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Rintelner Lesefreunde zeigen im Landesmuseum die andere Seite Johann Wolfgang v. Goethes

Hartherzig und streng, klein und kleinlich

Bückeburg (mig). Viel Dichtung, wenig Wahrheit: Den großen Dichterfürsten von seiner kleinlichen Seite gezeigt hat eine Lesung der Rintelner Lesefreunde unter dem Titel "Liebesqual verschmäht mein Herz". Rund 30 Gäste litten im Landesmuseum mit Friedrike Brillon, der verstoßenen Lilly Schönemann und Schwester Cornelia. Vorgestellt wurde an diesemAbend außerdem eine 37,5 Zentimeter große Goethe-Plastik aus Alabaster.

Die Statuette stammt aus dem Nachlass der gebürtigen Bückeburgerin Lulu von Strauß und Torney und kam 1962 ins Schaumburg-Lippische Heimatmuseum. "Der Dichterfürst geschrumpft auf die Größe eines Gartenzwerges, der Olympier als Zimmerschmuck für den Bildungsbürger - ist das nicht eher kränkend?! Goethe hätte das wohl so empfunden", stand in einer Handreichung zu lesen. Tatsächlich schaut der "kleine Goethe" den Rintelner Lesefreunden reichlich unfreundlich über die Schulter - viel Privates wurde an diesem Abend ausgeplaudert. Hartherzig und streng war Goethe schon zu Jugendzeiten. Seine "erz närrische" Schwester Cornelia muss sich in allem nach ihm richten, während seiner Studienzeit schreibt er ihr Briefe mit Ermahnungen. "Du sollst keinen Romanen mehr lesen, als ich dir erlaube" oder "Sey stoltz darauf Schwester, daß ich dir ein Stück Zeit schencke die ich so nothwendig brauche" und "Neige Dich für diese Ehre die ich dir anthue, tief, noch tiefer, ich sehe gern wenn du artig bist, noch ein wenig! Genug!" Erst als sie heiratet, wendet er sich von ihr ab. Rücksichtslos ist Goethe auch in seiner Beziehung zu Friederike Brillon. In seiner Sesenheimer Zeit schreibt er Liebesgedichte ("Sah ein Knab ein Röslein stehen") an die "junge, unverbildete Frau" - später jedoch passt sie nicht mehr in seine Welt. Als sie ihn in Straßburg besucht, kanzelt er sie ab und findet, sie passe besser in eine ländliche Umgebung. Nur im Nachhinein findet er Gefühle für die Abgewiesene: "Du sahst mir nach mit nassem Blick" und "Ich hatte das schönste Herz in seinem Innern verwundet". Dieses Muster zieht sich durch all seine Beziehungen. Einerseits ist Goethe extrem eifersüchtig, andererseits wechselt er die Frauen wie seine Hemden. Wenn er selbst für kurze Zeit das Nachsehen hat (Charlotte von Stein, die Jakob Michael Reinhold Lenz zu Besuch kommen lässt), verfällt er in Selbstmitleid und klagt an ("von mir ist die Rede nicht, und warum sollte von mir die Rede seyn"). Deutlich macht dieser neue Blick auf Goethe (Textauswahl Andrea Tuschke, Stadtbücherei Rinteln), dass den Dichter die Liebe immer wieder zu bedeutenden Gedichten und Stücken inspiriert hat. Mindestens ebenso deutlich wird aber auch, dass viele seiner Werke unter großen Opfern erkauft worden sind. Der von den Rintelner Lesefreunden ausdrucksvoll und professionell gestalteteBlick ins Private zeigt einen kleinen und kleinlichen Goethe - sein Werk als Dichter bleibt davon aber unberührt.




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