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Hintergrund: Protest geht heute durch alle Schichten“

Emmerthal. Die Jubelstimmung wollten sie stören, als 2009 das Atomkraftwerk in Grohnde den 25-jährigen Betrieb seiner Anlage feierte. Doch: Gerade mal gut 35 Demonstranten empfingen Ministerpräsident Christian Wulff, bevor er als Festredner der Feier sprach – und eine längere Laufzeit des Reaktors forderte. Anja Piel, Grünen-Politikerin aus Fischbeck, war die Enttäuschung anzusehen:

Von Esperde nach Berlin: Helmut Sobottka, Jakob Meyer und Carsten Strietzel fuhren im September 2009 zur Anti-Atom-Demo.

Autor:

Christian Branahl,Brigitte Niemeyer undUlrich Behmann

Emmerthal. Die Jubelstimmung wollten sie stören, als 2009 das Atomkraftwerk in Grohnde den 25-jährigen Betrieb seiner Anlage feierte. Doch: Gerade mal gut 35 Demonstranten empfingen Ministerpräsident Christian Wulff, bevor er als Festredner der Feier sprach – und eine längere Laufzeit des Reaktors forderte. Anja Piel, Grünen-Politikerin aus Fischbeck, war die Enttäuschung anzusehen: Obwohl der Asse-Skandal mit dem Atommüll bereits damals die Schlagzeilen beherrschte, ließ sich mit der Forderung nach einem sofortigen Atomausstieg kein größerer Protest organisieren. „Die Zeit war noch nicht reif“, blickt sie heute zurück. Noch bestand der Atomkonsens, nach dem auch die Laufzeit für den Reaktor in Grohnde befristet war – einer der größten gesellschaftlichen Konflikte der Vergangenheit galt eigentlich als befriedet, wie Anja Piel sagt. Im Herbst nun hat dann die CDU/FDP-Bundesregierung beschlossen, die Meiler im Schnitt zwölf Jahre länger am Netz zu lassen, im Dezember unterzeichnete schließlich Christian Wulff, inzwischen Bundespräsident, das umstrittene Gesetz. Seit der Debatte um den Ausstieg aus dem Ausstieg nimmt auch im Weserbergland der Widerstand zu. Wenn heute in Emmerthal zahlreiche Demonstranten gegen die Atomkraft auf die Straße gehen, will auch Anja Piel, mittlerweile Landesvorsitzende der niedersächsischen Grünen, mit dabei sein.

„Einen ungeheuren Zulauf“ habe derzeit die Anti-Atom-Bewegung, wie sie selbst in den vergangenen Monaten bei verschiedenen Protesten – ob im Wendland oder in Berlin – erlebt hat. Auch im Weserbergland, erinnert sie beispielsweise an eine gemeinsame Veranstaltung von SPD und Grünen im November in Hameln. „Ein Zulauf, bis die Nähte krachen“, sagt sie. Den Beschluss der Bundesregierung „sehen viele Menschen als Vertrauensbruch. Deshalb gehen sie auf die Barrikaden“. Und: Der Protest gehe durch alle Altersgruppen. Die Landesvorsitzende schildert eine Szene bei den Demonstrationen gegen die Castor-Transporte, bei denen ihre Tochter ebenso dabei war wie „Rentner, die sich auf die Gleise gesetzt haben“. Anja Piel über die Renaissance der „Atomkraft-Nein-Danke-Bewegung“: „Die Menschen fühlen sich in ihren Grundrechten nicht ernst genommen.“

Überrascht über die große überregionale Resonanz zeigt sich Bernd Schlinkmann vom Anti-Atom-Plenum-Weserbergland, das mit weiteren Initiativen aus Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen zu den heutigen Protesten aufgerufen hat. Der Hamelner äußert sich selbst „verwundert“, wie bundesweit besonders im Internet für diese Aktion mobilisiert werde. „Das zeigt, dass die Anti-Atombewegung nicht in Resignation verfällt“, sagt er. Bauern aus dem Wendland hätten sich angesagt, zahlreiche Landwirte würden mit Treckern kommen. Natürlich richte sich der Protest besonders gegen die geplanten Transporte von 16 plutoniumhaltigen Mox-Brennelementen im Frühjahr nach Grohnde. „Auch wenn e.on Kernkraft immer wieder auf die Sicherheit verweist: Nur weil Gott sei Dank noch kein Unfall passiert ist, bleiben die Gefahren“, sagt er.

Von Befürwortern der Atomkraft zu Gegnern: Helga und Eberhard Schiffmann aus Aerzen.
  • Von Befürwortern der Atomkraft zu Gegnern: Helga und Eberhard Schiffmann aus Aerzen.
Bescheidener Protest: Beim AKW-Jubiläum im August 2009 kamen nur rund 35 Demonstranten – hier mit Ministerpräsident Wulff
  • Bescheidener Protest: Beim AKW-Jubiläum im August 2009 kamen nur rund 35 Demonstranten – hier mit Ministerpräsident Wulff – zum Atomkraftwerk Grohnde.
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Organisiert wird der Protest als „Sitzprobe“, eine Aktion, wie sie im vergangenen Jahr bereits in Ahaus stattgefunden hat. Wer heute nach Emmerthal kommt, soll Stühle, Sessel, Barhocker oder andere Sitzmöglichkeiten mitbringen, um vor dem AKW Platz zu nehmen, sozusagen als symbolische Vorstufe zu einer Sitzblockade. Von wegen Latsch-Demo – die Aktionen (Schlinkmann über die Sitzprobe: „Eine passende Möglichkeit“) haben sich ebenso gewandelt wie die Teilnehmer. „Eine neue Qualität“, sagt der 55-Jährige, der 1977 im Alter von 22 Jahren die Großdemo in Grohnde miterlebt hat. „Heute geht der Protest durch alle Schichten“, wie der Mitinitiator auch unter Hinweis auf die Aktion gegen die Mox-Transporte vor einem Jahr in Hameln meint. 600 Menschen, und damit doppelt so viele wie erwartet, seien damals dem Aufruf gefolgt. Und wie lautet die Prognose für heute? Auf Schätzungen will sich Schlinkmann nicht festlegen.

