktkirche. Ab 1670 fanden die Gottesdienste für die Mitglieder der Hamelner Garnison, zu der auch die Familien der Soldaten gehörten, in der St.-Spiritus-Kapelle statt; von 1690 bis 1699, der Fertigstellung der von Kurfürst Georg Ludwig gestifteten reformierten Kirche an der Bäckerstraße, durften auch die Hugenotten ihre Gottesdienste dort abhalten.

a Marktkirchturm, b Heiliggeistspital, c Torturm mit Nebenturm, d Zwinger und Außenturm von 1510.

Anfang des 18. Jahrhunderts wurde die Kapelle zu klein für die angewachsene Garnisonsgemeinde, sodass der Wunsch nach einer eigenen Garnisonkirche aufkam. Die Regierung in Hannover stimmte einem Neubau zu. Als Bauplatz wurde der Bereich zwischen dem Torturm am Ende der Osterstraße und dem Heiligengeist-Hospital festgelegt, wo die inzwischen baufällige St.-Spiritus-Kapelle stand. 1711 wurde diese abgebrochen, wobei ihre hohe Baufälligkeit deutlich wurde. In einem Bericht heißt es: „die eine Mauer, als sie bey den abbrechen nur ein wenig gereget, von selbst herunter gefallen und unmöglich länger stehen“. 1712/13 entstand das neue Gotteshaus, die Garnisonkirche. 1723 wurde das Heiliggeist-Hospitalgebäude ebenfalls abgebrochen und dann neu errichtet. Seit dem 18. Jahrhundert war aus dem Haus für Kranke, Gebrechliche und Reisende immer mehr ein Altenheim für Alleinstehende, arme und hilflose Einwohner der Stadt geworden. Im neuen St.-Spiritus-Hospital waren jetzt 16 Pröven, Wohnungen, vorhanden, für die ein Eintrittsgeld von 17 Reichstalern 28 Groschen pro Person zu zahlen war. Damit erkaufte man sich ein lebenslanges Wohn- und Unterhaltsrecht. Jeder Insasse oder Prövener erhielt zeitlebens pro Monat acht Groschen 13-mal im Jahr ausbezahlt, für Licht und Brennmaterial wurden für jeden Prövener drei Reichstaler vom Hospital ausgegeben, dazu erhielt er einen Kornanteil und einen wechselnden Anteil an den Spenden, die aus den Armenbüchsen zusammenkamen.

In den Jahren 1724/25 hatte das Heiliggeist-Hospital einen Bewohner, der wenige Jahre später europaweit berühmt werden sollte: der „Wilde Peter“, das Hamelner Findelkind, das dort in der Obhut eines Pflegevaters ein Dreivierteljahr lang lebte. Nach dem Neubau war das Heiliggeist-Hospital ein normales Armenhaus. Die Verwaltung des Hauses und der Finanzen oblag nun einem Provisor, der ein Mitglied des Rates war. Er musste jedes Jahr dem Rat Bericht erstatten. Um die Prövener kümmerte sich fortan die städtische Armenverwaltung, für die ab 1754 ein General-Armen-Kollegium eingesetzt wurde, die oberste Instanz für alle Armenhäuser der Stadt, St. Spiritus, Stift Wangelist und Beginenhof. Im Verlaufe des 19. Jahrhunderts kam es zu Veränderungen bei den Insassen von St. Spiritus. So wohnten 1856 außer dem Hausknecht und drei Prövenern noch 40 andere Personen in dem Armenhaus, ganze Familien mit Kindern waren darunter. Man hatte Arme auch anderweitig in der Stadt untergebracht, der Einkauf als Prövener scheint nicht mehr vorrangig für die Vergabe der Pröven gewesen zu sein.

Am 18. Februar 1929 beschloss der Magistrat, die Garnisonkirche und das Heiliggeist-Stift für Zwecke der Stadtsparkasse umzubauen. Das Heiliggeist-Hospital, in dem damals in 27 Wohnungen 28 Menschen, vornehmlich Witwen, lebten, wurde geschlossen. Sie erhielten Wohnung in anderen städtischen Altersheimen. Der gesamte Komplex Garnisonkirche und das danebenstehende Heiliggeist-Hospital wurde in das Sondervermögen der Sparkasse überführt. Die Heiliggeist-Stiftung – fast 700 Jahre alt – wurde aufgelöst.

Das Gebäude wurde zu einem Teil in den Bereich der Sparkasse einbezogen, der andere Teil wurde durch einen Anbau, der zum Kastanienwall hin vorsprang, erweitert. Da hinein zog das Gewerbehaus „Grüner Reiter“. In diesem Gebäudeteil wurden 1945 provisorische Diensträume für verschiedene Stellen der Stadtverwaltung geschaffen. Bei weiteren Baumaßnahmen in den folgenden Jahrzehnten ist das ehemalige Hospitalgebäude völlig in dem Sparkassengebäude aufgegangen und niemand vermutet hinter dessen Mauern heute noch das frühere Heiliggeist-Hospital.

Ostertor und Umgebung aus einer

Stadtansicht von 1622.

Die Größenverhältnisse und Einzelheiten

sind willkürlich verzeichnet und vereinfacht.




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