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Empörte Reaktionen auf richterliche Schelte nach dem Urteil gegen Karl Heinz B.

Hohenroder wehren sich: "Bei uns im Dorf wird niemand ausgeschlossen"

Hohenrode (wm). In Hohenrode beherrscht ein Thema die Gespräche im Dorf: Die Verurteilung von Karl Heinz B., der im Februar seine Ehefrau mit 22 Axthieben erschlagen hat und vom Bückeburger Landgericht zu 14 Jahren Haft wegen Totschlags verurteilt worden ist (wir berichteten).

Das Haus der Familie B. am Liethweg: Es sei ausschließlich der V

Bei allem Entsetzenüber die Tat haben die Hohenroder einigermaßen fassungslos die Richterschelte vernommen, die vorwurfsvollen Sätze von Dr. Birgit Brüninghaus, die Familie habe "in völliger Isolation" im Dorf gelebt und sie wünsche sich "mehr Toleranz gegenüber Menschen, die nicht in unser Gesellschaftsbild passen". So pauschal, gibt Ortsbürgermeister Helmut Dörjes zu bedenken, könne man nicht ein ganzes Dorf verurteilen. Vor allem nicht, ohne das Leben im Dorf wirklich zu kennen. Niemand werde vom Dorfleben ausgeschlossen - es sei denn, er schließe sich selber aus. Auch Marianne Dörjes, in Kirche und Vereinen engagiert, mag den Vorwurf nicht auf die Dorfgemeinschaft beziehen: Auch wer sich keinem Verein anschließen wolle, sei bei den Veranstaltungen willkommen. Die Dorfgemeinschaftsei offen für alle, biete mit Spielenachmittag, Erntefest und vielen anderen Aktivitäten das ganze Jahr über Angebote und Kontaktmöglichkeiten: "Man muss nur kommen." Dass die Hohenroder nicht tolerant seien, so etwas könne nur jemand behaupten, der keine Ahnung von Hohenrode habe, sagt auch SPD-Ratsfrau und Ortsratsmitglied Gerlinde Göldner-Dorka, deren Sohn lange Zeit mit einem Sohn der Familie B. gut befreundet war, der im Haus ein- und ausgegangen ist, bei Kindergeburtstagen dabei war und beim Ostereiersuchen. Der Bruch, erinnert sich Gerlinde Göldner-Dorka, sei überraschend gekommen. Und zwar erst mit der Geburt des jüngsten Kindes habe sich das Ehepaar B. zurückgezogen und regelrecht in der Wohnung verbarrikadiert. Lediglich die Mutter mit ihren Kindern habe man danach noch gelegentlich im Dorfladen getroffen. In den ersten Jahren, als die B.'s nach Hohenrode gezogen seien, sei das "eine völlig normale Familie" gewesen. So hat ein Sohn - sogar erfolgreich - im Hohenroder Verein Tischtennis gespielt. Die Kinder waren bei den Spielenachmittagen dabei, auf dem Bolzplatz zu treffen und hatten Freunde im Dorf. Noch heute rätseln die Hohenroder, warum die Behörden nicht eingegriffen haben, als in den letzten Jahren durch viele Vorfälle klar geworden sei, dass in der Familie etwas außer Kontrolle geraten ist. Am unmittelbarsten haben das die direkten Nachbarn erlebt - "zwangsweise, man kann ja schlecht einfach wegschauen" - so neben Gerlinde Göldner-Dorka auch die Familien Zolldann, Halle und Brinkmann. Ersten größeren Ärger habe es gegeben, erinnern sich die meisten, als in dem Haus, in dem die B.'s gewohnt haben, ein Ägypter mit seiner deutschen Frau und den Kindern eingezogen ist. Erst gab es verbale Auseinandersetzungen, dann Tätlichkeiten und eines Tages war die Familie des Ägypters - der übrigens berufstätig war, kein Asylbewerber - plötzlich weg. Spätestens nach einem mysteriösen Feuer in einem Schuppen, in dem ein Freund der B.' wohnte, dessen Ursache nie aufgeklärt worden ist, spätestens da, sagen die Hohenroder, müssten die Behörden hellhörig geworden sein, müsste es eine Akte über die Familie B. geben. Nachbar Harry Zolldann erinnert sich, danach hätte es kaum mehr ein Jahr ohne Zwischenfälle gegeben, kein Jahr, in dem die Polizei nicht mindestens einmal vor der Tür gestanden habe. Als bei den B.'s Scheiben zu Bruch gingen, als Karl Heinz B. mit einer Pistole herumgeschossen hat, am Wohnzimmerfenster stand - ein Messer drohend in der Hand. Und seltsamerweise war Karl Heinz B. außer bei solchen Vorfällen praktisch kaum präsent und im Gegensatz zu seiner Ehefrau und den Kindern im Dorf so gut wie unbekannt. "In den zehn oder zwölf Jahren, in denen die B.'s in Hohenrode gewohnt haben, sind wir dem Mann ein einziges Mal auf der Dorfstraße begegnet", erzählen übereinstimmend gleich mehrere Hohenroder. Einig sind sich alle Nachbarn, man könne nur staunen, dass trotzdem so vernünftige und auch in der Schule erfolgreiche Kinder in der Familie groß geworden sind, "alle haben sich immer anständig benommen" - das sei schon bewundernswert. So sei es auch ausschließlich der Vater gewesen, der Kontakte immer wieder abgebrochen habe. So habe ein Sohn nicht zu Tischtennis-Turnieren mitfahren dürfen. Auch habe man Geld gesammelt für die B.'s, für eine Klassenfahrt. Ein Vater, noch heute ratlos über B.'s Reaktion: "Als wir ihm das Geld geben wollten, hat unsder Mann regelrecht aus dem Haus gejagt." Niemand habe allerdings das wahre Ausmaß des Martyriums der Frau erkannt. Das habe auch daran gelegen, erzählt man im Dorfladen, dass "die Frau ihren Mann immer gedeckt und entschuldigt hat und behauptet, sie sei gestürzt, wenn man doch hat sehen können, dass sie geschlagen worden ist". Damit bleibe das Unbegreiflichste der ganzen Tragödie, "warum Nina, die eine ganz normale, intelligente Frau war, nicht ausgezogen ist, nicht den Schritt gewagt hat, diesen Mann zu verlassen".

Ortsbürgermeister Helmut Dörjes
  • Ortsbürgermeister Helmut Dörjes
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