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Die Farbsymbolik musste stimmen: Mit dem Druck auf einen grünen Knopf gab in diseser Woche Norbert Steiner, Vorstandsvorsitzender des Dax-notierten Düngemittelherstellers K+S, gemeinsam mit Mitarbeitern in Philippsthal an der Werra das Startsignal für die Bauarbeiten an „Großprojekten zum Gewässerschutz“, wie das Unternehmen mitteilte. Ziel sei es, bis 2015 mit Investitionen von rund 360 Millionen Euro die Salzabwassermenge zu halbieren und so einen weiteren Beitrag zur Entlastung von Werra und Weser sowie zum Schutz des Grundwassers zu leisten. „Mit unseren Maßnahmen zum Gewässerschutz schaffen wir die Basis für ein langfristiges Konzept der nachhaltigen lokalen Entsorgung. Ein großer Schritt nach vorne!“, sagte Steiner. Eine Einschätzung, die die Werra-Weser-Anrainerkonferenz so gar nicht teilt: „Alles Augenwischerei“, kontert deren Vorsitzender, der erste Stadtrat von Witzenhausen (Hessen), Dr. Walter Hölzel. „Hier wird die Öffentlichkeit getäuscht. Für die Werra bringt das gar nichts.“

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Frank Henke

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Frank Henke Redaktionsleiter zur Autorenseite

K+S rechnet vor: Bis Ende 2015 werde das Salzabwasseraufkommen des Philippsthaler Kaliwerkes Werra einschließlich des Haldenwassers aus Neuhof-Ellers um die Hälfte auf durchschnittlich sieben Millionen Kubikmeter pro Jahr reduziert. Dies sei „ein wichtiger Schritt hin zu einer langfristigen und nachhaltigen Salzabwasserentsorgung, für die sowohl weitere lokale wie auch überregionale Entsorgungswege geprüft, entwickelt und beantragt werden“, teilte das Unternehmen mit.

Alle Produktionsstandorte des Verbundwerkes am Weser-Quellfluss – Hattorf und Wintershall in Hessen sowie Unterbreizbach in Thüringen – seien mit Neubaumaßnahmen, weiteren Verfahrensoptimierungen und Anlagenerweiterungen in das Maßnahmenpaket einbezogen.

Im Einzelnen werden am Standort Hattorf eine neue zusätzliche Anlage für eine gänzlich abwasserfreie Kaliproduktion sowie eine Lösungstiefkühlung errichtet. Letztere kühlt die Flüssigkeit so weit herunter, dass leichter Kalium- und Magnesiumverbindungen herausgelöst und genutzt werden können, letztlich so auch nicht im Abwasser landen. In Unterbreizbach wird die Kaliaufbereitung um eine neue Anlage erweitert und die bestehende Dickstoffanlage in ihrer Kapazität vergrößert. Die Dickstoffanlage verhindert, dass sich zu schnell Magnesiumchlorid-Anteile aus dem Rohstoff lösen. Am Standort Heringen werden die Magnesiumchlorid-Anlage ausgebaut, eine neue Eindampfanlage errichtet und die Kieseritflotation optimiert. Unterm Strich steht laut K+S insgesamt: bessere Ressourcennutzung, weniger flüssige Rückstände. Hinzu kommen beispielsweise der Neubau von Speicherbecken, Verkehrs- und Energiewegen. „Sowohl die Umwelt wie auch die Kaliproduktion im hessisch-thüringischen Kalirevier – und damit die Menschen in der Region – profitieren von den Maßnahmen“, ist man bei K+S überzeugt.

