weather-image
12°
Über Tierkunde, „Schädlinge“ und Krankheitsbekämpfung einst und jetzt

Haarige Gefahr

Tiergeschichten ziehen immer. Zu den Dauerbrennern zählen zu Herzen gehende Berichte über vernachlässigte Hunde und Katzen. Daneben tauchen neuerdings immer häufiger reißerisch aufgemachte Meldungen über neue wissenschaftliche Forschungsergebnisse in den Zeitungsspalten auf. „Wie Mäuseriche ihre Weibchen locken“, „Erbgut des Bandwurms entschlüsselt“, „Magnetische Landkarte führt Rotlachse nach Hause“ und „Wie Baumfrösche ihrer klebrigen Sohlen säubern“ – so einige der zuletzt in den heimischen Blättern abgedruckten Artikel. Besonders angesagt sind gruselig oder gar Furcht einflößend anmutende Entdeckungen.

270_008_6321772_fe_SchaedPest_2704.jpg

Autor:

VON WILHELM GERNTRUP

Neben den seit Jahren in den Horror-Hitlisten ganz oben stehenden „Dauerbrennern“ Borkenkäfer, Zecke und Miniermotte stehen derzeit vor allem Asiatischer Marienkäfer („gefährliche Kannibalen“), Schmallenberg-Virus („für Schaf- und Rinderzüchter ein Graus“), Monster-Moskitos aus Florida („listigste, gemeinste und giftigste Stechmücke), Holzameise („glänzend, schwarz, gefräßig“) und – nach längerer Pause – der Eichenprozessionsspinner („haarige Gefahr für Mensch und Baum“) im Mittelpunkt.

Die Entwicklung macht – neben dem rasanten Fortschritt der naturwissenschaftlichen Forschung und dem offenbar zunehmenden zeitgenössischen Sensationsbedarf – die tief greifenden Veränderungen in puncto Mensch-Tier-Verhältnis deutlich. Bis vor gar nicht langer Zeit war das Interesse der hierzulande lebenden Leute an Tieren und Tierkunde fast ausschließlich von Kosten-Nutzen-Überlegungen bestimmt. Das kam nicht von ungefähr. Zur Existenzsicherung der Schaumburger gehörte die Viehhaltung. Auch das Gros der in den hiesigen Städten lebenden Leute hatte zumindest einen Schweinestall und/oder Hühnerverschlag am Haus.

Das Wissen über das, was sich darin abspielte und was dort zu tun war, wurde von Generation zu Generation durch „learning by doing“ weitergegeben. Mit wissenschaftlichen Buchveröffentlichungen konnten nur studierte Leute etwas anfangen. Die anderen bekamen von den Neuentwicklungen in der Fleisch- und Milchwirtschaft erst etwas mit, nachdem die Schulpflicht eingeführt worden war und auch die Kinder auf dem Lande lesen konnten. Wichtigste, weil einzig zugängliche Informationsquellen waren die hierzulande in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf den Markt kommenden Zeitungen.

270_008_6321775_fe_SchaedSperl_2704.jpg
270_008_6321776_fe_SchaedSpinn_2704.jpg
  • Übersicht besonders auffälliger und gefährlich anmutender Milben, Spinnen und Skorpione - 1904 dargestellt von dem deutschen Zoologen August Haeckel (1834-1919), der nicht nur ein hervorragender Wissenschaftler, sondern auch ein begabter Zeichner war.

Das in Rinteln erscheinende „Kreisblatt für die Grafschaft Schaumburg“ (später Schaumburger Zeitung) und die in Bückeburg gedruckte Schaumburg-Lippische Landes-Zeitung hatten von Anfang an auch jede Menge Tipps und Informationen zum Thema Ackerbau und Viehzucht dabei. Bis in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg gab es sogar regelmäßig monatlich beigefügte Extra-Seiten. Ein Schwerpunkt war das Leben und Wirken der in Haus, Hof und Garten beheimateten Tiere. Es gab nur gute und böse Lebewesen. Zu den Schädlingen zählten vor allem Spatzen, Kartoffelkäfer, Engerlinge, Maulwürfe, Milben und Läuse. Wenn es besonders schlimm wurde, griff auch die Obrigkeit ein. So gingen des Öfteren gezielte Aktionen zur „Vertilgung der Sperlinge“ und zur „Bekämpfung der Blutlaus“ über die Bühne. Eine ständige Herausforderung waren auch die immer wieder auftretenden Tierepidemien (Rinder- und/oder Schweinepest, Maul- und Klauenseuche), von denen man lange Zeit nicht wusste, dass es sich um Viruserkrankungen handelte.

