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Gut gemeint – aber auch gut gemacht?

Bad Münder. Dass die abendliche Informationsveranstaltung der Stadt für die Wahl des Migrationsrates auf wenig Resonanz gestoßen ist, wäre noch beschönigend ausgedrückt. Außer Bürgermeister Hartmut Büttner, einigen Verwaltungsmitarbeitern und Frau Martina Kurth-Harms vom Landkreis war niemand gekommen, um die mündersche Kandidatin Ekaterina Heindorf kennenzulernen. Es sei im Vorfeld zu wenig an die betroffenen Menschen herangetreten worden, kritisierte die 55-Jährige denn auch.

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Am 27. November steht die Wahl des ersten Migrationsrates im Landkreis Hameln-Pyrmont an. Die Idee lobte Büttner als einen Weg, die Partizipation von Menschen mit Migrationshintergrund zu garantieren“. Umso mehr bedaure er, dass „wir die eigentliche Zielgruppe der Veranstaltung nicht erreicht haben“.

Ein Umstand, den die Kandidatin Heindorf nicht überraschend fand – über die Tageszeitung sei es einfach schwierig, Einwanderer zu erreichen. Die Pflegedienstleiterin im Pflege- und Seniorenheim Dr. Heindorf weiß, wovon sie spricht. Im Alter von fünf Jahren wanderte ihre Familie aus Griechenland ein. „Meine Eltern waren die ersten ausländischen Arbeiter in Bad Münder“, erklärt die Mutter dreier Kinder. Sie ist in der Kurstadt aufgewachsen, hat ihre Schule und die Ausbildung zur Krankenschwester hier abgeschlossen. Seit zehn Jahren lebt sie auch wieder hier, in Bakede.

„Aber erst vor fünf Wochen bin ich eingebürgert worden“, erzählt sie – die bürokratischen Hürden hätten sie immer zurückschrecken lassen vor dem Schritt. Diese Erfahrung habe sie auch in ihrer Kandidatur bestärkt. „Es ist so wichtig, Aufklärungsarbeit zu leisten.“ Die meisten wüssten beispielsweise nicht, dass EU-Bürger ihre Staatsbürgerschaft nicht automatisch verlieren, wenn sie die deutsche annehmen. Heindorf fordert darüber hinaus die doppelte Staatsbürgerschaft für alle.

Außerdem müsse gerade für junge Menschen mehr getan werden. Sie selbst habe niemals Schwierigkiten gehabt, sehe es aber bei ihrem 29-jährigen Sohn, dem der Zugang zu Diskotheken verwehrt wird, „dabei tut er keiner Fliege was zuleide“. Außerdem wolle sie sich für kostenlose Deutschkurse für Einwanderer einsetzen, „das A und O ist schließlich die Sprache“.

Der Migrationsrat soll ein gleichberechtigtes Zusammenleben der Kulturen fördern und zum Abbau von Fremdenfeindlichkeit beitragen – so steht es in der Info-Broschüre des Landkreises. „Die Mitglieder können direkt in der Kommunalpolitik mitwirken, indem sie Anträge in Fachausschüssen stellen können und der Vorsitzende an Sitzungen des Kreistages teilnehmen und dort Empfehlungen abgeben kann“, erklärt Kurth-Harms. Für Projekte stehen dem Gremium zudem 3000 Euro jährlich zur Verfügung.

Die Landkreis-Mitarbeiter zeigte sich auch selbstkritisch: „Natürlich ist die Briefwahl, für die man sich erst registrieren muss, ein Hemmnis“, gibt Kurth-Harms zu. Es sei aber eben die erste Wahl und man habe die Kosten und den Aufwand gering halten wollen. Die Amtszeit wurde von fünf auf drei Jahre verkürzt, damit 2016 im Zuge der nächsten Kommunalwahlen auch der Migrationsrat gewählt werden kann.

Dieser wird aus 15 Mitgliedern bestehen – sieben gewählten Vertretern aus den Gemeinden und Kommunen sowie sieben vom Landrat ernannten Mitgliedern und dem Migrationsbeauftragten Dr. Feyzullah Gökdemir. Auch die Wahl an sich – trotz der in einfachem Deutsch gehaltenen Unterlagen –ist so komplex, dass selbst Kurth-Harms bei einigen Fragen ins Schwimmen kommt. „Herzlichen Willkommen im Migrationsrat“, begrüßte sie zum Beispiel Heindorf. Dabei ist ihr Einzug – theoretisch – nicht sicher. Auf den Stimmzetteln kann mit Ja oder Nein abgestimmt werden. „Und die Kandidatin muss mehr Ja- als Nein-Stimmen haben, um gewählt zu sein“, erklärt Kurth-Harms nach der Prüfung ihrer Unterlagen.

Wo es weitere Infos gibt, ist dem vom Landkreis in mehreren Sprachen herausgegebenen Flyer zu entnehmen, der auch im Servicebüro ausliegt. Dort liegen auch die Antragsformulare für die Briefwahl aus. Diese können noch bis zum 17. November angefordert werden und müssen bis zum 27. November um 18 Uhr in der Kreisverwaltung vorliegen. Wählen darf jeder, „weil es alle angeht, wie die Integrationspolitik gestaltet wird“, so Kurth-Harms. Das Ergebnis soll noch am gleichen Abend bekannt gegeben werden.col

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