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Mit dem Kampf ums tägliche Überleben hat Kochen in der Überflussgesellschaft längst nichts mehr zu tun. Stattdessen gibt es zahlreiche TV-Kochshows wie „Topfgeldjäger“ oder „Küchenschlacht“. Zu den ehrgeizigen Laien kommen die Profis: Mälzer, Schuhbeck, Lafer, Poletto, Zacherl, Hennsler – kaum ein renommierter Koch, der sich nicht irgendwann einmal von einem Fernsehteam beim Kochen über die Schulter schauen lässt. Kochen ist die große Show – im Fernsehen zu sehen zu beinahe jeder Tages- und Nachtzeit.

Oecotrophologin Antje Müller.

Autor:

Matthias Rohde

Ist dank der TV-Dauerbefeuerung das Kochen deshalb nun also auch in der eigenen Küche ein Hit? Die Hamelner Ernährungswissenschaftlerin Antje Müller erlebt in der Praxis anderes: Kochen, das sei in den 1950er und 1960er Jahren vom klassischen Familienbild geprägt worden, sagt sie: „Die Gesellschaft hat sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert. Insbesondere der Faktor Zeit hat immer mehr an Bedeutung gewonnen.“ In ihrer alltäglichen Arbeit höre sie so immer wieder den Satz: „Zum Kochen habe ich keine Zeit.“ Hauswirtschaftslehrerin Reinhild Elter-Orschel sieht die Konsequenzen beim Nachwuchs: „Kinder und Jugendliche können und wissen heute weniger, was das Kochen betrifft, als früher.“

Rund 50 Kochsendungen laufen aktuell im deutschen Fernsehen. Noch in den 1980er Jahren waren einen Tag nach einer Kochsendung die Zutaten für ein Rezept in den Warenhäusern ausverkauft, erinnern sich TV-Kochpioniere. Heute steht offenbar der Spaß an der Kochshow im Vordergrund, nicht das Nachkochen. Zwar gibt es auch unter den TV-Köchen solche, die einen Schwerpunkt auf gesunde Ernährung und Lebensmittelkunde legen, einige ihrer Kollegen nehmen es hingegen nicht ganz so genau. In der Kritik stehen einige hochdekorierte Fernsehköche, weil sie Werbung für Fertigprodukte machen, angesichts von deren Zutatenliste sich die Nackenhaare der Ernährungsexperten sträuben. Ernährungswissenschaftlerin Antje Müller warnt jedoch vor Verallgemeinerungen: „Nicht jedes Fertigprodukt ist per se schlecht. Es sei wichtig, „beim Einkaufen die Zutatenliste auf der Packung genau zu studieren.“

Für die Diplom-Oecotrophologin steht fest, dass – Zeitdruck im Alltag hin oder eher – ein Kochen planbar ist, wenn das Zeitmanagement stimmt.

Wenn die Zeit knapp wird, greift Hauswirtschaftslehrerin Reinhild Elter-Orschel auch selbst zum Küchenmesser. Fotos (2): roh

Fertigprodukte gäben vielen Menschen Sicherheit, erklärt Müller, denn selbst wenn man für ein bestimmtes Gericht immer die gleichen Zutaten vom gleichen Erzeuger verwendet, so schmeckt es doch nie gleich. „Bei Fertigprodukten ist das anders. Hier geht man kein Risiko ein, sondern kann sich darauf verlassen, dass der Geschmack stets gleich ist.“ Geschmack, so Müller weiter, werde geprägt, zum Beispiel über die Geschmackserinnerung. Beispiel Tomatensoße für Nudeln: Während sich eine Fertigsoße relativ schnell in der Geschmackserinnerung von Kindern einprägt, hat es die aus natürlichen Zutaten hergestellte Soße aus Muttis Rezeptbuch ungleich schwerer, denn sie schmeckt eben nicht jedes Mal gleich. „Kinder brauchen Zeit, um sich an einen Geschmack zu gewöhnen“, erklärt Müller.

Kochen als Notwendigkeit, davon ist die Ernährungswissenschaftlerin überzeugt, das gebe es nicht mehr. Das sogenannte Eventkochen allerdings sei auf dem Vormarsch und werde durch die zahlreichen TV-Kochshows begünstigt, wie einige Experten feststellen. Nicht selten entsteht der Eindruck, dass man für die Rezepte der Fernsehköche nicht nur eine große Auswahl an Feinkostgeschäften benötigt, sondern auch eine große Geldbörse. Jedoch: „Auch beim Discounter kann man auf bewusste Ernährung achten“, sagt Müller.

Reinhild Elter-Orschel ist seit vielen Jahren Sport- und Hauswirtschaftslehrerin an der Oberschule, der früheren Realschule Bodenwerder. Sie hat hautnah erlebt, wie grundlegenden Fertigkeiten des Kochens, wie zum Beispiel Kartoffeln und Zwiebeln schälen, bei den Schülern weniger wurden. Den Einkauf für die Gerichte erledigt sie selbst. Das Kochen aber übernehmen die 14 und 15 Jahre alten Schüler selbst.

„Wir beginnen das Schuljahr in der Regel mit ganz einfachen Rezepten, wie zum Beispiel Obstsalaten und Quarkspeisen. An diesem Tag bereiten die in vier Gruppen aufgeteilten Schüler einen „falschen Hasen“ zu. Sie wirken konzentriert, sprechen untereinander die notwendigen Arbeitsschritte ab und rufen nach der Lehrerin, wenn sie sich nicht sicher sind. Spaß, so geben die 16 Schüler preis, mache das Kochen schon, meistens schmecke es auch besonders gut, nur das Abwaschen sei so eine Sache. Elter-Orschel lacht und sagt: „In der Tat ist das Abwaschen ein Problem für die Schüler, denn in der Regel haben sie zu Hause eine Geschirrspülmaschine.“ Auf dem Stundenplan stehen aber nicht nur die reinen Kochstunden, sondern auch andere „Basics“ wie zum Beispiel Hygiene, Warenkunde und saisonale Küche.

Dass die Lebensmittelindustrie auf die sich verändernde Gesellschaft reagiert und immer mehr Fertigprodukte anbietet, liegt auf der Hand. Dass dabei allerdings hin und wieder über das Ziel hinausgeschossen wird, lässt sich in jedem Supermarkt beobachten: Pfannkuchenteig aus der Flasche, tiefgefrorene Kartoffelpuffer und in Plastik eingeschweißter Obstsalat im Kühlregal – nichts ist zu einfach, um von der Lebensmittelindustrie nicht noch vereinfacht zu werden.

So ganz gefeit vor den Versuchungen aus dem Supermarkt ist aber auch die Expertin Antje Müller nicht: „Mit meinen Kindern habe ich die Absprache getroffen, dass es einmal pro Woche eine Fertigpizza gibt.“ Aber auch hier, so betont sie, gilt es aufmerksam die Zutatenliste zu studieren. „Eine Fertigpizza mit Schinken esse ich zum Beispiel nicht, weil es sich häufig um Formschinken handelt.“

Kochen ist in: Kochshows laufen auf allen Kanälen, Spitzenköche sind rund um die Uhr im Fernsehen bei der Arbeit. Doch wie sieht es am eigenen Herd zu Hause aus? Dort herrscht oft trotzdem nur Fertigpizza-Tristesse. Expertinnen sprechen über Ursachen und Auswege aus dieser Küchenkrise.



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