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Dr. Sixtus Allert zur Zukunft des Gesundheitswesens und seiner Finanzierung

Grundlegende Veränderungen nötig

Damit es im Jahr 2020 ein funktionierendes und vor allem bezahlbares Gesundheitssystem gibt, werden grundlegende Veränderungen nötig sein, glaubt Dr. Sixtus Allert. Der Ärztliche Direktor des Sana-Klinikums geht davon aus, „dass der Wind rauer wird“ und das aus einem einfachen Grund: „Schlichtweg, weil kein Geld mehr da ist.“ Noch sei die Situation nicht so dramatisch, dass die Politik zu bestimmten Schritten gezwungen wäre – doch teilweise deute sich schon jetzt an, was in zehn Jahren Realität sein könnte:

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Kerstin Hasewinkel

Autor

Kerstin Hasewinkel Stv. Redaktionsleiterin zur Autorenseite

Damit es im Jahr 2020 ein funktionierendes und vor allem bezahlbares Gesundheitssystem gibt, werden grundlegende Veränderungen nötig sein, glaubt Dr. Sixtus Allert. Der Ärztliche Direktor des Sana-Klinikums geht davon aus, „dass der Wind rauer wird“ und das aus einem einfachen Grund: „Schlichtweg, weil kein Geld mehr da ist.“

Noch sei die Situation nicht so dramatisch, dass die Politik zu bestimmten Schritten gezwungen wäre – doch teilweise deute sich schon jetzt an, was in zehn Jahren Realität sein könnte: „Bestimmte Leistungen werden nicht mehr bezahlt.“ Was heute noch heikle Themen sind, die allenfalls hinter verschlossenen Türen besprochen werden, werde schon bald praktiziert: Der Chefarzt für Plastische, Ästhetische und Handchirurgie befürchtet, dass unter dem Aspekt der Rationierung und Priorisierung ab einem bestimmten Lebensalter möglicherweise nicht mehr jede aufwendige Behandlung finanziert werde – es sei denn, der Patient zahlt sie selbst oder hat eine entsprechende Zusatzversicherung abgeschlossen. Die Trennung zwischen gesetzlicher und privater Krankenversicherung ist aufgehoben: „Wir werden alle eine Basisversicherung haben; jeder kann sich nach seinen Möglichkeiten und Bedürfnissen zusätzlich versichern“, glaubt der 44-Jährige. Es werde einen harten Einschnitt geben, der aber nötig sei – denn die Patienten seien verwöhnt. „Durch die Einführung der Sozialversicherungssysteme glauben die Menschen, für ihre Gesundheit nichts mehr bezahlen zu müssen, aber davon müssen wir uns langsam verabschieden.“ Der Solidargedanke werde zwar weiterleben, aber die Systeme werden sich ändern.

Ein Umdenken sei aber auch in der Behandlung nötig; es werde eher nach den Ursachen für bestimmte Erkrankungen geforscht, die dann Konsequenzen nach sich ziehen müssten: Warum ist ein alter Mann gestürzt? Was kann in der Betreuung und Versorgung der Senioren verbessert werden? „Die Altersmedizin wird uns vor neue Aufgaben stellen“, sagt Allert mit Blick auf die demografische Entwicklung. Wenn künftig über Erkrankungen im Alter geredet werde, seien damit auch alterspsychologische und psychosoziale Krankheiten gemeint. Es werde eine höhere Dichte an Pflegeheimen geben, und auch die Palliativmedizin werde bedeutender.

Prävention ist ein weiteres Schwerpunktthema: „Wer aktiv zu seiner Gesunderhaltung beiträgt, wird belohnt.“ Umgekehrt würden Raucher oder Menschen, die Risikosportarten betreiben, stärker zur Kasse gebeten. Adipositas (Fettsucht), Demenz, Diabetes (Zucker) und Herzerkrankungen sind 2020 die Volkskrankheiten Nummer eins – durch Prävention könnte in vielen Bereichen Schlimmeres verhindert werden, „aber die meisten sind noch nicht bereit dazu“. Noch würde der Freiheitsgedanke, der Hang zum Individualismus, im Vordergrund stehen, „aber von einigen Dogmen werden wir uns verabschieden müssen“. Funktionieren werde das aber nur, wenn die Menschen selbst darauf kommen – „und das tun sie, wenn sie merken, dass sie sparen und es ihnen dabei auch noch besser geht“.

