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Ein Streifzug durch die heimische Glücksspielgeschichte / Erster Salonstandort war der „Lustort Klus“

Hazardspiel bringt vielen den Ruin

Ob durch Werfen von Münzen, Würfelspiel, im Casino, per Lottoschein oder beim (Internet-) Poker – der Wunsch, einen schnellen Zufallstreffer zu landen, gehört zu den großen Träumen und Sehnsüchten der Menschheitsgeschichte. Alle Versuche, dem Drang mit Appellen an die Vernunft beizukommen, haben nichts oder nur wenig gebracht.

Autor:

Wilhelm Gerntrup

Mehr noch. Für Millionen von Spielern wurde die Jagd nach dem schnellen Glück zur krankhaften Leidenschaft. Ungezählte Familien sind an den Folgen von Spielsucht zugrunde gegangen. Gewinner waren stets und vor allem die Anbieter. Zu den größten Profiteuren gehört seit gut 200 Jahren auch die Obrigkeit.

Ein aktuelles Beispiel dafür liefert die augenblickliche Diskussion um die Ausgestaltung eines neuen „Glücksspielstaatsvertrags“. Dabei geht es zu allererst um die Absicherung der milliardenschweren Einnahmen durch Abschirmung der von den Bundesländern betriebenen Kasinos gegen die zunehmende Konkurrenz von privaten Spielhallenbetreibern und Internet-Unternehmern.

Über Anfänge, Entwicklung und Ausmaß der Glücksspielleidenschaft im Schaumburgischen ist wenig bekannt. Bis Ende des Mittelalters dürfte sich die überwiegend ländlich-bäuerlich geprägte heimische Einwohnerschaft – wie andernorts auch – mit althergebrachten, einfachen Würfel- und Kartenspielen vergnügt haben.

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Treffpunkte waren die Wirtsstuben des Landes und die Marktplätze der neu entstehenden Stadtsiedlungen, hierzulande anfangs vor allem Stadthagen, Rinteln und Oldendorf. Dort pflegten zu bestimmten Terminen neben Kaufleuten und Händlern auch Gaukler, Akrobaten, „Planetenleser“ (Wahrsager) und alle Arten von „Heilsbringern“ aufzutauchen. Überlieferungen zufolge wurden die ahnungslos-wundergläubigen Besucher von den durchreisenden Glücksspielern nach Strich und Faden ausgetrickst und abgezockt. Eine Gefahr für Moral, Sitte und Gottesfurcht scheint die Obrigkeit darin allerdings nicht gesehen zu haben. Jedenfalls taucht in den bis Ende des 17. Jahrhunderts von den Schaumburger Grafen erlassenen Vorschriften die Angelegenheit nicht als strafwürdiger Tatbestand auf.

Das änderte sich nach den Ereignissen und Erfahrungen des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648). Die herumziehenden Landsknechtshorden hatten zu einem explosionsartigen Ausufern des – nach dem französischen Begriff „hasart“ = Würfelspiele – als „Hazardspiele“ bezeichneten Treibens beigetragen. Kein Wunder, dass die Obrigkeit versuchte, die von Gewalt und kriminellen Machenschaften begleiteten Auswüchse in den Griff zu bekommen.

Eine der ersten schriftlichen Verbotsregelungen brachte der kurhessische Landgraf Friedrich I. (1730-1751) auf den Weg, zu dessen Untertanen bekanntlich seit 1647 auch die Einwohner des heimischen Wesertals rund um Rinteln gehörten. Die Karten- und Würffel-Spiele hätten „dergestalt um sich gegriffen und überhand genommen, daß viele, bey denen sie zur leydigen Gewohnheit werden, dadurch nicht nur zu ihrem und derer ihrigen ohnersetzlichen Schaden in Armuth und gänzlichen ruin gebracht“ würden, sondern daraus auch „vielfältiger Zanck und Streit, wie auch Schlägereyen und Duelle, ja oftermalen gar Mord und Totschlag entstanden“ seien, heißt es in einer am 7. Januar 1733 „publicireten“ Verordnung.

