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Aufnahmen Internet zu sehen / Staatsanwälte sehen "Gefahr im Verzug"

Hausdurchsuchung bei Kunstfälscher - und die Videokamera läuft mit

Rinteln (ly). So große Aufmerksamkeit erfahren Razzien sonst eher selten: Nach der Hausdurchsuchung bei einem Rintelner Paar, das von der Staatsanwaltschaft mit Kunstfälschungen in Verbindung gebracht wird, steht die Aktion auch schon als halbstündiger Film im Internet. Jemand hat eine Kamera mitlaufen lassen, möglicherweise der Hausherr selber. Auf diese Weise kann nun die ganze Welt Polizei und Staatsanwaltschaft nachträglich bei der Arbeit zusehen.

Szene aus dem Internet-Video: Polizeibeamte bei der Hausdurchsuc

Garniert sind die Aufnahmen (inklusive Ton) mit zornigen Kommentaren des Urhebers. "Dieser Film zeigt eine skandalöse Hausdurchsuchung bei dem Künstlerpaar... (es folgen zwei Namen, d. Red.)", heißt es am Rande des Bildes. Und weiter: "Ohne richterlichen Beschluss wurden am Nachmittag des 5. April 2008 zahlreiche Kunstwerke sowie Arbeitsmaterialien des Künstlerpaares beschlagnahmt. Jeder soll sehen, wie respektlos der deutsche Staat mit den Grundrechten der Bürger umgeht und junge Künstler mit unverschämter Arroganz an der freien Berufsausübung hindert." Der Verfasser beruft sich auf Artikel 5, Absatz 3 des Grundgesetzes, in dem die Kunstfreiheit geregelt ist. Die Künstlerin Cara Gano, so geht es weiter im Text, scheine jedoch nicht mit diesem Grundrecht ausgestattet zu sein. "Cara Gano ist der Künstlername von (...), einer jungen Mutter von zwei Kindern. Auch ihr Lebensgefährte, der Künstler (...), scheint kein Recht auf eine freie Berufsausübung zu haben." In einem Punkt hat der Schreiber dieser Zeilen Recht - und auch wieder nicht. Tatsächlich sind die Ermittler vor einer Woche ohne Durchsuchungsbeschluss in Rinteln aufgelaufen, wie Bodo Becker, Sprecher der Bückeburger Staatsanwaltschaft, gestern auf Anfrage bestätigte. In diesem Fall werde die Hausdurchsuchung jedoch im Nachhinein richterlich bestätigt. "Bei Gefahr im Verzug ist das in der Strafprozessordnung so vor ge sehen." Der Hintergrund: Nachdem am vergangenen Sonnabend unser Artikel "Alte Gemälde-Klassiker ganz frisch aus Rinteln" erschienen war, sah die Anklagebehörde laut Becker am selben Tag "Gefahr im Verzug" und stand nachmittags mitsamt Polizisten auf der Matte. Beschlagnahmt worden seien Bilder und Akten. Mengenangaben konnte der Sprecher nicht machen. Nur so viel: "Wir haben jetzt wahnsinnig viel Arbeit." Ob es zu einer Anklage oder einem Strafbefehl kommt, steht noch nicht fest. Becker zufolge geht die Razzia auf Anzeigen mehrerer Kunstkäufer zurück, die sich von dem Paar betrogen fühlen. Bei der Staatsanwaltschaft läuft ein Ermittlungsverfahren wegen Anfangsverdachtes des Betrugs. In einem Zivilprozess (wir berichteten) haben zunächst zwei Sammler geklagt. Einer hatte im Internet für 7051 Euro plus Versand ein offenbar gefälschtes Bild des Impressionisten Max Liebermann gekauft, der andere ein angebliches Gemälde Kees van Dongens aus den 1920er Jahren zum Preis von knapp 12 000 Euro. Der van Dongen soll noch nach frischer Farbe gerochen haben. Darüber hinaus sind möglicherweise Dutzende selbstgemalter oder frisierter Bilder im Umlauf. Im Zivilprozess hatte es geheißen, dass einmal 14 Werke innerhalb weniger Wochen für zusammen rund 31 000 Euro gewerblich verkauft worden sind. Ein Sammler aus dem Ausland verweistüberdies auf eigene Recherchen, nach denen der oder die mutmaßlichen Fälscher sogar zwei Maler erfunden hätten: Cara Gano und Ernst Cuno. Die Gano-Bilder seien "vermutlich alle selbstgemalt", die angeblichen Cuno-Arbeiten "wertlose Bilder aus Haushaltsauflösungen, aufgewertet durch einen selbstgebastelten Nachlass-Stempel. In der Lebensgefährtin des Rintelners, die im Zivilverfahren Beklagte war und unterlegen ist, sieht der Sammler lediglich eine "Strohfrau". Umso erstaunlicher, dass diese Frau nun Cara Gano sein soll. So steht's jedenfalls im Internet.



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