Der medizinische Fortschritt und die Erfolge der Versorgung führen dazu, dass die Menschen immer älter werden. Zwar werde es auch 2020 noch keine Impfung gegen Krebs geben, aber viele Entwicklungen werden dazu beitragen, dass eine Gesundheitsversorgung gezielter und besser möglich ist. Beispielsweise wird es bei Alzheimer andere Formen der Therapie geben. Dazu beitragen wird die Genforschung: „Auf dem molekulargenetischen Sektor wird sich viel tun. Das wird sehr zu einer verbesserten Diagnostik beitragen, wenn auch nicht unbedingt zu größeren Heilungschancen führen.“

Fluch und Segen der Medizin: Die Erkenntnisse über Gene werden auch von Versicherungen genutzt – „da steckt schon jetzt viel in den Schubladen“. Zwar werde eine Freiwilligkeit postuliert, aber das Thema berge eine gewisse Sprengkraft – eine Überwachung wie in „Gattaca“, einem Kinofilm mit Uma Thurman über genetisch „perfekte“ Menschen, ist dann nicht mehr nur Fiktion.

Bedenken der Datenschützer – die im Übrigen im Zeitalter von Facebook nach Meinung von Allert teilweise paradox erscheinen – würden ausgeräumt: „Die Triebfeder ist wirtschaftliche Not und menschliches Leid.“ Durch die neue Gesundheitskarte werde aber der Informationsfluss verbessert, Doppeluntersuchungen würden vermieden – was wiederum Geld spart. „Ich bin da furchtbar pragmatisch: Die Möglichkeiten sind da und sie werden auch genutzt.“ Außerdem könnte jeder Patient selbst bestimmen, welche Informationen er für den jeweils behandelnden Arzt freischaltet. Und die Patienten könnten so noch besser in die Entscheidungen mit einbezogen werden.

Hilfe finden sie in medizinischen Versorgungszentren. Es wird eine größere Verzahnung zwischen ambulanter und stationärer Versorgung geben; niedergelassene Mediziner werden Geräte und Operationssäle in den Krankenhäusern mitnutzen. „Noch sind die Strukturen nicht durchlässig, aber auch hier ist der Finanzdruck noch nicht hoch genug“, meint der Ärztliche Direktor. Schon bald werde es nicht mehr die Ärzte geben, „die wir brauchen, um eine Versorgung zu gewährleisten. Gerade in einem Flächenland wie Niedersachsen können nicht mehr alle Allgemeinarztpraxen besetzt werden und „zwei Facharztschienen, ambulant und im Krankenhaus, werden nicht mehr finanzierbar sein“. Wie die Versorgung auf dem Land sichergestellt werden kann – auch hier gibt es bereits Modelle beispielsweise im Osten Deutschlands, der in der Entwicklung aufgrund der Bevölkerungsabnahme schon weiter ist. Dort gibt es bereits Regionsschwestern, die als der verlängerte Arm des Arztes Patienten aufsuchen.

Also keine guten Aussichten für 2020? Kann sich Krankheit künftig kaum jemand mehr leisten? So möchte Allert das nicht stehen lassen. „Wir müssen frühzeitig anfangen, eine ehrliche Diskussion zu führen.“ Durch den medizinischen Fortschritt werde es in Teilen auch „eine schöne neue Welt“ geben, im Alter werde wesentlich besser mit den Menschen umgegangen, „weil wir das System verändern, neue soziale Strukturen schaffen“. Viele positive Errungenschaften werde es durch neue Forschungsergebnisse geben. Aber die Finanzen müssten vernünftiger verteilt werden, weniger an den falschen Stellen „verbrannt“ werden – ausreichend Geld sei im Gesundheitssystem nämlich eigentlich durchaus vorhanden.



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