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Helfer in Haiti: „Das hier ist die Hölle“

Leichen liegen auf der Straße, sie verwesen langsam in der Tropenhitze. Zwischen den Trümmern eingestürzter Häuser weinen Kinder, die das Erdbeben zu Waisen gemacht hat. Und im Vorgarten einer Zehn-Betten-Klinik vis-à-vis der eingestürzten Kathedrale Notre-Dame de L’Assomption schreien die Verstümmelten. Ihre Hilferufe werden von Tag zu Tag leiser. Ein haitianischer Arzt steht hilflos inmitten der Opfer. Er sieht müde aus. „Alle fünf Minuten“, sagt er, „amputieren wir hier Arme oder Beine. Es muss sein. Leider.“ Dann senkt er den Kopf und hält einen Moment lang inne. „Was in Haiti passiert ist, übersteigt die menschliche Vorstellungskraft. Das hier ist die Hölle.“

Behandlung unter freiem Himmel: Ralf Hilles und Sigrid Kuptschit

Autor:

Reinhold Klostermann

Wir sind im Zentrum von Port-au-Prince, 650 Meter nördlich des eingestürzten Präsidentenpalastes. Es riecht nach Tod. Der süßliche Geruch wabert zu den Helfern aus Hameln herüber, er vermischt sich mit dem Rauch der Feuer, die immer noch an vielen Stellen lodern. Der Gestank raubt den Freiwilligen den Atem. Dem Hamelner Lehrrettungsassistenten Reinhold Klostermann, Leiter der Interhelp-Task-Force, verschlägt es angesichts dieser Bilder die Sprache. Er muss schlucken und mit den Tränen kämpfen.

„Lasst uns anfangen“, sagt er zu seinem Team. Aber wo? 300 bis 500 Verletzte warten auf Hilfe. Auf Pappe, Fußabtretern und Holzbänken gebettet, unter aufgespannten Bettlaken notdürftig geschützt vor der Sonne. Das Jammern und Wehklagen zerrt an den Nerven der Freiwilligen. Ein Junge liegt apathisch im Müll. Ein Mann hat eine offene Ellenbogenfraktur. Sein bis auf den Knochen aufgerissener Arm sieht schrecklich aus. Eiter läuft heraus. Das Fleisch beginnt zu faulen. Rechts neben ihm ringt ein junger Vater mit dem Tod. Das linke Bein ist oberhalb des Kniegelenks abgeschnitten worden. Im rechten klafft ein tiefes Loch.

Rettungsassistent Christian Käse aus Hameln versorgt Wunden, wechselt durchgeblutete Verbände. Auch Krankenschwester Sigrid Kuptschitsch und Rettungssanitäter Ralf Hilles helfen, wo sie können. Bei 35 Grad im Schatten arbeiten die Interhelper bis zur totalen Erschöpfung. Es ist ein Wettlauf mit der Zeit. Denn um 18 Uhr müssen alle Katastrophenhelfer wieder auf dem Flughafen von Port-au-Prince sein. So wollen es die Vereinten Nationen.

Ein Kind in Not: Apathisch liegt dieser Junge im Müll. Ob seine
  • Ein Kind in Not: Apathisch liegt dieser Junge im Müll. Ob seine Eltern noch leben, weiß er nicht. Interhelp versucht, ihm zu helfen.
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Ein apokalyptisches Bild: Eingestürzte Häuser und lodernde Flamm
  • Ein apokalyptisches Bild: Eingestürzte Häuser und lodernde Flammen – so sieht es mehr als eine Woche nach dem Erdbeben in Port-au-Prince aus. Hungrige und verletzte Menschen warten auf Hilfe. Bewaffnete UN-Soldaten und Polizisten bringen die Retter zu den Opfern. Das Team der Hamelner Hilfsorganisation „Interhelp“ arbeitet an diesem Ort des Schreckens bis zur Erschöpfung. Fotos: interhelp.info

Menschenleben retten ist auf Haiti derzeit nur unter Bewachung möglich. Schwer bewaffnete US-Marines, UN-Soldaten und haitianische Polizisten passen auf, dass den Helfern aus dem Ausland nichts passiert. 6000 Gefangene, darunter viele zu lebenslanger Haft Verurteilte, ziehen plündernd durch Stadt und Land. Aber auch bei den Hungernden und Durstigen liegen die Nerven blank. Manche haben Macheten dabei. Es ist der nackte Kampf ums Überleben, der sich manchmal in Aggression entlädt. „Am Dienstag“, sagt Reinhold Klostermann, „sind hier in Port-au-Prince drei brasilianische Kollegen erschossen worden.“

Rettungssanitäter Ralf Hilles kümmert sich um einen Sterbenden. Er hat gehört, was Klostermann gesagt hat, meint: „Ja, stimmt. Die Gefahr, getötet zu werden, ist ohne Geleitschutz wohl groß.“ Mark Schibli, Pastor aus Morsbach, der sich dem Interhelp-Team angeschlossen hat, versucht Trost zu spenden. Mitten im Elend.