Wie ahnungslos unsere Altvorderen noch waren, kann man in einer 1795 in Bückeburg für interessierte Subskribenten (Vorbesteller) aufgelegten Hofpostille nachlesen. Das vierseitige, wöchentlich erscheinende Blatt mit dem Titel „Fürstlich Schaumburg-Lippische Landesanzeigen“ war eine Mischung zwischen amtlichen Nachrichten, Reklame und zeitgenössischen Hintergrundberichten. In den meisten Ausgaben waren zudem Tipps und Informationen über den Umgang mit Ungeziefer abgedruckt. Hier eine Auswahl der in April und Mai 1813, also vor ziemlich genau 200 Jahren veröffentlichten Anregungen:

Nr. 16 vom 17. April 1813: Vorbauungs-Mittel gegen die Bräune (= Milzbrand) der Schweine.

Man nimmt gereinigten Salpeter und Salmiak, von jedem 1 Loth, an der Luft zerfallenes Glaubersalz 2 Loth, und 1 Quentchen Zinnober, vermischt dies alles sorgfältig, und giebtbey großer Hitze eine Zeit lang jedem Schweine morgens und abends bis 2 Messerspitzen voll in ihr gewöhnliches Fressen oder Saufen, sie werden dann von der Bräune frey bleiben.

Nr. 18 vom 1. May 1813: Mittel gegen den schwarzen Kornwurm.

Man nimmt 2 Pfund gewöhnliches Vitriol (ein Schwefelsäuregemisch), schüttet ihn in einen neuen Wassereimer, und rührt ihn mit einem neuen Besen um, bis er völlig aufgelöst ist. Hierauf nimmt man Kienöl und bestreiche jede Spalte des Bodens mit einer Feder, worauf man den Ort, wo das Korn hinkommen soll, mit jenem Wasser besprengt, das man eine Stunde trocknen läßt, ehe man das Korn aufschüttet. Binnen 24 Stunden wird kein Wurm mehr zu finden, und selbst die Brut durch die Wirkung des Vitriols und des Kienöls vertilgt seyn.

Nr. 20 vom 15. May 1813: Mittel gegen die Bettwanzen.

Das beste Mittel gegen die Bettwanzen bleibt immer noch Eisenvitriol, wovon man aber so viel, als sich nur auflösen will, in siedendem Wasser zergehen läßt. Mit dieser siedendheißen Auflösung streicht man sorgfältig alle Fugen und Löcher der Bettstellen mittelst eines Pinsels. Wenn die Flüßigkeit anfängt zu erkalten, so muß sie aufs Neue heiß gemacht werden. Nicht nur die Wanzen selbst, sondern auch ihre Brut wird dadurch getödtet. Doch ist es von Zeit zu Zeit besonders da, wo dieses Ungeziefer lange eingewohnt war, nöthig, nachzusehen und die Anwendung dieses Mittels zu wiederholen.

Nr. 20 vom 15. May 1813: Gemeinnütziges Mittel gegen das Sterben der Gänse.

Es ist eine bekannte Erfahrung, daß die jungen Gänse gegen Johannis (24. Juni) leicht sterben. Die Ursach des Übels, - bei welchem sie auf den Weideplätzen oft ganz still sitzen, als ob sie sich recht wohl befänden, sitzt in den Ohren, und ist ein Schwarm kleiner Fliegen, die die Gänse betäuben. Das beste Mittel dagegen ist, um Pfingsten den jungen Gänsen zweimal wöchentlich die Ohren mit Baumöl auszupinseln. Gegen die Läuse, wovon diese Thiere oft geplagt werden, empfiehlt man, statt des Strohes, Farrenkraut in den Stall zu streuen, welches das Ungeziefer nicht vertragen kann. Bey dem verlorenen Appetit der Gänse quetscht man Citronenmelisse, und steckt sie Ihnen in Form einer Nudel in den Schlund, welches Verfahren man nach Umständen wiederhohlt.

Spatzen gehörten bis in die 1960er Jahre hinein zu den meistgehassten und als Schädlinge verfolgten heimischen Lebewesen (Darstellung des dänischen Tierzeichners Henrik Grönvoldaus dem Jahre 1902).

Seuchen waren ein immer wieder und überall auftretendes Problem. Der holländische Maler Jacobus Eussen (1792-1865) hat die Folgen einer Rinderpest in seiner Heimat Mitte des 18. Jahrhunderts im Bild festgehalten.



Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare

    Kontakt

    Redaktion
    Telefon: 05041 - 78932
    E-Mail: redaktion@ndz.de
    Anzeigen
    Telefon: 05041 - 78910
    Geschäftsanzeigen: Anzeigenberater
    Abo-Service
    Telefon: 05041 - 78921
    E-Mail: vertrieb@ndz.de
    Abo-Angebote: Aboshop

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt