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Am Öresund (2): Hamlet lässt grüßen

Helsingørs Beau ist ein glänzender Hafenmeister

Der Öresund – die Meerenge trennt Dänemark von Schweden. Auf der einen Seite das fast lieblich scheinende Helsingør mit dem „Hamlet“-Schloss Kronborg, auf der anderen Seite die quirlige Hafenstadt Helsingborg. Autor Jens Meyer hat sich per Scandlines-Fähre übersetzen lassen.

Teil 2: Helsingør

Helsingør. Von wegen Fisch! Dänemark, vom Seewind durchstoßen, vom Meer geprägt und aus 480 Inseln bestehend, ist weltweit größter Exporteur von Schweinefleisch. Wer im leicht verschlafenen Helsingør in Møllers Conditori, der ältesten Bäckerei des Landes, sich ein Smørrebrød ordert, bekommt eine Ahnung von der gewichtigen Bedeutung des dänischen Metzgerwesens. Auf der Scheibe Brot liegt gefühlt ein halbes Schwein mit satter Kruste. Måltid.

„Wenn die Leute nur dann redeten, wenn sie etwas zu sagen haben, würden die Menschen sehr bald den Gebrauch der Sprache verlieren.“ Große Worte aus Shakespeares „Hamlet“, weich wie Seide, mild wie Olivenöl. Gut, dass sie nur der Tragödie des Poeten um den Prinzen aus Dänemark entstammen und nicht dem wahren Leben. Nicolai Stubtoft würde sonst nicht zu Wort kommen, und das wäre ein Jammer. Als Souchef des hübschen Hostels Helsingørs, dem ältesten Dänemarks, ja, ganz Europas, wie Nicolai steif und fest behauptet, das in der Villa Moltke am Nordre Strandvej 24 schon so manchem Urlauber mit wenig Geld in der Tasche eine gute Zeit verschafft hat, wird nicht müde, sein Helsingør als Ausflugsziel zu preisen. Was es ohne Frage ist. Verspielt in seiner Architektur, mit kleinen Gassen und bunten Häuschen, mit Kloster, Dom und Schloss, mit Hafen und Strand, mit Geschichte, Gegenwart und Zukunft. Allein das Schloss Kronborg, Williams Shakespeares königlicher Schauplatz für „Hamlet“ und damit allein schon von höchsten Gnaden geadelt, glänzt glorreich hervor. Die schweren Geschütze zur Seeseite verdeutlichen, wie der Öresund einst unter Beschuss stand. Schwedisch-dänische Historie. Heute steht Kronborg Slott unter Beschuss ganz anderen Ausmaßes: Bis zu 200 000 Touristen jährlich ducken sich in den Kasematten und fangen an zu schweben, wenn sie durch den größten königlichen Ballsaal geführt werden. Zwölf Meter breit, 62 Meter lang – welch ein Zauber, welch eine magische Pracht, die in der Nebensaison mehr Spaß macht als in den Sommerferien...

Zurück zu Nicolai. „Los geht’s. Wir fahren mit dem Fahrrad durch Helsingør, um ,Han‘ zu besuchen!“ – Sagt’s, steckt sich politisch herrlich unkorrekt ’ne Fluppe an und tritt in die Pedale. Am Hafen angekommen, glänzt er im Abendlicht, nicht Nicolai, sondern „Han“. Zu deutsch: „Er“, nichts weiter. So haben Michael Elmgreen und Ingbar Dragset, dänisch-norwegisches Künstlerduo, den gut gebauten Jüngling genannt, der verträumt auf den Öresund blickt, wie es die Kleine Meerjungfrau im kaum eine Dreiviertelstunde entfernten Kopenhagen nicht schöner tun könnte.

4 Bilder
Schauplatz für Shakespeares „Hamlet“: Kronborg Slott

Nicolai lacht: „Das ist er. Sieht er nicht gut aus?“ Vor allem sieht er glänzend aus, was seinem polierten Stahl zuschulden ist, der den Himmel und das Meer und den Hafen und die Fischerboote widerspiegelt, in sich aufsaugt, einfängt und freigibt wie der Tag die Nacht und andersherum. Kaum ein Tourist, der erst mal nicht die Stirn runzelt. An Han muss sich die Welt noch gewöhnen, schließlich hat der Beau als Hafenmeister erst seit diesem Sommer seinen Platz am Kai, kaum 50 Meter vom neuen Kulturzentrum entfernt, wo früher Hunderte in den Werften der Stadt Schiffe bauten. Von diesen glorreichen Tagen ist ein kleines Museum geblieben und eine große backsteinrote Herausforderung: die Industrie-Brache, die mit verschiedenen Mitteln wiederbelebt wird. Die Kulturværftet ist schon mal gelungen.

Die Ostsee leuchtet blaugrau, der Öresund sieht heute einladend aus. Viele Urlauber schwören auf diesen Teil der Küste von Seeland, entspannen sich an den Stränden und auf dem Wasser. „Mit das sauberste in ganz Dänemark“, sagt Nicolai. Warum hat er dann just in Griechenland Urlaub gemacht? „Das Wasser ist dort wärmer.“ Gutes Argument. 15 Grad am Sund, da lässt man sich schon mal gern gen Süden fliegen.

Ein Überflieger ganz anderer Couleur war Dieterich Buxtehude, dänisch-deutscher Komponist des Barock. Vater Johann war Organist in der St. Olaikirche, und das Haus, in dem die Familie für einige Zeit wohnte, steht heute noch, ist gelb und unscheinbar, gleich gegenüber dem Gotteshaus. In seinen Scheiben spiegelt sich der Glockenturm. Der kleine Dieterich lernte in Helsingør Latein und manches mehr, aber als Musiker kam er im 17. Jahrhundert dann doch auf der anderen Seite groß raus, in Helsingborg, wo er Organist von Sankt Marien wurde.

Nicht Klassik, sondern Rock’n’Roll ist Helsingør für Nicolai. Gestern Abend noch ein bisschen zu viel Rotwein getrunken, heute schon wieder bester Laune mit dem Fahrrad unterwegs. Michael Hansen, sein Kumpel und Chef des Campingplatzes, begrüßt ihn freundlich und kann sich ein verschmitztes Lächeln nicht verkneifen. „Hallo Nico, wie geht’s?“ Wie soll’s ihm gehen, prächtig natürlich. So geht es ihm immer, wenn er Gästen erklären darf, wie schön sein Helsingør ist. Christoph Bohn aus Loxstedt bei Bremerhaven, gerade mit der Fähre aus Helsingborg rübergekommen, hat sich mit ein paar anderen Entdeckern Nicos Fährte angeschlossen. „Helsingør ist echt entspannend“. sagt Bohn und blickt wortlos auf den Öresund. Frei nach Shakespeares Hamlet: „Der Rest ist Schweigen.“




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