weather-image

Hans B. – ein Kauz, aber ein Mörder?

Nienstedt. Erst erschoss er den Landrat, dann richtet er seinen Revolver gegen sich selbst. Die Identität des Mannes steht fest. Es handelt sich um Hans. B. aus Nienstedt. In dem beschaulichen Ortsteil kennen zwar viele Hans B., doch so ganz genau weiß niemand über ihn Bescheid. Nach mehreren gescheiterten Beziehungen lebte er allein. Aus der ersten Ehe gibt es einen erwachsenen Sohn.

Hans B.

Nienstedt. Erst erschoss er den Landrat, dann richtet er seinen Revolver gegen sich selbst. Die Identität des Mannes steht fest. Es handelt sich um Hans. B. aus Nienstedt.

In dem beschaulichen Ortsteil kennen zwar viele Hans B., doch so ganz genau weiß niemand über ihn Bescheid. Nach mehreren gescheiterten Beziehungen lebte er allein. Aus der ersten Ehe gibt es einen erwachsenen Sohn.

Dass der mutmaßliche Mörder im Jahr 2009 wegen Verstoßes gegen das Waffengesetz verurteilt worden ist, ahnen die Nachbarn nicht. Und auch nicht, dass ihm bereits 1988 eine waffenrechtliche Erlaubnis entzogen wurde. Die Tatwaffe kann sich demnach nicht in seinem legalen Besitz befunden haben. Darüber hinaus, so wird gestern bekannt, ist B. wegen verschiedener Betrugs- und Körperverletzungsdelikte polizeilich bekannt.

Spezialisten der Polizei durchsuchen das Wohnhaus von Hans B. im münderschen Ortsteil Nienstedt.
  • Spezialisten der Polizei durchsuchen das Wohnhaus von Hans B. im münderschen Ortsteil Nienstedt.

Im Dorf galt er als seltsamer Kauz. „Fragen Sie nicht“, sagen die Nachbarn gleich nebenan. „Wenn das Auto vor der Tür steht, ist er da. Sonst nicht. Man hat nichts miteinander zu tun“, erklärt der Senior. Seine Frau wundert sich über die trügerische Normalität, die noch am Abend vor der Tat gegenüber herrschte: „Er hat noch spät vorm Fernseher gesessen.“

„Er war manchmal ein bisschen merkwürdig“, sagt Lothar Strohmeier, der ihn seit Jahrzehnten kennt, „doch solche eine Tat hätte ich ihm trotzdem nicht zugetraut.“ Strohmeier und B. trafen sich hin und wieder im Schützenverein Horrido. B. wurde dort im Januar 2009 für 50-jährige Mitgliedschaft ausgezeichnet. An der Versammlung, in der ihm die Ehrennadel überreicht werden sollte, nahm er damals nicht persönlich teil. Überhaupt hatte er sich dort rar gemacht, weiß Vorstandsmitglied Strohmeier. „Beim Wettkampfschießen ist er praktisch seit 20 Jahren nicht mehr dabei. Höchstens noch mal beim Königsschießen.“ Und dann habe er immer Luftgewehre des Vereins benutzt. „Mir ist nicht bekannt, dass er selbst eine eigene Waffe besaß.“

Zuletzt öffentlich blicken lassen hat sich Hans B. vor Kurzem beim monatlichen Treffen der „Alten Säcke“, einer Seniorenrunde in Nienstedt. Doch auch dort habe er sich unauffällig verhalten, heißt es.

Dafür rätselten viele im Ort, wovon B. seinen Lebensunterhalt bestritten hat. Vor dem Eintritt ins Rentenalter hatte er offenbar nur Gelegenheitsjobs. Früher einmal – in den 1970er Jahren – besaß er eine kleine Spedition mit zwei Lastzügen. Mit denen fuhr er unter anderem für die heimischen Möbelfabriken, auch für die damaligen Bison-Werke in Springe. „Eine Zeit lang hatte er großen Erfolg als Unternehmer“, berichten Bekannte. Doch das Unternehmen scheiterte, B. schlitterte in die Pleite und setzte sich ab. Er heuerte als Seemann an, war bald auf den Weltmeeren unterwegs. Im Gasthaus Deisterquelle berichtete er später Bekannten von seinen Unternehmungen: „Er war einige Jahre unterwegs. Beim Bier erzählte er, dass er die ganze Welt gesehen habe. In Paraguay will er mehrere hundert Hektar Buschland gekauft haben“, erinnert sich ein Nienstedter.

Dann landete B. in der Schweiz, dem Heimatland einer seiner drei Ehefrauen. Er soll die dortige Staatsbürgerschaft angenommen haben – für die Menschen im Ort die Erklärung dafür, dass er trotz der Pleite mit seiner Spedition nach seiner Rückkehr nach Nienstedt wieder wirtschaftlich Fuß fassen konnte. B. lebte an der Straße „Am Weinberg“, soll aber nach und nach frei werdende Häuser im Ort gekauft haben. Wovon? Für die Nienstedter ein „völliges Rätsel“ – ebenso die Frage, wovon B. das neue Haus bezahlte. Vor vier Jahren sei der Neubau entstanden, erinnert sich ein Nachbar.

Dass Hans B. mehrfach mit dem Gesetz in Konflikt gekommen war, wusste dort offenbar kaum jemand. „Vor ein paar Jahren hat es bei ihm einen Polizeieinsatz gegeben. Seine damalige Lebensgefährtin wollte ihn wohl aus dem Haus haben“, weiß Nienstedts Altbürgermeister Wilfried Hücker. Es soll in diesem Zusammenhang zu gewalttätigen Auseinandersetzungen gekommen sein.

Was man von Hans B. wusste: Er war ein leidenschaftlicher Motorradfahrer. Mit seiner Maschine fuhr er durch die halbe Welt, bis nach Russland und in die südamerikanischen Anden. Auch an Oldtimerrallyes nahm er teil. So ging er beispielsweise im Herbst 2009 mit seiner Zündapp DB 200 (Baujahr 1936) bei einer ADAC-Ausfahrt im Harz an den Start. „Noch vor drei oder vier Jahren war das ein höchst agiler Mann. Top fit. Bei einer geführten Motorradtour in den Anden fuhr er Pässe in 4900 Meter Höhe“, weiß ein anderer Nienstedter, mit dem er sich gelegentlich übers Motorradfahren austauschte. In den vergangenen zwei Jahren soll B. jedoch massiv abgebaut haben. Kurz zuvor kam es zwischen ihm und der Bauaufsicht des Landkreises zu einem erbitterten Streit um einen Zaun. „Er hat sich da verrannt. Aber das Akzeptieren von Obrigkeit, das war nicht sein Ding“, sagt ein Bekannter, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte.mf/jhr



Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare

    Kontakt

    Redaktion
    Telefon: 05041 - 78932
    E-Mail: redaktion@ndz.de
    Anzeigen
    Telefon: 05041 - 78910
    Geschäftsanzeigen: Anzeigenberater
    Abo-Service
    Telefon: 05041 - 78921
    E-Mail: vertrieb@ndz.de
    Abo-Angebote: Aboshop

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt