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Hier lernt Mama viel mehr als bloß Deutsch

Dienstags, 14 Uhr im Kindergarten Herminenstift: Gerade hat der Kurs „Mama lernt Deutsch“ angefangen. In einem Gruppenraum sitzen zehn Mütter mit ihren Kindern und singen gemeinsam das Kindergarten-Begrüßungslied. Danach stellt Deutschlehrerin Nazan Kütük jede Woche dieselbe Frage: „Welches Datum haben wir heute?“ Sevim Hassan meldet sich und antwortet langsam, aber überzeugt: „Heute ist Dienstag, der vierte Mai. Es ist Frühling.“

Mit Interesse bei der Sache: Sevim Hassan, Emine Sahin, Hajrije

Von Jessica Janson

Noch vor wenigen Monaten wäre Sevim die Beantwortung dieser Frage nahezu unmöglich gewesen. Die 38-Jährige lebt mittlerweile seit 20 Jahren in Deutschland. Als Türkin ist sie in Griechenland aufgewachsen und spricht sowohl türkisch als auch griechisch. Die eigentlich naheliegendste Sprache, Deutsch, hat sie in den vergangenen zwei Jahrzehnten jedoch kaum gelernt.

„Als ich hier herkam, habe ich in den ersten vier Jahren in einer Fabrik gearbeitet und dort ein bisschen Deutsch gelernt“, erzählt sie. Dann heiratete sie ihren ebenfalls türkischen Ehemann, bekam ihren ersten Sohn und blieb fortan als Hausfrau zu Hause, während ihr Mann das Geld für die Familie verdiente. Seither kam sie kaum noch mit der deutschen Sprache in Kontakt. Die Freunde der Familie sprechen alle türkisch, Behördengänge übernahm schon immer ihr Ehemann.

„Das ist eigentlich eine ganz typische Geschichte von Frauen mit Migrationshintergrund“, erzählt Renate Neumann, Leiterin der städtischen Kindertagesstätte Herminenstift. Sie war es, die Sevim Hassan vor einem Jahr ansprach und sie einlud, an dem Projekt „Mama lernt mehr als Deutsch“ teilzunehmen.

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Die Idee zu diesem Kurs kam Neumann bereits im Jahr 2007. „Ich erlebte immer wieder, dass Frauen mit Migrationshintergrund kaum in den Kindergarten gekommen sind, da sie Angst hatten, von den Erzieherinnen angesprochen zu werden“, erzählt sie. Damals hörte sie davon, dass in Stadthagen Integrationslotsinnen und -lotsen ausgebildet wurden. „Da ratterte es bei mir im Kopf.“ Sie suchte nach einer Integrationslotsin und einer Deutschlehrerin, beantragte Mittel und konnte dann schließlich vor drei Jahren den ersten Kurs starten.

Seither treffen sich einmal wöchentlich bis zu zehn Frauen unterschiedlicher Herkunft in den Räumen des Kindergartens. Und obwohl sie unterschiedliche Sprachen sprechen, haben sie einiges gemeinsam: Mindestens ein Kind besucht den Kindergarten Herminenstift oder den Kindergarten Jägerhof und sie alle haben Probleme mit der deutschen Sprache.

Der Vorteil des Projektes „Mama lernt mehr als Deutsch“ im Gegensatz zu anderen Kursen liegt für Neumann auf der Hand: „Die Mütter kennen die Räume, sie brauchen sich nicht umzugewöhnen und die Kinder sind während der drei Stunden versorgt“, so Neumann. Denn während des Kurses kümmert sich eine Erzieherin um die Kinder der Teilnehmerinnen.

Wie groß die Zielgruppe für Kurse wie „Mama lernt mehr als Deutsch auch in Schaumburg ist, zeigt das Niedersächsische „Handlungsprogramm Integration“. Rund zehn Prozent der Bevölkerung Schaumburgs hat nach Aussage dieses Programmes einen Migrationshintergrund. Das sind etwa 16 Tausend Bürgerinnen und Bürger. Als Personen mit Migrationshintergrund gelten ausländische Staatsangehörige, im Ausland geborene und seit dem 1. Januar 2010 zugezogene Personen, Eingebürgerte und Kinder, bei denen mindestens ein Elternteil in eine der zuvor genannten Kategorien fällt. Wie viele dieser Menschen tatsächlich ein Defizit mit der deutschen Sprache haben, ist aktuell jedoch nicht statistisch belegt. Es ist jedoch anzunehmen, dass durch die weitverbreitete klassische Familienstruktur, in der der Mann arbeiten geht und die Frau sich um Kinder und Haushalt kümmert, vor allem Frauen dazu zählen.

