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Harte Konkurrenz an den Sammelbüchsen

Wer kennt das nicht? Kurz vor Weihnachten füllt sich der Postkasten mit Spendenaufrufen, in Fußgängerzonen und Einkaufszentren werben gemeinnützige Vereine um Fördermitgliedschaften und im Fernsehen reiht sich eine Spendengala an die nächste. Die Stiftung Warentest hat in mehreren deutschen Städten stichprobenartig einige Spendenorganisationen unter die Lupe genommen und warnt davor, sich von den Spendensammlern durch leidvolle Geschichten und schockierendes Bildmaterial unter Druck setzen zu lassen. Einige Organisationen sind dabei in ganz besonderem Maße ins Visier der Spendenwächter geraten. Den Angaben zufolge gingen im Jahr 2008 rund 70 Prozent der Ausgaben der Organisation „Aktion Tier – Menschen für Tiere“ in die Öffentlichkeitsarbeit, Verwaltung und Werbung. Das deutsche Zentralinstitut für soziale Fragen (DZI) rät deswegen auch von Spenden an diese Organisation ab. Laut DZI machten die Ausgaben für Werbung und Verwaltung bei anderen Spendenorganisationen in der Regel zwischen zehn und 20 Prozent aus.

Andreas Besser

Autor:

Matthias Rohde

Eine dieser seriösen Spendenorganisationen ist das Deutsche Rote Kreuz (DRK). Der stellvertretende Geschäftsführer des DRK-Kreisverbandes Hameln Pyrmont, Andreas Besser, stellt klar, dass Spenden, die an das DRK gehen, zu 100 Prozent in konkrete Spendenprojekte fließen. „Für die Verwaltung der bei uns eingehenden Spenden ziehen wir keinen Cent ab, denn diese Aufgabe wird von Mitarbeitern der Geschäftsstelle wahrgenommen, die mit der kompletten Verwaltung des DRK betraut sind.“ Selbst die Zinserträge, die aus Spenden resultierten, werden ohne Abzüge weitergegeben.

Allerdings täusche der Eindruck, dass das DRK eine vornehmlich auf Spenden basierende Organisation sei. Rund 21 Millionen Euro Jahresumsatz erwirtschafte das heimische DRK. „Lediglich knapp drei Prozent dieser Summe kommen dabei durch Spenden zustande, wenn man die Sachspenden einbezieht“, so Besser. Die Bereitschaft mit Geld- oder Sachspenden ein ganz bestimmtes Projekt zu unterstützen, sei dabei ungebrochen, wie Besser feststellt. Rund 3000 Weihnachtspäckchen seien für die Aktion „Kinder in Not“ abgegeben worden. Seit bereits mehr als 12 Jahren widmet sich das DRK diesem Projekt. Noch relativ neu hingegen sei das Projekt „…dann geht’s uns gut“ – Aktion gegen Kinderarmut in der Region, wie die Pressesprecherin des DRK, Inga Symann erklärt. „Wir stellen aber eine wachsende Akzeptanz in der Bevölkerung bei diesem Projekt fest.“ Die Spenden, die für dieses Projekt gesammelt werden, würden gezielt gegen Kinderarmut in der heimischen Region eingesetzt, so Symann. Stolz ist Besser in diesem Zusammenhang auf den eigens für dieses Projekt gegründeten Beirat. „Dieser Beirat ist besetzt mit Fachleuten aus den unterschiedlichsten Bereichen, die darüber entscheiden, welches Anliegen mit einer Spende aus diesem Projekt unterstützt wird.“

Auch die Kirchen gehören zu den Organisationen, denen man eine hohe Seriosität beim Umgang mit Spenden attestiert. Der Sachgebietsleiter im Kirchenkreisamt Hameln-Pyrmont, Thomas Möller, hat sich einige Zahlen das Spendenaufkommen betreffend näher angeschaut und kommt zu dem Ergebnis: „Erstaunlicherweise haben sich die Folgen des demografischen Wandels, der Wirtschafts- und Finanzkrise und der Kirchenaustritte nur marginal auf die Spendensumme ausgewirkt.“ Zwar seien die Einnahmen, die durch den freiwilligen Kirchenbeitrag eingingen, zwischen 2005 und 2009 um rund fünf Prozent gesunken, allerdings gebe es dafür eine plausible Erklärung, denn die Zahl der Einzahler habe sich in diesem Zeitfenster um etwa 16 Prozent verringert.