Landesherr Friedrich ordnete an, „daß generalement (generell) Hazard-Spiele in keinem Wirths-, Wein-, Caffee-, Bier- und anderm der gattung publiquen Hauß weiter getrieben werden“ dürften. Eine besondere Gefahr gehe von Kartenspielen wie „Pharaon“ (auch als „Pharo“, „Faro“ und in abgewandelter Form als „Bassette“ oder „Landsknecht“ bekannt), „Trente et quarante“ („30 und 40“) sowie Würfeln, Roulette und Lotto aus. Bei Verstößen drohten harte Geld- und/oder „Leibes-Straffen“, darunter „Pfal“ (Pranger) und „Gassenlauffen“ (Spießrutenlaufen). Das scheint wenig abschreckend gewirkt zu haben. Das Verbot musste mehrmals erneuert und weiter verschärft werden.

Wesentlich gesitteter in puncto Glücksspiel ging es offenbar im benachbarten Schaumburg-Lippe zu. Jedenfalls ließ sich die Bückeburger Schlossherrschaft mit einer amtlichen Verurteilung und Verfolgung bis Anfang des 19. Jahrhunderts Zeit.

Man habe „missfälligst vernehmen“ müssen, dass „das verderbliche Spiel in Wirtshäusern und Schenken, zum Nachteil der bürgerlichen Ordnung, täglich mehr überhand“ nehme, heißt es in einem im Jahr 1801 auf den Weg gebrachten Erlass. Deshalb müssten „dieser schädlichen Unordnung ernstlich und schläunige Grenzen“ gesetzt und „alles Hazartspiel, es habe Namen, wie es wolle, ohne Ausnahme, führohin an keinem Orte“ geduldet werden.

Wie sich bald herausstellte, war es mit der Ernsthaftigkeit der markigen Kampfansagen zum Schutz und zum Wohle der Untertanen nicht sonderlich weit her. Seit Mitte des 18. Jahrhunderts hatten deutsche Potentaten und reichsunmittelbare Städte damit begonnen, zwecks Aufbesserung der Landeskasse eigene „Spielhäuser“ einzurichten.

Als Vorreiterin hierzulande darf die agile schaumburg-lippische Fürstin Juliane (Reg. 1787-1799) gelten. Auf ihre Initiative hin wurde Mitte/Ende der 1790er Jahre in der zum „Lustschloss“ ausgebauten, direkt an der preußischen Landesgrenze gelegenen „Kluse“ (heute Hotel „Große Klus“) eine „Pharaobank“ eröffnet. Sie diente einer zeitgenössischen Beschreibung zufolge vor allem zur „Befriedigung der feineren Bedürfnisse der jungen und älteren Wüstlinge“ aus dem nahen Minden, wo eine „solche Einrichtung ihren Sitz nicht aufschlagen darf“.

Nur wenig später (1802) ging – im ebenfalls auf Anordnung Julianes neu eröffneten Bad Eilsen – eine weitere öffentliche „Spielhölle“ in Betrieb. 1848 zog der hessische Kurfürst Friedrich Wilhelm (1847-1866) in Bad Nenndorf nach.

Die Bückeburger Landesregierung erklärte ihre zwiespältige Haltung am 20. Januar 1817 so: Eine mehrjährige Erfahrung habe gezeigt, dass das „für Fremde und Curgäste eingerichtete Hazardspiel“ der heimischen Bevölkerung nicht gut tue und „als eine ordnungswidrige und den Unterthanen verderbliche Sache weiterhin nicht geduldet werden kann“.

Die schaumburg-lippische Fürstin Juliane (Reg. 1787-1799) und der von 1847 bis 1866 amtierende hessische Kurfürst Friedrich Wilhelm richteten die ersten Spielbanken auf Schaumburger Boden ein.




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