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In Hameln-Pyrmont drohen die Mediziner knapp zu werden / Planung lässt Überalterung außer Acht

Gute Ärzteversorgung? Auf dem Papier schon…

Hameln-Pyrmont (ll). Mehrstündige Wartezeiten sind bereits jetzt keine Ausnahme mehr in den Arztpraxen der Region. Und auch wenn natürlich nicht nur Senioren in den Wartezimmern Platz nehmen: Mehr alte Menschen in der Gesellschaft bedeuten unvermeidlich einen steigenden Versorgungsbedarf. Durch den demografischen Wandel ändert sich somit auch die Nachfrage an niedergelassenen Fachärzten.

Dr. Rainer Schnee ist Hamelns einziger niedergelassener Facharzt für Geriatrie. Und er erlebt die demografische Entwicklung unmittelbar in seiner Praxis. Erkrankungen alternder Menschen werden in Zukunft deutlich zunehmen, ist sich der 46-jährige Facharzt sicher. Immer mehr Menschen würden gesundheitliche Probleme durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Demenz und Diabetes bekommen. „Die Erkrankungen sind nicht immer nur auf das Alter zurückzuführen, sondern ergeben sich, insbesondere am Beispiel der Diabetes, auch aus den Folgen der Wohlstandsgesellschaft, durch falsche Ernährung oder Bewegungsmangel“, erklärt der Experte für Alterserkrankungen. Durch die steigenden Patientenzahlen sieht Dr. Schnee auch in seiner eigenen Praxis wachsende Probleme im täglichen Arbeitsalltag. „Die Wartezeiten sind teilweise schon nicht mehr zumutbar“, sagt er.

Wie Detlef Haffke, Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN), erläutert, liegt der momentane Versorgungsgrad Hamelns bei 110 Prozent. „In allen medizinischen Bereichen gibt es zurzeit eine sehr gute Versorgungsrate“, so Haffke. Zwar gebe es keine exakten Zahlen für das Hamelner Stadtgebiet, im Landkreis jedoch seien im Moment 236 Kassenärzte niedergelassen. Laut Haffke ist der Landkreis deshalb für weitere Niederlassungen gesperrt.

Zum Problem für die Region könnte jedoch eine Pensionierungswelle in den nächsten zehn Jahren werden: Von den 236 Ärzten würden allein 94 Mediziner – 50 Fachärzte und 44 Hausärzte – bis zum Jahr 2020 in Rente gegangen sein, so der KVN-Sprecher. Und nicht alle aufgegebenen Arztpraxen würden durch neue Niederlassungen ersetzt werden. Denn die Bedarfsplanung für 2020 sieht als Ersatz von 50 pensionierten Fachärzten lediglich 29 neue Facharzt-Niederlassungen in der Region vor. Im Bereich der Hausärzte sieht es ähnlich aus: 44 pensionierten Ärzten stehen 26 neue Mediziner gegenüber. Die Bedarfsplanung sei vor allem von der Bevölkerungsentwicklung im Landkreis abhängig – und im Landkreis werde es bis 2020 etwa 10 000 Einwohner weniger geben. Von einer medizinischen Unterversorgung will Detlef Haffke jedoch nicht sprechen. „Es gibt gesetzlich vorgegebene Mindestzahlen. Und die werden immer noch erreicht“, sagt er.

„Das wird auch Jüngere vor Probleme stellen“

Es ist paradox: Auf dem Papier liegt die ärztliche Versorgung im grünen Bereich und ist für die Zukunft offenbar gesichert. Die Realität in den Wartezimmern spricht jedoch eine andere Sprache. Die finanziellen und personellen Anforderungen nehmen im Gesundheitswesen dramatisch zu, während die Bevölkerungszahl und die Anzahl der Beitragszahler schrumpft. Dem steigenden Bedarf an medizinischer Versorgung stehen sinkende Zahlen an altersspezifischen Fachärzten wie Urologen, Augenärzten und Orthopäden gegenüber.

Die Gründe hierfür sind vielschichtig: Kritiker sehen einen Mangel an bedarfsgerechter Planung. Denn für die Bemessung des tatsächlichen Versorgungsbedarfs müsse das Alter der Einwohner eine Rolle spielen. Die derzeit geltende gesetzliche Bedarfsplanung beruhe aber allein auf der Zahl der Einwohner je Arzt in einer Region. Unberücksichtigt bleibe, ob es sich dabei um Kinder, junge oder alte Menschen handele.

„Die fachärztliche Versorgung wird auch jüngere Patienten vor Probleme stellen“, meint Dr. Schnee. Aus seiner Sicht sind für die medizinische Grundversorgung der älteren Generation besonders die Hausärzte von Bedeutung – und hier sehen die Aussichten nicht rosiger aus als im Facharzt-Bereich. Im Gegenteil: Viele Praxen von niedergelassenen Hausärzten könnten in Zukunft leerstehen.

Egal, ob bei Haus- oder Fachärzten, ein Grund für den Mangel an Medizinern ist auch die schwindende Attraktivität des Arztberufs. Traumberuf Arzt? Das war einmal. Die ohnehin schrumpfende Anzahl der Absolventen eines Medizinstudiums wandert oftmals in die Forschung, zur Industrie oder gar ins Ausland ab – weil die Bedingungen dort attraktiver sind. „Hohe Arbeitsbelastungen, schlechte Honorierungen und ein zu großer Bürokratieaufwand erschweren es, entsprechenden Nachwuchs in der ambulanten Versorgung zu finden“, ist sich auch Detlef Haffke sicher.

„Die Wartezeiten sind teilweise schon nicht mehr zumutbar“, sagt Dr. Rainer Schnee, Hamelns einziger niedergelassener Facharzt für Geriatrie. Foto: ll




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