Zudem werde der Betrieb des Standorts Unterbreizbach, der gänzlich ohne Rückstände über Tage – also Halden – auskommt, verlängert. Die Maßnahmen deckten sich mit den Zielen, die K+S und die Landesregierungen von Hessen und Thüringen vor zwei Jahren in einer Vereinbarung formuliert haben: die Fortsetzung der Kaliproduktion auf dem heutigen Niveau und die Schonung der Umwelt im Sinne nachhaltigen wirtschaftlichen Handelns. „Wir alle – Unternehmen, Politik und Gesellschaft“, so Steiner in Philippsthal, „stehen in der Verantwortung für einen ausgewogenen Kompromiss zwischen industrieller Tätigkeit und Umweltschutz und dürfen deshalb die Existenzbedürfnisse der Menschen nicht aus den Augen verlieren.“

Der Vorsitzende der Werra-Weser-Anrainerkonferenz mag den Ankündigungen nicht glauben: Die von K+S versprochene Verringerung der Salzfracht stehe nur auf dem Papier: Eine Überprüfung durch die Anrainerkonferenz habe ergeben, dass sich die Salzfracht und damit die Belastung der „Flussgebietseinheit Weser“ nicht verringern werde. „Sie wird nur zeitlich gestreckt, weil künftig zusätzliche feste Abfälle den Umweg über die Salzhalden und die Haldenabwässer in die Werra nehmen.“ Der Regen wasche die Reststoffe also wieder dorthin, wo er eigentlich nicht hin sollte: ins Grund- und Flusswasser. Und das auch dann noch, wenn die Produktion von K+S längst eingestellt wurde.

Zudem, argumentiert die Anrainerkonferenz, könnten künftig auch bei Hochwasser die Grenzwerte ausgeschöpft werden, sodass vermehrt Salz in die landwirtschaftlich genutzten Werraauen getragen werde. „Es kommt nicht darauf an, dass die Salzwassermenge verringert wird, wie uns der Kalihersteller glauben lassen will. Ausschlaggebend ist die Fracht an Abfallstoffen, die von den Flüssen aufgenommen werden muss.“ Genau betrachtet bringe das Maßnahmenpaket letztlich „eine weitere Verschlechterung für die Anrainer von Werra und Weser“, urteilt Dr. Walter Hölzel.

„Dummes Zeug“ ist das in den Ohren von K+S-Sprecher Ulrich Göbel: Nicht die Salzfracht, sondern die jeweils aktuellen Konzentrationswerte im Wasser seien für das Ökosystem Fluss entscheidend. Und hier glaubt man, schon bald sogar einen gesenkten Grenzwert – von 2500 Milligramm Salz pro Liter auf 1700 Milligramm – technisch einhalten zu können.

Das ist in Augen der Anrainerkonferenz jedoch viel zu wenig: Derzeit befindet sich die Werra nach der EU-Wasserrahmenrichtlinie ökologisch auf der schlechtesten Stufe, der Fünf. „Die Vier ist erst mit einem Wert von deutlich unter 1000 Milligramm zu erreichen“, sagt Hölzel. Ziel müsste eine Konzentration von höchstens 250 Milligramm an der Einmündungsstelle sein. Zudem mache es für die Anrainer sehr wohl einen Unterschied, wie lange Salz in die Weser gespült werde. „Schließlich soll die Werra nicht für imme ein Salzfluss sein“, sagt Hölzel.

Der Vorsitzende der Anrainerkonferenz fordert weiterhin eine grundsätzliche Umstellung der K+S-Produktion. Dies umfasse drei Schritte: Erstens die bessere Aufbereitung der Abfälle- und Abwässer. Zweitens die Verfestigung der Abwässer zusammen mit Salzen und Bindemitteln und drittens die sichere Einlagerung von Abfällen und verfestigten Salzlaugen unter Tage. „Diese Verfahren werden alle schon genutzt, man muss sie nur geeignet kombinieren“, sagt Hölzel. Auch K+S-Sprecher Göbel verweist darauf, dass vieles davon bereits Praxis sei, er betont jedoch: „Eine rückstandsfreie Kaliproduktion gibt es nirgends auf der Welt.“

Eine Nachricht – zwei Lesarten: Der Düngemittelhersteller K+S kündigt an, die Menge an Salzabwasser zu halbieren. Zum Wohle von Werra und Weser. Die Anrainerkonferenz bricht dennoch keineswegs in Jubel aus. Sie befürchtet sogar eine Verschlechterung.

Baustart in Philippsburg:

In dieser Woche begann K+S an der Werra mit Maßnahmen, die den Gewässerschutz verbessern sollen. Foto: pr



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