Vor Ort in Grohnde sein wollen übrigens Mitarbeiter aus dem Bereich Unternehmenskommunikation des AKW-Betreibers e.on Kernkraft, sowohl aus Hannover als auch vom Kraftwerk selbst. Dieses Angebot zum Dialog kündigt Unternehmenssprecherin Dr. Petra Uhlmann an. Sie hat wiederholt darauf hingewiesen, dass in den vergangenen fünf Jahren 51 Transporte mit Mox-Brennelementen zu Standorten von e.on Kernkraft durchgeführt worden seien – „sicher und zuverlässig“, ohne dass dies zu Protesten geführt habe. Und: Das Bundesamt für Strahlenschutz genehmige sie schließlich nur, wenn eine Gefährdung der Bevölkerung nicht bestehe. Sie sieht allerdings die jüngsten Proteste weniger in den Mox-Transporten, sondern in der Laufzeitverlängerung begründet. „Das beobachten wir an allen Standorten“, sagt sie. Doch: Zwar sei die Frage der Kernenergie immer umstritten gewesen, langfristig über die Jahrzehnte gesehen, stünden sich im Schnitt aber Befürworter und Gegner 50 zu 50 gegenüber. Abweichungen nach oben und unten seien nicht nur von den Fragen abhängig, sondern auch, ob gerade die Klimaschutzdebatte oder ein Störfall die Diskussion beherrsche, meint die Unternehmenssprecherin.

Die Inspektion Hameln-Pyrmont/Holzminden rechnet mit einem ruhigen und friedlichen Verlauf des Protests. „Wir gehen davon aus, dass 300 bis 500 Menschen und bis zu 30 Traktoren aus dem Wendland nach Grohnde kommen werden“, sagt Kommissar Dirk Barnert. Um den Marsch vom Bahnhof bis zum Kraftwerk begleiten und Straßen sperren zu können, habe die Inspektion intern Kräfte zusammengezogen. Barnert: „Bei den Demonstranten handelt es sich um Personen aus dem bürgerlichen Spektrum.“

Eine Entwicklung, die sich nicht nur bei den Atomkraftgegnern bereits seit langem abzeichnet. „Seit den 1970er und 1980er Jahren haben Demonstrationen ihren Nimbus von Querulantentum und Staatsgefährdung immer mehr verloren“, meinte jüngst der Berliner Protestforscher Prof. Dieter Rucht in einem Interview. „Sie sind eine weithin akzeptierte Ausdrucksform geworden – bis hinein in staatsnahe Berufe. Ärzte und Milchbauern tun ihren Unmut kund; sogar Polizisten.“

Atomkraft – für Helga und Dr. Eberhard Schiffmann war dieses Wort in den siebziger Jahren noch nicht angstbesetzt. Im Gegenteil: Schiffmann war von der neuen Technik sogar „fasziniert“ – bis zur Tschernobyl-Katastrophe. „Da habe ich begriffen, dass sie einen Pferdefuß hat, und je länger ich mich damit beschäftige, um so mehr Pferdefüße entdecke ich.“ Seit Tschernobyl zählt sich das Aerzener Ehepaar zur Protestbewegung; und musste sich, gut bürgerlich in der Gesellschaft eingerichtet, anfangs regelrecht „überwinden, auf die Straße zu gehen“. Heute, mit über 70 Jahren, sind beide immer noch aktiv, wenn es darum geht, deutliche Zeichen der Ablehnung gegen eine Technologie zu setzen, die mit einem tödlichen Restrisiko behaftet ist.

„Ich möchte meinen Enkelkindern wenigstens sagen können, wir haben es versucht“, sagt Helga Schiffmann. Dass der Protest gegen die Verlängerung der AKW-Laufzeiten Menschen mit ganz unterschiedlichen Wertvorstellungen, politischen Orientierungen und Lebensentwürfen eint, bedeutet dem Ehepaar viel. „Wir respektieren einander und fühlen uns durch das gemeinsame Ziel miteinander verbunden“, sagt Helga Schiffmann. Von der Kirche und deren offiziellen Vertretern wünschte sich die überzeugte Christin allerdings mehr erkennbares Engagement im Widerstand gegen die Atomkraft.

Die Formen des Protestes gegenüber den Anfängen der Anti-AKW-Bewegung haben sich geändert. „Das haben wir von Gorleben gelernt“, sagt Eberhard Schiffmann. Der „breite bäuerliche Widerstand“, der sich dort organisiert hat, macht den Esperder Landwirt Helmut Sobottka ein bisschen neidisch. Selbst ein Aktivist der ersten Stunden, bedauert Sobottka die von den Bauern im Weserbergland immer noch an den Tag gelegte Abstinenz bei Demonstrationen. Sein Erklärungsversuch: „Wir sollen hier ja auch nicht zur nationalen Atommülldeponie werden.“ Generell beobachtet Sobottka jedoch einen Wandel in der Einstellung zu Atomkraftwerken: „Der Widerstand ist nicht mehr auf Randgruppen beschränkt, sondern steht heute auf einer breiten gesellschaftlichen Basis.“

Neue Formen des Protestes: So wie sich Demonstranten im vergangenen November vor dem Atomlager Ahaus auf Sesseln und Stühlen niederließen, so soll es heute auch in Grohnde vor dem AKW die Aktion „Sitzprobe“ geben.

Foto: F. Tetzlaff



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