Acht medizinische Teams aus aller Herren Ländern kämpfen an diesem Ort des Grauens gegen den Tod. Seite an Seite. Es sind Freiwillige aus Deutschland, Mexiko und Taiwan. Gesprochen wird wenig. Dafür ist keine Zeit. Jeder weiß, was zu tun ist.

Klostermann wischt sich den Schweiß von der Stirn und schaut auf die Uhr. 300 Patienten wurden heute behandelt. 200 bleiben unversorgt, weil die Soldaten das Zeichen zum Abmarsch geben. Vor Einbruch der Dunkelheit wollen die Beschützer mit den Helfern wieder im Camp sein. Für Klostermann, Käse, Kuptschitsch, Hilles und Schibli ist das ein Albtraum. Weil Kriminelle ihr Unwesen treiben, müssen sich Retter zurückziehen und Verletzte sich quälen.

„Morgen kommen wir zurück“, sagt Käse zu einem kleinen Mädchen, dessen Mutter dem Tode nahe ist. Plötzlich sind aufgeregte Kommandos zu hören. Die mexikanischen Sanitäter, mit denen Klostermann und Käse bereits im Oktober auf Sumatra im „Hameln Field Hospital“ zusammengearbeitet haben, bringen eine alte Frau in den Garten.

Ena Zizi heißt sie, ist 69 Jahre alt und verletzt. Acht Tage hat die Seniorin unter den Trümmern eines Hauses gelegen. Die Mexikaner haben sie gefunden. „Das ist ein Wunder“, sagt Klostermann und kümmert sich gemeinsam mit taiwanischen Sanis um die Überlebende. Nach einer kurzen Untersuchung steht fest: Ena Zizi hat vermutlich eine Becken- und eine Oberschenkelfraktur erlitten. Klostermann legt eine Infusion an, ein Arzt spritzt der Frau Schmerzmittel.

„Mehr können wir im Moment nicht für sie tun, da es keine Krankenwagen gibt und die einzigen beiden Kliniken, die wir kennen, keine Röntgengeräte haben.“ Dann versagt seine Stimme. Als er sich wieder gefangen hat, sagt der Leiter der Interhelp-Task-Force „Haiti“: „Wir arbeiten hier wie im Krieg.“ Interhelp-Notarzt Dr. Gerhard Scheibe operiert fast rund um die Uhr in einem kleinen Krankenhaus. „Die brauchen ihn da nötiger als wir“, meint Käse.

700 000 Verletzte sollen noch auf Hilfe warten. Wie viele nicht überleben werden, weiß niemand. Schnelle medizinische Hilfe tut not. Auf dem Flughafen, direkt neben der Start- und Landebahn, über die im Minutentakt Transportflugzeuge rollen, hat das Interhelp-Team Quartier bezogen.

Klostermann gehen die Bilder des Grauens nicht aus dem Kopf. Über ein Satellitentelefon ruft der Sanitäter am Abend den Interhelp-Vorsitzenden Ulrich Behmann an, der von Hameln aus das Backoffice des gemeinnützigen Vereins leitet.

„Wir brauchen hier ganz dringend Verstärkung. Ärzte gibt es genug, aber es mangelt an Krankenschwestern und Rettungsassistenten“, meldet Klostermann. Ob das Hamelner Rettungsteam personell verstärkt werden kann, hängt einzig und allein davon ab, wie groß die Spendenbereitschaft der Menschen im Weserbergland ist. „Freiwillige Helfer gibt es genug“, sagt Behmann.

An diesem Abend schlafen die Interhelper schlecht. Die Erlebnisse lassen sie nicht zur Ruhe kommen. Einige Helfer haben Angst, zu träumen.

Klostermann winkt ab: „Ein Albtraum kann auch nicht schlimmer sein als die Realität da draußen.“

Spenden: Interhelp ruft zu Spenden auf. „Ihre Hilfe erreicht die Überlebenden, weil wir sie hinbringen“, verspricht der Interhelp-Vorsitzende Behmann. Geld kann ab sofort auf folgende Sonderkonten eingezahlt werden: Nr. 20313 bei der Sparkasse Weserbergland (BLZ 254 501 10), Nr. 33233 bei der Stadtsparkasse Hameln (BLZ 254 500 01) und Nr. 700 700 000 bei der Volksbank Hameln-Stadthagen (BLZ 254 621 60). Stichwort: Erdbeben.

Internet: www.interhelp.info oder www.wesio.de/user/Interhelp.

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