Im Gruppenraum des Kindergartens Herminenstift geht der Kurs derweil in die nächste Runde. Nachdem mehrere Mütter und Kinder das Datum genannt haben, spielen Mütter und Kinder noch ein gemeinsames Spiel und dann trennen sich ihre Wege. Die Kinder gehen mit der Erzieherin spielen, während sich die Mütter mit Deutsch-Lehrerin Nazan Kütük und der Integrationslotsin Regine Benthin in den Personalraum zurückziehen. Dort tragen sich die Mütter erst einmal selbst in die vorbereitete Anwesenheitsliste ein. „Das ist ganz wichtig, da die Frauen so ihre Unterschrift üben können“, sagt Benthin. Gerade für Frauen, die bisher vor allem in arabischer Schrift geschrieben haben, sei dies zu Beginn eine enorme Herausforderung. „Einige unserer Teilnehmerinnen haben ihr Leben lang kurdisch gesprochen und arabisch geschrieben. Jetzt müssen sie völlig umdenken.“

Benthin ist alle zwei Wochen bei dem Kurs dabei. Heute hat sie eine besondere Aufgabe für die Frauen. Ein Mitglied der Gruppe hat vor wenigen Wochen eine kleine Tochter bekommen, heute hat sie sich vorgenommen, gemeinsam mit den sieben heute anwesenden Müttern einen Glückwunschbrief zu schreiben. „Ich habe schon einen Briefumschlag und eine Briefmarke mitbekommen“, muntert sie die Frauen auf.

„Es ist uns wichtig, dass die Mütter hier nicht nur die deutsche Sprache lernen, sondern auch viel Alltagstaugliches mitbekommen“, versichern sowohl Kütük als auch Benthin. So waren alle gemeinsam schon in der Stadtbücherei, haben Beratungsgespräche beim Gynäkologen simuliert und Anrufe beim Kinderarzt nachgestellt. „Wir möchten den Müttern einfach Sicherheit geben und ihnen ihre Hemmungen der deutschen Sprache gegenüber nehmen“, erklärt Benthin. Das erklärte Ziel sei es, den Müttern so viel Sicherheit zu geben, dass sie ihre Kinder während der ersten Grundschuljahre begleiten können und keine Angst haben, bei Problemen die Lehrer aufzusuchen.

Ein wichtiger Bestandteil dieses Vorhabens ist auch das Lehrbuch, welches Deutsch-Lehrerin Kütük für den Kurs verwendet. Es heißt passender weise „Mama lernt Deutsch“ und ist inhaltlich speziell an die Bedürfnisse von Müttern mit Migrationshintergrund angepasst. In diesem Heft, das sich alle Teilnehmerinnen zu Beginn des Kurses kaufen mussten, wird die deutsche Sprache anhand alltäglicher Situationen vermittelt. „Es gibt Kapitel, in denen die Frauen lernen, sich und ihre Familie vorzustellen, oder auch auf dem Wochenmarkt Gemüse einzukaufen“, beschreibt Kütük die Vielfältigkeit des Lernmaterials.

Die 31-jährige Laila Rasho besucht mittlerweile zum zweiten Mal in Folge einen „Mama lernt Deutsch“-Kurs. Sie kam vor acht Jahren aus dem Irak nach Stadthagen und ihr Leben ähnelte in den ersten Jahren dem von Sevim Hassan: Der Ehemann ging arbeiten und ernährte die Familie, sie blieb bei ihren Kindern zu Hause. „Doch vor drei Jahren bin ich gleich zu dem ersten Kurs gegangen. Ich habe seitdem viel gelernt“, erklärt sie stolz. Und tatsächlich unterhält sie sich so fließend und unbekümmert, dass man kaum glauben kann, dass sie bis vor drei Jahren nur kurdisch und arabisch gesprochen hat. Ein besonderes Erlebnis hatte sie erst vor wenigen Wochen. „Ich habe meinen Sohn ganz alleine zu seiner Schuluntersuchung begleitet.“