Inga Symann
  • Inga Symann
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Auch Möller beobachtet bereits seit einigen Jahren den Trend hin zu Spenden, die gezielt für ein klar benanntes Projekt getätigt werden. „Das Projekt ‚Brot für die Welt‘ ist ein traditionell kirchliches, und gerade zur Adventszeit gehen hierfür zahlreiche Spenden ein.“ Erfreut zeigt sich Möller auch darüber, dass zwischen 2008 und 2009 sowohl die Anzahl der Menschen, die einen freiwilligen Kirchenbeitrag leisteten, als auch das Spendenaufkommen insgesamt wieder gestiegen seien.

Die Sparkasse indes verteilt ihre Spenden gleichmäßig übers Jahr, wie Lars Papalla, Pressesprecher Stadtsparkasse (SSK) Hameln, mitteilt. „Wir unterstützen sowohl Organisationen generell als eben auch in etwa gleichem Maße konkrete Spendenprojekte.“ Allerdings liege ein deutlicher Förderschwerpunkt der SSK in der heimischen Region.

Die Mitarbeiter der SSK beobachten dennoch bei den Kunden eine vermehrte Spendenbereitschaft zum Jahresende, wobei sowohl regionale als auch überregionale Spenden getätigt werden, wie Papalla mitteilt. Globale Spendenprojekte, wie zum Beispiel „Brot für die Welt“ stehen dabei auch in Konkurrenz mit anderen nationalen und internationalen Projekten.

Ein wichtiger Faktor bei der Akquise von Spenden sei dabei die mediale Präsenz, wie Besser betont. „Natürlich hat die Berichterstattung in den Medien über ein Spendenprojekt Auswirkungen auf die Spendensumme, denn angesichts der Fülle an solchen Projekten ist es für einen Spendenwilligen schier unmöglich, jedem unterstützungswürdigen Projekt eine Spende zu überreichen.“

Für viele Experten hat sich längst eine Art Spendenmarkt entwickelt, der den wirtschaftlichen Gesetzen von Angebot und Nachfrage unterliege. Kein Wunder also, dass es mittlerweile ganz spezifische Berufe gibt, die sich mit Spenden beschäftigen, zum Beispiel den des „Fundraisers“, dessen Aufgabe aber keineswegs nur die Beschaffung von Geld sei, wie Möller erklärt. „Für die meisten Non-Profit-Organisationen kommt es nicht nur darauf an, umfassende Spendenkonzepte zu entwickeln, sondern auch Kontakte zu knüpfen und vor allem auch Menschen zu finden, die durch ihr ehrenamtliches Engagement ein Spendenprojekt aktiv unterstützen.“

Verunsicherung herrscht indes bei Passanten, die in der Fußgängerzone oder in Einkaufszentren von Spendensammlern mit der altbewährten „Spendendose“ angesprochen werden. Besser: „Die Ortsverbände des DRK nutzen diese sogenannten Dosenspenden, um zweimal pro Jahr in den Dörfern und Ortsteilen von Haus zu Haus zu gehen, andere Sammelaktionen dieser Art werden von uns schon lange nicht mehr durchgeführt.“ Vor Jahren noch gab es Regelungen bezüglich solcher Dosenspenden. Die aber, das erklärt Stadtsprecher Thomas Wahmes auf Nachfrage, gebe es schon lange nicht mehr. „Wer mit einer Dosenspende Geld einsammeln möchte, braucht dazu keine Genehmigung der Stadt, auch eine Anzeigepflicht bei den Behörden ist nicht notwendig“, so Wahmes und weiter: „Ich gehe davon aus, dass die Bürger sich sehr genau überlegen, welches Spendenprojekt sie unterstützen und von welchem sie lieber Abstand nehmen.“

Das DZI empfiehlt, bei Dosenspenden besonders wachsam zu sein, und sich unter Umständen den Sammelausweis zeigen zu lassen und darauf zu achten, ob die Spendendose verplombt ist. Für Klarheit im Spendendschungel könnte auch das vom DZI vergebende Spendensiegel sorgen. An 270 Spendenorganisationen wurde dieses Siegel vergeben. Hilfreich sei laut Angaben des DZI zudem, sich über die Spendenorganisationen zu informieren. Das Internet sei eine gute Quelle, aber auch der jährliche Spendenalmanach. Spendenprofis warnen übrigens davor, sich bei der Vergabe von Spenden zu verzetteln. Generell sei es immer effizienter einer Organisation beispielsweise 100 Euro zu spenden, als zehn Euro an zehn unterschiedliche Spendenorganisationen oder -projekte zu vergeben.

Weihnachtszeit ist Spendenzeit. Rund ein Drittel des jährlichen Spendenaufkommens wird in Deutschland in den letzten beiden Monaten des Jahres generiert. Dabei beobachten Experten zunehmend einen Trend zu projektbezogenen Spenden, was die Experten übrigens auch empfehlen.

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