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Aus seinen Büchern und Briefen heraus antwortet Hermann Löns auf die heikel gebliebene Frage

Herr Löns, wie erlebten Sie Schaumburg-Lippe?

Gestern jährte sich der Todestag von Hermann Löns zum 100. Mal. Er fiel am 26. September 1914 bei einem Gefecht im Ersten Weltkrieg. Der Autor und Journalist wurde 1907 Redaktionsleiter der Schaumburg-Lippischen Landes-Zeitung. Was für ihn vielversprechend begann, endete in einem persönlichen Desaster. In seiner Satire „Duodez“ rechnete er später mit seiner Bückeburger Wirkungsstätte ab. In diesem fiktiven Interview lassen wir Löns mit echten Zitaten auf passend gemachte Fragen antworten.

Autor:

Rainer Kaune

Herr Löns, Sie waren der populärste Journalist, den Hannover je hatte. Weshalb gingen Sie im Herbst 1907 als Zeitungsmacher nach Bückeburg?

„Ich war die Großstadt leid. Man bot mir die Redaktion in Bückeburg an; ich nahm sie.“

Welche Ersteindrücke gewannen Sie, als Sie die Schaumburg-Lippische Landes-Zeitung als Alleinredakteur übernahmen?

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Die Entstehungsstätte der Schaumburg-Lippischen Landes-Zeitung.

„Hier ist’s nett, nur vorläufig viel Arbeit ....“ – „Ich kann Format, Preis des Blattes, Annahme der Inserate, Rabatt, Auflagenhöhe, Propaganda, kurz alles, bestimmen...“

Doch Sie wurden schnell unzufrieden. Wieso?

„Ich hatte bei all den schönen Versprechungen, die man mir machte, nicht geahnt, dass hier außer Setzen und Zeitungsaustragen der Redakteur beinahe alle anderen Arbeiten zu tun hat, die es bei einer Zeitung gibt.“

Aber auch über Sie gab’s erhebliche Klagen. Die Zeitungs-Oberen der Hofkammer sprachen von Trunksucht, Pflichtvergessenheit und Schmälerung der Arbeitskraft durch zahlreiche literarische Nebentätigkeiten. Und sehr störte man sich daran, dass Sie ungewöhnlich selbstbewusst und wenig kooperativ waren.

„Mir fehlt ein gewisser Lakaienwirbel im Hochzeitsgelenk und Genick ...“ – „Von vorneherein nahm man es mir übel, dass ich nicht einen Schmerbauch und Asthma hatte, wie mein Vorgänger. Der passte hierher.“ – „Ich wurde durch die Quengeleien schließlich so wild, dass ich saugrob wurde...“

Was dachten Sie sich, als Sie durch Kündigung Ihre Stellung verloren?

„...nun bin ich wieder ein freier Mann.“ - „...und dann verlasse ich diese Gegend, sonst schlagen sie mich lebendig dot.“

Gab’s auch Erfreuliches während der zweieinvierteljährigen Bückeburg-Zeit?

„Dichterisch bin ich sehr weit vorgekommen in diesen Jammerjahren.“

Sie waren damals produktiver denn je. Und als Ihr Erstlingsroman „Der letzte Hansbur“ erschien, soll die ortsansässige Dichterin Lulu von Strauß und Torney sehr anerkennende Worte gefunden haben.

„Die einzig wirklich frohe Minute, die ich hier im Lande erlebte, war, als Lulu von Strauß und Torney mir sagte: ‚Was mir an dem Roman nicht gefällt, ist, dass ich ihn nicht schrieb.‘“

Wie denkt man in Bückeburg über diese Bücher schreibende Dame?

„Sie gilt ... wie auch ich, für überspannt.“

Die bedeutsamste Persönlichkeit, die je in Bückeburg wirkte, war Johann Gottfried von Herder, den auch Sie entschieden bewundern. Doch als ihm neben der Stadtkirche ein Denkmal aufgestellt wurde, zeigten Sie sich schockiert. Weshalb?

„Das fesselndste Baudenkmal der Residenz, die evangelisch-lutherische Kirche, ist in beträchtlicher Weise durch das zu dem Bau durchaus nicht passende Herderdenkmal verschandelt, eins jener banalen Fabrikate, wie sie Berliner Firmen zu allen Preisen liefern, und das der Bückeburger Volkswitz treffend ‚den Mann in der Unterbuchse‘ genannte hat ...“

Defizite in Sachen Geschmacks-Kultur werfen Sie der Residenz-Stadt auch in der Kleidermode vor. Wie schwer tut die sich denn mit der Mode?

„…es gibt eine eigene Kleidermode in der Residenz, nämlich die, die in den benachbarten Großstädten wie Minden, Oeynhausen, Wunstorf und Rinteln bereits abgelegt ist. Drei Jahre muss alles Neue, so auch die Mode, vor Bückeburg in Quarantäne liegen, ehe sie erkannt wird.“

Ging es in Bückeburg immer recht angestaubt zu?

„Einst war das anders, als die hochselige Gräfin Juliane ... noch lebte ...“ - „[Sie gab] Maskenbälle, zu denen alles befohlen wurde, was jung, schön und der Liebe nicht abgeneigt war, und bei denen es durchaus nicht schaumburg-lippisch zuging. Zu einem dieser Zauberfeste erschien Adam mit seinem Evchen am Arme, beide in streng vorschriftsmäßiger Paradieshoftoilette, nämlich, wie der Chronist meldet, ‚mit nichts anderem als ihrer Unschuld bekleidet‘.“

Zurück in die Jetztzeit, Herr Löns! Was empfehlen Sie Bückeburgern, die sich nach bürgerlich-braven Vergnügungen sehnen?

„[Man] besuche sonntags ein Tanzfest in Petzen, Scheie, Klein-Eilsen oder sonstwo, oder mache das Bergfest auf der Sülte bei Sülbeck mit, oder fahre zum Herbstmarkt nach Minden...“

Auch Nienstädt bei Stadthagen, wo der mit Ihnen befreundete Lehrer und Autor Wilhelm Wiegmann wohnt, wurde von Ihnen schon positiv erwähnt. Bitte zitieren Sie das Zweizeilen-Gedicht, das Sie über Nienstädt verfassten!

„In Bückeburg ist es nicht nett, drum gehe ich nach Ni-enstädt.“

Dass Bückeburg „nicht nett“ war, machte Sie krank an Leib und an Seele. Darf man erfahren, was besonders peinigend war?

„Nach drei Monaten hatte ich Selbstmordgelüste, nach einem halben Jahr musste ich auf einen Monat ins Sanatorium, nach zwei Jahren auf drei Monate.“ - „Die zwei Jahre ... haben mich alt und kalt gemacht.“ - „... bin vor Ärger grau geworden da.“

Ihre Bückeburg-Zeit endete nach einem Nervenzusammenbruch im Januar 1910. Wie wirkt die Fürstenstadt denn heute auf Sie?

„Wenn ich einen Tag in Bückeburg bin, muss ich acht Tage lang hinterher brechen ...“

Vielen Dank für das Gespräch.

Hermann Löns (1866- 1914): Er war Journalist und Literat, Naturkenner und Kulturverehrer, Asket und Unmäßiger, kerniger Mensch und seelisch Gefährdeter,

und er war immer ein unverwechselbares Individuum.




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