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Fast wäre er gescheitert. Denn kurz vor Ausstellungseröffnung erklärten einige der Fotografierten und deren Angehörige, dass die Bilder nicht veröffentlicht werden dürfen. Vor allem die Ehemänner hätten darauf bestanden, die Portraits ihrer Frauen nicht in der Ausstellung zu zeigen. Doch Rüdiger Reckstadt erklärte, was er mit seinen Bildern bezwecken will: Die Fotos sollen helfen, Begegnungen zwischen Menschen unterschiedlicher kultureller Herkunft zu ermöglichen – zwischen jenen, die vor Krieg und Terror und Armut liehen mussten, und den Menschen, die in Deutschland, die in Schaumburg leben.

Autor:

von frank westermann

Reckstadt, passionierter Hobby-Fotograf aus Stadthagen, hat mit seinen Bildern ein Projekt auf die Beine gestellt, das nicht alltäglich ist. Mehrere Tage lang hatte er seine Ausrüstung in der Notunterkunft für Flüchtlinge an der Königsberger Straße in Bückeburg aufgebaut, um Schutzsuchende aus Syrien und Afghanistan zu fotografieren. Seine Idee: Der Betrachter soll an die abgelichtete Person herantreten, ihr in die Augen schauen. Auf den betont minimalistisch gehaltenen Fotos soll nichts den Blick ablenken – es geht allein um das Gesicht.

Das Ergebnis sind 22 großfomatige Portraits von Kindern, Männern, Frauen und Familien, die alle ihre eigene Geschichte erzählen. Eröffnet wurde die Ausstellung, die Reckstadt schlicht „Gesichter“ betitelte, Ende Februar im DRK-Gebäude in Obernkirchen. Landrat Jörg Farr lobte die Werkschau als „Beitrag zur Integration“. Reckstadt selbst erklärt, es sei eine Ausstellung mit einem Anliegen. Sie sei ein Beitrag zur aktuell geführten Debatte um Zuwanderung, der vor allem eines deutlich machen soll: Dass es im Kern immer noch und vor allem um Menschen geht.

Sein Vater war es, der Reckstadt an die Fotografie herangeführt hat. Reckstadt Senior fotografierte schon 1946 in Farbe die zerbombten Städte wie Berlin oder Hamburg, der Sohn erhielt die erste Spiegelreflexkamera mit zwölf Jahren. Land, Tiere, Natur, Porträt: Er habe im Laufe seines Hobby-Fotografen-Lebens alles ausprobiert, was das breit gestreute Fotospektrum anbietet. „Ich konnte reichlich Erfahrungen sammeln“, erzählt der pensionierte Oberstudienrat in seinem lichtdurchfluteten Haus in Hörkamp-Langenbruch. Mehr als eine halbe Million Bilder seien dabei entstanden. Drei Jahrzehnte lang war der Lehrer für Mathe und Physik zudem offizieller Schulfotograf des Stadthäger Ratsgymnasiums und setzte die Schule und ihre vielen Veranstaltungen ins rechte Licht.

Dass er im Bückeburger Flüchtlingsheim das Vertrauen der Bewohner aus Syrien und Afghanistan erwerben und sie schließlich ebenfalls fotografieren konnte, lag auch an seiner Ehefrau: Kathrin Reckstadt ist Einrichtungsleiterin der „Amtshilfeeinrichtung Bückeburg II“ gewesen.

Fotograf Reckstadt ist die selbst gestellte Flüchtlings-Fotoaufgabe nicht ohne Bedenken angegangen: Welche Probleme gibt es im Islam mit Bildern? Welche Sprachprobleme werden auftreten? Und wird es ihm überhaupt gelingen, seine sehr präzisen Vorstellungen von den Bildern umzusetzen? Eine Woche lang hatte Reckstadt sein Fotostudio in der Asylbewerberunterkunft aufgebaut – und gewartet. Gekommen sind zunächst die Kinder, die Neugier siegte, und als die Mutter des ersten Kindes, das vor der Kamera saß, dazu kam, hat Reckstadt sie einfach eingeladen: „Setzen Sie sich dazu!“ Eine halbe Stunde hat das Fotoshooting gedauert, weil Reckstadt eine ganz bestimmte Aussage einfangen wollte: Ein kleines Kind auf dem Schoß der Mutter, das Gesicht des Kindes ist der klare Mittelpunkt des Bildes, hell ist es der Zukunft zugewandt, die wie ein auszumalendes Bild vor ihm liegt. Hinter ihm sitzt die Mutter, zurückgenommen, aber mit ihren Händen hält sie das Kind, gibt Halt auf dem Weg in die Zukunft; „Sie schützt es und stellt es gleichermaßen in die Zukunft hinein“, beschreibt der Stadthäger.

Vier Stunden dauerte das erste von insgesamt drei Shootings, und von Mal zu Mal ergriffen seine Modelle mehr Eigeninitiative, was Gestik und Mimik anbelangt. Es sei ihm egal gewesen, wie alt oder jung der Mann oder die Frau vor der Kamera war – 18 Jahre, 42 Jahre, „es war zu keinem Punkt ersichtlich, dass es Probleme geben könnte“, erklärt Reckstadt. Als der Fotograf den Flüchtlingen erklärt, was er mit seinen Fotos aussagen will, erntet er vor allem eines: Begeisterung. „Ein Sturm der Freude wehte durch das Fotostudio, und ich kam mit dem Auslöser kaum noch hinterher.“ Wichtig war ihm beim Fotografieren die anonyme Darstellung der Menschen vor der Kamera. Name und Herkunft seien unwichtig, wichtig sei die Begegnung, das Verständnis zwischen Menschen. Denn das mache man ja heute nicht mehr, „sich vor einem fremden Menschen hinstellen und ihn erst einmal eingehend studieren; dass man ihm lange und tief in die Augen schaut, um seine Seele zu entdecken“.

„Das Gesicht ist das Spiegelbild der Seele“, sagte dann auch Jörg Farr während der Ausstellungseröffnung, und forderte, dass „der Blick auf die oft schockierenden Einzelschicksale dieser Menschen nicht verloren gehen dürfe“. Die Porträtfotos würden den Flüchtlingen Gesichter geben, „sie treten aus der Anonymität heraus“, das Abstrakte werde zur Realität. So könne jedes der 22 Bilder zur Erkenntnis führen, „dass alle Menschen richtig sind, wie sie sind“.

Ein Ziel gibt es für Reckstadts Ausstellung auch: Sie soll wandern, von Obernkirchen nach Hannover und von dort durch weitere niedersächsische Städte. Schließlich ist die Bundeshauptstadt Berlin das endgültige Ziel.

Die Ausstellung „Gesichter“ ist bis zum 1. April montags bis freitags von 9 bis 12 Uhr im DRK-Gebäude, Bornemannstraße 1, in Obernkirchen zu sehen. Anmeldung für Gruppen sind unter Telefon (0 57 24) 97 26 00 möglich. Weitere Bilder gibt es im Internet unter www.reckstadt.dphoto.de

Rüdiger Reckstadt ist begeisterter Hobby-Fotograf und will mit seiner Kunst Begegnungen zwischen Menschen ermöglichen.rnk




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