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Stadt, Land, Fluss, Meer: Eine Sommerreise durch Frankreich (3)

Harley, Herz und wilde Wellen

VON JENS MEYER

Larmor Plage / Lorient. Auf Seite drei der Ouest France schaut Monsieur le Président verzweifelt aus der Wäsche. Hollande in Not. Seine Verflossene schreibt ein Buch. Und die Wirtschaft springt nicht an. Das Auto auch nicht. „Jean-Marc, der Fiat macht keinen Mucks“, sage ich zu dem lustigen Bretonen, der sich als fürsorglicher Großvater zurzeit zwischen zwei Fahrzeugen zu entscheiden hat; er zieht den Kinderwagen mit der kleinen Lea, dem vermutlich freundlichsten Kind ganz Frankreichs, weil es nie quengelt oder schreit, seiner Harley Davidson vor. Mucks heißt auf Französisch übrigens… ach, ich weiß nicht mehr, er hat es jedenfalls verstanden. Stellt Lea zur Seite. Streift sich den Blaumann über. Sagt seinem Schwiegersohn Pascal Bescheid. Alte Batterie raus, neue im Supermarkt gekauft und eingebaut. Öl füllt er auch nach. „Läuft wieder, Jens. Wie ein Formel-1-Renner!“ Ein Formel-1-Renner mit 60 PS…

Jean-Marc Guillard und seine Familie wohnen dort, wo andere Menschen Urlaub machen: am Atlantik in der südlichen Bretagne, dem Morbihan. Heiße Wochen sind vergangen, jetzt schwenkt das Wetter in Larmor-Plage an der Bucht von Lorient auf normal um. Normal bedeutet hier Wind, Wellen und Wärme statt Hitze. Wer hier ist, sollte realistisch zu den Wolken blicken und sich in den Sturm stellen. Des Himmels Atem umtost die Seele der Bretonen fortwährend. Es rauscht in den Zedern, es knarzt in den Silberpappeln, Äpfel und Birnen krallen sich in den Boden. Diese Bäume, so schief sie von seewärts gedrückt sein mögen, sind bestimmt die aufrichtigsten ganz Frankreichs. Sie stellen sich den Stürmen, so wie es die Menschen hier tun. Im Herbst und Winter ducken sie sich vor den rauen Attacken des Atlantiks, aber sie zerbrechen nicht, sie beugen sich nie in der festen Hoffnung auf bessere Tage. So muss es in Lorient nach dem Weltkrieg auch gewesen sein, einer mit Narben durchzogenen Stadt, die in Trümmern lag und auferstand. Als hübsch-hässliche Küstenmetropole wogt ihr Antlitz zwischen schmückend und schmucklos. Nicht unterkriegen lassen. An das Gute glauben, sich aufrichten und feiern und tanzen wie auf dem Festival Interceltique, wo die Bretonen ihre Wurzeln freilegen, ihre Seele mit dem Aufwind betanken, der über das Meer zu ihnen kommt. Ich war gestern dort und tankte nicht nur den Wind. Ich liebe diese Stadt.

Wuchtig rollt die Brandung gegen das Land, Welle für Welle ein rauschendes Fest Neptuns. Von der Aussichtsplattform oberhalb des Plage de Toulhars ist der Blick über die Bucht hinüber zur Notre-Dame de Larmor ergreifend, noch ergreifender wäre er ohne Baukran. Überall wird hier gebaut, sogar ein Casino. Frevel! Die Politik kriegt den Hals nicht voll. Gewissermaßen überragend ist auch der Bus, den Thomas Colin am Petanque-Platz vorgefahren hat. Ein echter, roter, alter London-Bus. Unten die Küche, oben die Sitzplätze. „Sind die Fish’n Chips gut?“, fragt er. Sind sie. Auffällig britisch sogar für französische Verhältnisse; andererseits heißt Großbritannien auf Französisch ja Grand-Bretagne. Außerdem muss es lukullisch nicht immer ein Vier-Gänge-Menü sein. Frankreich mag’s durchaus einfach, die Bretagne sowieso. Das Dessert ist die Krönung: Café Gourmand. Mousse au Chocolat, Crème brûlée und andere Schweinereien samt Espresso. Ich schicke später eine Postkarte an meine Hausärztin. „Befinde mich in Frankreich. Esse fett und süß. Schmeckt formidable. Verschiebe Gesundheitscheck um vier Wochen. Sehen uns im Oktober. Frühestens…“

3 Bilder
Am großen Fenster: Ausblick auf den Hafen an der Villa Margaret

Und der Panamakanal en miniature…

Als wenn ein London-Bus am französischen Strand nicht schon verrückt genug wäre, baut Pierre le Guennec, Schwager Jean-Marcs, gerade den Panama-Kanal en miniature. Ob er schon mal dort gewesen sei, frage ich ihn. „Non, das ist nicht nötig. Es gibt Google-Maps und Bücher“, sagt er. Beim Falle Roms und den babylonischen Gärten sei er ja auch nicht dabei gewesen und habe sie trotzdem bauen können als Modell. Ausstellungen in Frankreich und Deutschland. Interviews im Fernsehen. Jetzt in der Zeitung. „Er ist ein bisschen verrückt, crazy, fou“, sage ich zu seiner Mutter. Madame Armande le Guennec, weit über 80 und freundliches Oberhaupt dieser tollen Familienbande von der Rue du Guezo, lächelt: „Bien sur“ sei er das. – Wir stoßen mit Rosé drauf an, lachen uns schlapp, und ich verspreche zurückzukehren, um mir den bretonischen Panamakanal aus der Nähe anzuschauen.

Vorerst gehe ich aber wieder zum Strand, ich weiß nicht, zum wievielten Mal. Schöne Strände gibt es auch an der Ostsee und am Mittelmeer, ich weiß, aber dieser Meeressaum hier vereint das Schroffe mit dem Milden, verbindet liebliche Sande mit felsigen Buchten, wo das Wasser des Atlantiks auf Granitfelsen schlägt und zu Gischt wird, weiß und sich erhebend wie sehr nasse Wolken. Es duftet nach Tang und Algen und Salz, nach Sonnenöl und gutem Essen. Der lange, zerklüftete Küstenabschnitt vom nördlich gelegenen Cancale, der Côte d‘Émeraude über die Côte de Granit Rose weiter bis zum Pointe du Raz auf der Halbinsel Douarnenez und dem zum Süden hin sanfter werdenden Golf von Morbihan prägen dieses Land am Meer. Man macht sich fein oder zieht blank, die Kinder, die Schönen, die Dicken und die Dünnen, die Jungen und die Alten, am Strand sind alle gleich.

Strohmatte ausgerollt. Sonnenschirm aufgestellt. Buch geschnappt. Heinrich Heine ist bei seiner Harzreise auf dem Brocken angekommen. Ich blicke hinaus zum Horizont, zur Île des Groix. Morgen muss ich scheiden, die Rückfahrt tut jetzt schon weh in meinem tiefsten Inneren. „Anke, heute Abend zünden wir eine Kerze in der Notre-Dame an, okay?“ – „Ja, das tun wir, Jens.“ Das Licht mag nur für ein paar Stunden gebrannt haben dort oben im Gotteshaus, aber im Herzen erlischt die Flamme nicht mehr.

Der nächste Morgen. Oma le Guennec sagt zum Abschied „bon hiver“, wünscht einen schönen Winter und freut sich aufs Wiedersehen im nächsten Jahr. Nun, eigentlich soll es mal woanders hingehen, die schwedischen Schären oder so. Andererseits laufen die ja nicht weg. Man muss Prioritäten setzen. „Au revoir. Et à bientôt.“




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