weather-image
...verbergen sich Kosten in Millionenhöhe, eine ungewisse Zukunft und eine starke Familienbindung

Hinter dem Duft von Mandeln und Zuckerwatte...

Obernkirchen. Immer im Kreis drehen sich Biene Maja und ihre Freunde. Eine Runde, eine zweite, noch eine dritte und immer so weiter. Stunde für Stunde, Tag für Tag, Jahr für Jahr. Im Abstand von drei und fünf Minuten ertönt ein lautes Tuten - dann stoppt das Kinderkarussell und neue kleine Fahrgäste steigen ein. Während die Eltern geduldig auf der Karussellplattform warten, schlendern die einen oder anderen Passanten vorbei, bleiben kurz stehen oder stellen sich unter, um sich vor dem Nieselregen zu schützen.

0000482716.jpg

Autor:

Caroline Biallas

Von ihrem Kassenhäuschen aus hat Ursula Steuer die beste Sicht auf das bunte Treiben des Obernkirchener Frühlingsmarktes, das eigentlich gar kein richtiges Treiben mehr ist. "Wir sind schon enttäuscht von der Resonanz. Bei jedem Regenschauer bleiben die Leute sofort zuhause", sagt die 63-Jährige, während sie eine Fahrkarte gegen ein paar Eurostücke eintauscht und sie einem jungen Vater überreicht. "Unser Publikum erwartet vielleicht mehr...", spekuliert sie. Seit einem halben Jahrhundert kennt Ursula Steuer das bunte Jahrmarkttreiben - den Geruch von Zuckerwatte, gebrannten Mandeln und Pizza, das Gerangel und die Warteschlangen an den Karussells, die Marktschreier und Verkäufer an den Losbuden, die einst zum typischen Kirmesbild mit dazu gehörten. Es ist ihr Zuhause. Alles begann im Jahr 1962, als die damals 17-jährige junge Frau auf dem Jahrmarkt in Höxter ihren Schlüssel verlor und dadurch ihren späteren Mann Siegfried Steuer kennenlernte. Kurz darauf heiratete sie ihn - und mit ihm die Welt der Karussells, Losbuden und Wohnwagen. Für die junge Frau, die aus einer ganz gewöhnlichen kaufmännischen Familie stammt, eine enorme Umstellung. Neun Monate pro Jahr lebte das Ehepaar im Wohnwagen, um von Jahrmarkt zu Jahrmarkt zu reisen. Im Umkreis von 100 Kilometern war die Familie bei nahezu jeder Kirmes vertreten. In den drei Wintermonaten ging es dann zurück nach Lemgo, wo die Schaustellerfamiliedennoch ein eigenes Heim hat. "Ich mochte dieses Leben sofort, obwohl ich es mir nicht so schwer vorgestellt habe", sagt Ursula Steuer. "Aber wenn man verliebt ist, macht man ja alles mit..." Auch ihre beiden Töchter und ihr Sohn sind "richtige Kirmeskinder". Sie sind auf dem Jahrmarkt groß geworden, haben dort ihre Kindheit und Jugend verbracht und sind inzwischen fest in die Organisation mit eingebunden: Tochter Angelika verkauft Pizza, Tochter Anja betreut das Musikexpress und Sohn Adolf hat die Verantwortung über den Autoscooter. Da ist es natürlich selbstverständlich, dass der ganze "Steuer-Clan" - damals wie heute - gemeinsam zu den umliegenden Jahrmärkten anreist. "In Schaustellerfamilien herrscht ein unheimlich hoher Familien- zusammenhalt", erzählt Ursula Steuer. "Und da wird auch keine Oma ins Altersheim abgeschoben." Seit ihr Mann im Frühjahr vergangenen Jahres verstorben ist, trägt Ursula Steuer die alleinige Verantwortung - von der Planung und Organisation bis hin zum Aufbau. Was gar nicht so leicht ist, wie es immer aussieht. "Wir alle, die hier stehen, bringen volle Leistung, aber das sehen die meisten gar nicht." Unzählige Stunden Arbeit stecken allein in dem Aufbau der Fahrgeschäfte. Für Kinderkarussell und Babyflug braucht man einen, für Musikexpress und Autoscooter ganze zwei Tage. "Der Schaustellerberuf ist so vielseitig, man muss einfach alles können", erklärt sie. "Wir sind Fernfahrer, Maler, Tischler und Elektriker zugleich. Und wir müssen Bürokram erledigen und noch verkaufen können. Wir alle sind kleine Künstler!" Doch hinter dem süßen Duft von Zuckerwatte und den glitzernden und schillernden Lichtern liegt eine graue, ungewisse Zukunft. Wo noch vor 10, 20 und 30 Jahren die Massen auf die Messen stürmten, sinken die Besucherzahlen seit der Einführung des Euro von Jahr zu Jahr. Das Hauptproblem sind die Preise: "Wenn die Leute Süßigkeiten kaufen wollen, gehen sie zum Aldi und nicht mehr zu uns", sagt Ursula Steuer. Und die Jugendlichen würden heutzutage ihr Geld "vertelefonieren", aber nicht mehr in Karussellfahrten investieren. Die Unkosten der Schausteller laufen jedoch weiter: Verkaufsstände müssen angeschafft, Transporte, Personal, Strom- und Standgebühren bezahlt werden. Hinzu kommen die Fahrgeschäfte, in denen Millionenwerte stecken. Allein das Kinderkarussell habe damals 500 000 Mark gekostet, der Autoscooter sogar 1,3 Millionen. Die Preise für einen Wohnwagen beginnen bei 300 000 Euro, etwa in der gleichen Klasse beginnen die der Essensstände. Hinzu kommt, dass in der Winterpause kein einziger Cent eingenommen wird. "So schwierig wie die finanzielle Lage in den letzten sechs und sieben Jahren geworden ist - damit hätte früher niemand gerechnet", seufzt die 63-Jährige. Doch nicht nur ihre Familie sei von dem Umschwung betroffen - überall habe sich die Jahrmarktlandschaft verändert. Im Deutschen Schaustellerverband, dem die Steuers auch angehören, ist man bereits seit geraumer Zeit am Überlegen, wie manVolksfeste wieder attraktiver für die Besucher gestalten könne. Langfristig ist sogar Umdenken angesagt. "Ob wir in zehn Jahren noch in dieser Art und Weise auf den Märkten vertreten sein werden, kann ich nicht versprechen", erklärt die Schaustellerfrau. Eine Alternative wäre zum Beispiel die Ansiedlung in größere Freizeitparks. Auf die Frage, ob sie trotz aller Probleme und Veränderungen den gleichen Weg nochmal einschlagen würde, überlegt Ursula Steuer kurz, antwortet dann aber: "Ja, ich würde alles nochmal genauso machen..."



Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare

    Kontakt

    Redaktion
    Telefon: 05041 - 78932
    E-Mail: redaktion@ndz.de
    Anzeigen
    Telefon: 05041 - 78910
    Geschäftsanzeigen: Anzeigenberater
    Abo-Service
    Telefon: 05041 - 78921
    E-Mail: vertrieb@ndz.de
    Abo-Angebote: Aboshop

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt