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„Harte Sozialarbeit“: So arbeiten Integrationslotsen heute

BAD MÜNDER. In den vergangenen Jahren waren die Flüchtlingswelle Dauerthema. Deutschlandweit wurde daran gearbeitet, die Geflüchteten unterzubringen, und im ganzen Land begannen Ehrenamtliche, sich als sogenannte Integrationslotsen zu engagieren. Sie unterstützten die Flüchtlinge dabei, in Deutschland anzukommen,

Erwin Schlatterer (li.) trifft sich regelmäßig mit seinen Schützlingen im Café International. foto: Lindermann
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Johanna Lindermann Redakteurin zur Autorenseite

Ebenso wie bei der Wohnungssuche, Arztterminen und Behördengängen. Doch der Flüchtlingsstrom ist abgeflaut; in Bad Münder gibt es inzwischen keine neuen Zuweisungen mehr. Was bedeutet das für die Integrationslotsen? Wie hat sich ihre Arbeit mit den Zugezogenen verändert? Wir haben nachgefragt.

„Das Thema ist ruhiger geworden, aber es ist immer noch genauso viel Arbeit“, sagt Monika Bubat, die in Bad Münder als Integrationslotsin tätig ist. „Ich gehe immer noch mit vielen zum Arzt, weil sie ihn nicht verstehen“, erzählt sie. Zwar motiviere sie die Flüchtlinge stets, alleine hinzugehen, doch sie erhalte hinterher meist die Rückmeldung: „Der Arzt hat zu schnell gesprochen.“ Generell könnten viele der Migranten inzwischen Deutsch, doch würden die Deutschen oft nicht verstehen, weil diese zu schnell sprechen. Ihr Tipp lautet daher: „Langsamer sprechen.“

Nach der ersten Hilfe bei Behörden und Sprache kristallisieren sich nun auch neue Aufgaben für die Lotsen heraus: „Viele Flüchtlinge sind traumatisiert und haben das Trauma nicht verarbeitet, was sich erst jetzt herausstellt“, erzählt Bubat. Hier gelte es, Therapieplätze zu finden.

Von schwierigen Situationen kann auch Erwin Schlatterer berichten, ebenfalls Integrationslotse. „Das ist inzwischen in harte Sozialarbeit ausgewachsen“, sagt er und berichtet davon, wie etwa Frauen in Frauenhäuser eingewiesen werden mussten oder Kinder nicht in die Schule wollten. „Woher bekommt man dann einen Kurdisch sprechenden Therapeuten?“

Bei der Unterstützung für die Familien – beispielsweise berät Schlatterer jeden Freitag Migranten im Café International – gehe es häufig um Geld. Aber er müsse seine Schützlinge oft daran erinnern, wichtige Briefe für Ämter und Behörden abzuschicken. „Der Flüchtling und der Briefkasten, das ist ein Kapitel für sich“, beschreibt er es.

Auch um die inzwischen zugezogenen Verwandten kümmert sich Schlatterer, denn: „Der Familiennachzug bleibt leider zwischen Ehrenamtlichen und Gemeinde hängen, weil viele Angestellte, die sich früher darum gekümmert haben, inzwischen nicht mehr da sind.“ Da es viele Flüchtlinge nicht gewohnt seien, außerhalb der Familie Hilfe zu bekommen, würden die Familien zudem häufig eng zusammenhalten. So könne es passieren, dass ein Mensch auf dem Arbeitsmarkt schon gut „funktioniere“, aber zu Hause kein Deutsch gesprochen werde. „Das mindert natürlich den Anreiz, weiter Deutsch zu lernen“, bedauert Schlatterer. Diese „Teilintegration“ sei ein Problem, das sich erst mit der Zeit regeln werde.

Doch es gibt auch positive Veränderungen in der Flüchtlingsarbeit, wie Monika Bubat berichtet: „Es sind inzwischen schon Kinder von Flüchtlingen hier geboren, da begleite ich sie dann zu Ämtern, um die Kinder anzumelden.“ Generell habe sie die Menschen, um die sie sich kümmert, auch bereits ins Herz geschlossen: „Wir haben viel zusammen erlebt, darunter eben auch Geburten, und ich sehe die Kinder aufwachsen.“ Daher ist sie sich sicher: „Ich will auf jeden Fall weitermachen.“



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