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Geplante Diskussionüber das Desaster der "Erlebniswelt" bleibt ohne Echo

Historiker findet keine Hörer

Bückeburg (mig). Auf wenig Interesse ist ein Vortrag des Historikers Florian Heidtmann (M.A.) an der VHS Bückeburg gestoßen. Eigentlich wollte Heidtmann das Geschichts-Projekt "Erlebniswelt Renaissance" diskutieren und Perspektiven entwickeln. "Bei diesem wichtigen Thema hätte ich mit vielen Besuchern gerechnet, stattdessen saß ich ganz allein im Raum", sagte der Wissenschaftler.

Florian Heidtmann

Dass die historische Aufarbeitung der unendlichen Geschichte kein Publikum fand, lag wohl auch an einer Parallel-Veranstaltung. Fast zeitgleich referierte eine Etage tiefer Dozent Rolf Schönlau zum Thema "Weserrenaissance". Heidtmann: "Es ist schon ärgerlich, dass zwei ähnliche Veranstaltungen so dicht beieinander sind; dass war Pech." Dabei hätte Bückeburg durchaus von der Fachkenntnis des Geschichtswissenschaftlers profitieren können. "Ich habe von März 2003 bis Dezember 2006 in Obernkirchen gelebt und an den Museen in Obernkirchen, Rinteln und Rodenberg und im Schloss Bückeburg gearbeitet", beschreibt der Schaumburger im Gespräch. "In dieser Zeit habe ich interessiert und kritisch das Projekt ,Erlebniswelt Renaissance' beobachtet und interne Einblicke gewonnen." Überrascht habe ihn das "unrühmliche Ende" des "ersten dezentralen deutschen Themenpark zur Geschichte in Europa" deshalb nicht. Gründe für das Scheitern sieht der "freie Historiker" im finanziellen Apriori ("Die Grundidee des Projekts Erlebniswelt Renaissance lag nicht in der Vermittlung von Geschichte oder der Förderung des Tourismus, sondern im Ergattern einer möglichst hohen Summe von EU-Gelder") und Konzeptlosigkeit. Die Planung eines "kulturtouristisches Erlebnisangebots" mit Renaissance-Festen, Renaissance-Speisen und einem virtuellen Erleben von Renaissance-Kunst, klinge "nicht schlecht, auch nicht besonders gut, eher beliebig." Heidtmann: "Dreiviertel des Arbeitsaufwandes wurden dazu verwandt, die Fördergelder bewilligt zu bekommen. Als das erfolgreich vollbracht war, war keine Zeit, keine Kraft, keine Kreativität und Inspiration für eine gelungene Präsentation von Geschichte mehr vorhanden. Kernstück des Ganzen waren die e-guider, nicht die Renaissance." Ebenfalls Kritikübt der Historiker an einer gewissen Abgehobenheit des EWR-Personals: den in der Region schon vorhandenen Sachverstand habe man absichtlich ungenutzt gelassen. "Stattdessen hat man die bestehenden Museen als Konkurrenten betrachtet, die völlig überholt seien und am Interesse der Touristen vorbeiarbeiteten. Dabei haben die Museen im Weserraum jährlich 300 000 Besucher." Um die Zukunft des Projekts in Bückeburg oder Stadthagen zu sichern, schlägt der Historiker vor, verstärkt auf die Aura historischer Gegenstände zu setzen. "Historische Gegenstände sind einzigartig, haben eine ganz besondere Aura, die den Betrachter fasziniert - darauf wurde bei der Erlebniswelt mutwillig und absichtlich verzichtet." Viele Museen "belebten" ihre Ausstellungsräume zunehmend durch Aktionen und Sonderausstellungen. Ebenfalls beispielhaft für diesen Bereich sei die "sich ernsthaft mit den Besonderheiten der vergangenen Zeiten beschäftigende" Fürstliche Hofreitschule.



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