Ein Erfolgserlebnis, das vor allem der behutsamen Herangehensweise der Kursleiterinnen geschuldet ist. „Es gibt zwar auch Deutschkurse der Volkshochschule, aber viele unserer Frauen wären gar nicht in der Lage an ihnen teilzunehmen, da sie überhaupt kein Deutsch sprechen, wenn sie zu uns kommen“, erklärt Neumann. Und gerade wenn die Lehrgruppen unterschiedliche Herkunftsländer haben, ist ein Deutschunterricht nicht einfach, was auch Nazan Kütük bestätigen kann. Sie selbst spricht türkisch, kann aber nicht mit den kurdisch oder serbisch sprechenden Frauen in ihrer Muttersprache kommunizieren. „Das ist gerade zu Beginn oft etwas schwierig“, gibt sie zu. Die Gruppenkonstellation kommt ihr in dem aktuellen Kurs jedoch zugute. „Wir haben mindestens zwei Frauen aus jedem Sprachbereich dabei, und wie es der Zufall will, kann jeweils eine immer etwas besser Deutsch als die anderen, sodass sie sich gegenseitig etwas erklären können“, sagt sie.

Eine von denen, die die deutsche Sprache schon sehr gut beherrschen ist die 31-jährige Hyrije Popaj. Sie lebt bereits seit 14 Jahren in Deutschland. Mittlerweile hat sie drei Kinder und kann ihren Alltag in Deutschland sehr selbstständig meistern. „Ich habe auch schon einen sechsmonatigen Deutschkurs an der VHS besucht“, erzählt sie. Ein solcher Integrationskurs ist seit dem Inkrafttreten des Zuwanderungsgesetzes 2005 verpflichtend, wenn die Personen keine ausreichenden Deutschkenntnisse vorweisen können. „Das Problem ist jedoch, dass es für Frauen, die überhaupt kein Deutsch sprechen sehr schwer ist, diesen Kursen inhaltlich zu folgen“, weiß Neumann. „Als Vorbereitung auf solch einen Kurs ist unser Angebot sehr hilfreich.“

Bei vielen Teilnehmerinnen des Kurses sprechen sowohl der Ehemann als auch die Kinder gut Deutsch. „Und sie glauben gar nicht, wie stolz die Kinder auf ihre Mütter sind, wenn sie deren Fortschritte bemerken“, so Integrationslotsin Benthin. Auch Neumann bestätigt, dass es für die Kinder wichtig ist, wenn sie sehen, dass ihre Mütter die Scheu verlieren: „Starke Mütter – starke Kinder“, so ihre Überzeugung.

Um die Mütter noch mehr in den Kindergarten-Alltag ihrer Kinder einzubinden, hat der Kindergarten Herminenstift zusätzlich das „Mutter-Kind-Projekt“ ins Leben gerufen. Jede Teilnehmerin des Mama-lernt-mehr-als-Deutsch-Kurses hospitiert einen ganzen Tag lang im Kindergarten. „So bekommen die Mütter hautnah mit, was ihre Kinder bei uns machen und bekommen zusätzlich Sicherheit im Umgang mit den Erzieherinnen“, so Neumann. „Wir hoffen, dass es ihnen durch unseren Kurs leichter fällt, die Kinder auch nach dem Wechsel in die Grundschule zu begleiten und bei Problemen keine Scheu haben, die Lehrer anzusprechen.“

Nachdem der Landkreis Schaumburg im ersten Jahr die Kosten des Kurses getragen hat, hat nun schon zum zweiten Mal in Folge die Stadt Stadthagen diesen Part übernommen. „Durch diese Unterstützung ist der Kurs für die Mütter kostenfrei“, freut sich Renate Neumann. Die Kurse laufen immer parallel mit dem Kindergartenjahr, der nächste Kurs startet im Sommer. Eine Anmeldung ist für das ganze Jahr verbindlich.

Seit nunmehr zehn Jahren werden an vielen Kindergärten und Schulen im gesamten Bundesgebiet „Mama-lernt- Deutsch“- Kurse für Mütter mit Migrationshintergrund angeboten. Auch in Schaumburg gibt es solch einen Kurs. Doch hier lernen die Mütter noch einiges mehr.

Die Deutsch-Lehrerin Nazan Kütük hilft den Teilnehmerinnen beim Verfassen eines Briefes.

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