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30°

Hart im Nehmen: Lebensretter im Eis

Zwei Grad unter Null. Eisiger Ostwind. Gefühlte Temperatur: minus elf Grad. Der Hamelner Schutzhafen ist seit Wochen zugefroren. Sven Blume ignoriert die Warnung, das Eis nicht zu betreten. In der Hafeneinfahrt passiert es: Laut krachend bilden sich plötzlich Risse. Die acht Zentimeter dicke Eisschicht gibt nach, Blume bricht ein. Als sein Körper in das plus zwei Grad Celsius kalte Wasser fällt, bekommt der 31-Jährige die Kälte zu spüren. „Das hat sich angefühlt, als würden zeitgleich viele Tausend Nadeln in meine Haut stechen“, sagt Blume später.

Rettung mit der Drehleiter: Heiko Beenders und Lars Trant haben

Autor:

Ulrich Behmann

Er ist nicht wirklich in Lebensgefahr. Gesichert an einem roten Seil mimt der Feuerwehr-Taucher heute nur das Opfer. Seine Kollegen, die an der Kaimauer stehen, wollen ihn an diesem Morgen auf ganz unterschiedliche Weise aus dem Eisloch holen. „Wir mussten Gott sei Dank noch niemals einen Menschen aus dem Eis retten“, sagt Christoph Nolte (41) – und fügt hinzu: „Aber die Technik müssen wir beherrschen.“ Im Notfall komme es auf jede Minute an.

Sven Blume ist nur im ersten Moment kalt. Unter seinem roten Overall trägt er einen Tauchanzug aus Neopren. Durch feinste Poren ist das eisige Weserwasser in den Nassanzug gelaufen. Weil es nicht wieder hinaus kann, bildet sich zwischen Haut und Schutzanzug eine ein bis zwei Millimeter dünne Schicht aus Wasser. Die Körpertemperatur des Tauchers wärmt das eingedrungene Nass auf etwa 20 Grad auf.

Taucherleiter Hans-Werner Benditte (44) lässt retten. Ein Kormoran schaut interessiert zu; zwei Blesshühner ergreifen die Flucht. Zunächst werden Heiko Beenders (31) und Lars Trant (24), die in rot-schwarzen Überlebensanzügen stecken, mit dem Boot „Uta“ zu Sven Blume gebracht. „Hilfe, ich ertrinke! Hilfe“, ruft Blume. Und obwohl jeder hier weiß, dass nur der Ernstfall geprobt wird, erzeugen die Schreie Gänsehaut. Die Eisretter nähern sich Blume robbend. So verteilen sie ihr Körpergewicht besser auf der Fläche. Mal setzten sie ein gelbes Spinboard, das ein bisschen so aussieht wie ein Bügelbrett mit Löchern, mal einen roten Eisschlitten ein, um den im Eis Eingeschlossenen aus dem Loch zu ziehen. Zum ersten Mal will Benditte eine neue Methode testen: Er setzt die brandneue Drehleiter ein. Wie mit einem Kranausleger können die Feuerwehrleute eine Korbtrage zu dem Eingebrochenen herablassen. „Das klappt hervorragend, hat aber einen Nachteil: Wir können das tonnenschwere Fahrzeug nur dort in Stellung bringen, wo der Untergrund gerade und fest ist“, sagt der Einsatzleiter. „Immerhin: An der Kaimauer funktioniert’s.“

Die „Uta“ eilt zur Hilfe: Per Boot wird Heiko Beende
  • Die „Uta“ eilt zur Hilfe: Per Boot wird Heiko Beenders zu dem im Eis Eingebrochenen gebracht.
Spinboard im Einsatz: Mit der Kunststofftrage, die ein bisschen
  • Spinboard im Einsatz: Mit der Kunststofftrage, die ein bisschen so aussieht wie ein Bügelbrett mit Löchern, will Eisretter Lars Trant Sven Blume aus dem Wasser ziehen. Fotos: Dana
Er hat es so gewollt: Sven Blume ist im Eis eingebrochen und war
  • Er hat es so gewollt: Sven Blume ist im Eis eingebrochen und wartet auf Hilfe. Im Ernstfall entscheiden Minuten über Leben und Tod. Fotos: Dana

Heiko Beenders und Lars Trant kommen gut zurecht mit den übergroßen Überlebensanzügen. Auf dem Bauch liegend haben sie sich vorsichtig zu Sven Blume vorgearbeitet, ihn angeleint und mit vereinten Kräften aus dem Eis gezogen.

Kaum ist Blume raus aus dem Wasser, muss er auch schon wieder rein. Sein Körper kühlt dabei immer mehr aus. Nach anderthalb Stunden spürt Blume Hände und Füße nicht mehr. Seine Haut hat eine rosarote Farbe angenommen, seine Körpertemperatur ist ein, zwei Grad abgesackt. „Sven, raus aus dem Wasser. Allerhöchste Zeit zum Warmduschen“, ruft Einsatzleiter Benditte und gibt das Zeichen zum Abbruch.

„Für uns ist jeder Übungseinsatz ein Realeinsatz“, sagt Lehrtaucher Christoph Nolte, der seit 25 Jahren in Flüsse und Seen springt, um nach Menschen in Not zu suchen. Die Gefahr in unbekannten Gewässern, bei Kälte und ohne Sicht zu tauchen, sei immer da. Ein Feuerwehrtaucher müsse eine starke Psyche haben. Er dürfe unter Wasser nicht in Panik geraten, auch dann nicht, wenn er plötzlich die Leiche eines Ertrunkenen ertastet. „Den Toten zu bergen ist seine Aufgabe“, sagt Nolte. Der Job sei hart und sicher nicht jedermanns Sache. „Aber er muss gemacht werden“, sagt der 41-Jährige.

Seit einem Vierteljahrhundert gibt es in Hameln eine Tauchergruppe der Feuerwehr. Sie ist immer dann zur Stelle, wenn Menschen zu ertrinken drohen, wenn Wasserleichen geborgen und versunkene Autos gehoben werden müssen.

Sven Blume ist inzwischen wieder aufgetaut. „Eine heiße Dusche in der Feuerwache und eine Tasse mit warmem Tee, das hat gut getan“, sagt der 31-Jährige. Einsatzleiter Benditte ist zufrieden: Er und seine Leute haben unter Beweis gestellt, dass sie können, was sie gelernt haben. Zudem hat das Team ein paar neue Erkenntnisse gewonnen.

Hans-Werner Benditte rät unseren Lesern: „Wenn Sie Zeuge eines Unglücks im Eis werden, rufen Sie sofort über Notruf 112 Hilfe herbei. Gehen Sie nicht zu dem Verunglückten. Wenn Sie helfen wollen, dann legen Sie sich flach auf den Bauch und reichen dem Opfer einen stabilen Ast oder etwas Ähnliches. Bitte fassen Sie niemals einem im Eis Eingebrochenen an. Er könnte Sie in Panik unter Wasser ziehen.“

Polizeioberkommissar Jörn Schedlitzki von der Inspektion Hameln-Pyrmont warnt: „Betreten Sie keine Eisflächen – weder auf Flüssen noch auf Seen. Das Eis trägt noch nicht!“

Unter Einsatz ihres Lebens steigen sie ins Wasser, um Leben zu retten. 14 Feuerwehrtaucher sind rund um die Uhr im Einsatz. Ehrenamtlich. Die Spezialeinheit taucht sogar unter Eis, bei schlechter Sicht oder völliger Dunkelheit. Die Gruppe wurde vor knapp 27 Jahren gegründet.

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