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Kulturpflanze im Wandel: Interview mit Dirk Wuschko zum 30. Geburtstag der Sumpfblume

Hamelner Sumpfblume wird 30 Jahre alt

Hameln. Ein kleines, unscheinbares Gewächs ist sie nie gewesen, sondern durchaus eine Pflanze, der man Aufmerksamkeit zollte, seit sie 1979 mithilfe alternativer „Gärtner“ am Güterbahnhof zaghaft zu sprießen begann. Inzwischen wuchert die Sumpfblume auf 1000 Quadratmetern am Stockhof, hat eine stattliche Größe erreicht – und wird demnächst 30 Jahre alt. Grund genug für Karin Rohr, bei Sumpfe-Chef Dirk Wuschko nachzufragen, wie es um das Gedeihen dieser Hamelner Kulturpflanze steht.

Dirk Wuschko, drei Jahrzehnte Sumpfblume haben das Hamelner Kulturleben geprägt. Wird jetzt gefeiert?

Ja, sicher. Mit geballter Kraft ist es der Sumpfblume gelungen, sich in den vergangenen 30 Jahren zu einer nicht mehr wegzudenkenden Institution zu entwickeln. Und das wollen wir mit einem Ball feiern. Das hat es in der Sumpfblume noch nie gegeben. Das ganze Haus ist am 5. September für eine rauschende Ballnacht bereit: Im Saal spielt die Tanzband Men in Black, im Discobereich kommen Solotänzer auf ihre Kosten, im Café die Fans ruhiger Musik. Es gibt eine Raucher-Lounge, eine Tombola und vieles mehr.

Und das Publikum soll sich für den Anlass so richtig herausputzen?

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Schwungvoll – die neue Theke im Saal: Dirk Wuschko im Gespräch mit Tischler Ronald Dombrowski.

Klar, die Gäste können sich superchic anziehen, müssen das aber nicht. Wir schicken keinen in Jeans weg. Das war schon immer so in der Sumpfblume: Man kann sich so kleiden, wie man sich wohlfühlt.

...und Walzer tanzen?

Das nicht zwingend, aber die Men in Black machen schon richtige Tanzmusik – sumpfekompatibel, versteht sich.

Altersmäßig gibt’s keine Grenzen?

Wer kommen will, kommt. Wir wünschen uns so ein buntes Gemisch, wie wir es sonst auch haben, rechnen aber vor allem mit Ü30-Leuten. Das Zielpublikum sind nicht die ganz Jungen. Für die gibt’s am 19. September die Geburtstagsparty im ganzen Haus mit verschiedenen DJs. Wer sich übrigens noch nicht „ballreif“ fühlt – wir bieten mit der Tanzschule Ionela Petre an vier Donnerstagen vor dem Ball einen Tanzkurs an.

30 Jahre sind an der Sumpfblume ja nicht spurlos vorübergegangen. Was hat sich geändert?

Vom Prinzip her hat sich alles geändert: Der Start war an einem anderen Ort, mit anderen gesellschaftspolitischen Hintergründen. Es war der Versuch, in freier – und nicht in städtischer – Trägerschaft Kultur auf die Beine zu stellen. Es war ein Riesenschritt für die Sumpfe, als sie dann an den Stockhof gezogen ist. Denn da haben sich viele Komponenten verschoben: Alles wurde größer, es wurde mit mehr Aufwand gearbeitet und mit mehr Personal. Ich bin jetzt genau zehn Jahre da, und in dieser Zeit wurde das Haus komplett renoviert und umgestaltet.

Als letzter Raum ist jetzt der Saal dran. Am Samstag soll er eröffnet werden. Was ist denn alles anders?

Am augenfälligsten ist die geschwungene Form der neuen Theke, die sich optisch dem Stil des Cafés anpasst. Neue Farbe an den Wänden, ein neues Podest für mehr Seh-Qualität. Die DJ-Kanzel wurde nach oben verlegt, und überhaupt verändert ein komplett neues Lichtkonzept den Raum. Insgesamt ist er kleiner und kompakter geworden, entspricht mehr dem Club-Charakter, und das ist genau das, was wir wollten.

Und die Kosten?

Für die eigentliche Baumaßnahme liegen die bei 35 000 Euro. Einen großen Anteil zahlt das Land aus Fördermitteln, den Theken- und Gastronomiebereich finanzieren wir über Brauereien.

Ist die Finanzierung heute schwieriger als früher?

Das sind immer Phasen. Der Start vor 30 Jahren war schwierig. Danach gab es Zeiten, wo es besser oder schlechter ging. Das hing sehr stark mit der örtlichen und überregionalen Politik zusammen, die immer wieder Rahmenbedingungen veränderte, auf die wir uns dann neu einstellen mussten. Zum Glück für uns sind sowohl der Landkreis als auch die Stadt Hameln in den letzten Jahren verlässliche Partner bei der Finanzierung der Kulturarbeit geworden.

Was war der gravierendste Einschnitt?

Der erste Umbau am Stockhof im Jahr 2003. Da haben wir die Tür aufgemacht und es war voll – bis 2007. Danach gab’s dramatische Einbrüche durch geänderte Konkurrenzsituationen oder das Nichtraucherschutzgesetz.

Musste die Sumpfblume im Laufe der Jahre Konzessionen an den Zeitgeist machen?

Zeitgeist klingt negativ. Ganz sicher müssen wir uns immer den nächsten Generationen anpassen. Kein Mensch sitzt noch auf seinem alten Sofa von vor 20 Jahren. Trotzdem versuchen wir eine Gestaltungslinie zu finden, die nicht gleich wieder in ein paar Jahren überholt ist. Es würde die Sumpfe nicht mehr geben, wenn wir uns nicht immer wieder verändert hätten. Weil wir uns zu 85 Prozent selbst finanzieren müssen, sind wir darauf angewiesen, dass wir die Leute hierher bekommen.

Inwiefern spiegelt sich das auch im Programm?

Wir sind inzwischen soweit, dass wir a l l e Altersgruppen kulturell bedienen. Anfangs, am Güterbahnhof, kam in die Sumpfe nur ein Szene-Publikum. Wir haben einen Weg der Öffnung beschritten, mit dem wir den Auftrag der Soziokultur erfüllen: Der Schlipsträger soll sich bei uns genauso wohl fühlen wie der Rocker, und die Oma kann mit ihrem Enkel zu uns kommen.

Das hängt doch aber vom kulturellen Angebot ab?

Ja, sicher. Bei der Musik gab es Rock über die ganzen 30 Jahre hinweg. Und wir waren und sind auch weiterhin der Ort für die lokale Szene. Aber früher gab’s mehr Jazz. Und heute sind neue Stilrichtungen hinzugekommen: Techno, House, die ganze elektronische Musik. Ein Laden, der lebt, muss die Strömungen aufnehmen, die in der Gesellschaft vorhanden sind.

Da gibt’s aber noch mehr als Musik …

Klar, die Kabarett- und Kleinkunstszene ist dazugekommen, Theater- und Kinderveranstaltungen, Kino, Festivals wie „Seh(n)süchte“, Schul- und Blindenprojekte, Kultur in den Höfen – die ganze Palette.

Und der Ball ist das Jubiläums-Highlight?

Es ist quasi der Festakt. Aber natürlich gibt es noch weitere herausragende Events: die 17 Hippies am 17. September mit ihren global beats und zwei Tage später die traditionelle Geburtstagsparty zum 30. Geburtstag. Oder die Amerikanerin Vonda Shepard am 13. Oktober. Die kennt jeder vom Titeltrack zur TV-Serie Ally McBeal. Das ist schon eine richtige Nummer …




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