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Briefwechsel zwischen der Bückeburger Poetin Lulu von Strauß und Torney und Theodor Heuss

Grüße „vom getreuen Dorle“

Sie nannte ihn „Dorle“ und er sprach von ihr als „liebste Freundin“ – der Briefwechsel zwischen der Bückeburger Schriftstellerin Lulu von Strauß und Torney (1873-1956) und dem ersten bundesrepublikanischen Nachkriegs-Präsidenten Theodor Heuss (1884-1963), ist ein bemerkenswerter Lesestoff. Allein schon die Tatsache, dass sich zwei so unterschiedliche Persönlichkeiten kannten und mochten, mutet aus heutiger Sicht äußerst ungewöhnlich an. Und doch pflegten die vor 140 Jahren geborene, stark im heimatlich-konservativen Milieu verhaftete Autorin und der weltoffene, zehn Jahre jüngere Journalist und Politiker eine enge, von Respekt und Zuneigung getragene Freundschaft.

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Autor:

Wilhelm Gerntrup

Über die persönlichen Begegnungen und Gespräche der beiden, in die nach Heuss’ Heirat 1908 auch dessen kluge und beherzte Frau Elly Heuss-Knapp einbezogen war, ist wenig bekannt. Sicher ist, dass die Bückeburgerin des Öfteren bei dem lange in Berlin lebenden Ehepaar zu Gast war. Man ging offenbar sehr vertraut-familiär miteinander um. Der einzige Heuss-Sohn Ernst Ludwig wurde bis ins Erwachsenendasein hinein nur „Lulu“ gerufen.

Einzige Quelle über das Zustandekommen der Freundschaft ist der über Jahrzehnte andauernde Briefwechsel. Eine Auswahl der zwischen 1903 und 1916 entstandenen Korrespondenz kann man in einem nach dem Tode der beiden von Lulus Stiefsohn Niels Diederichs herausgegeben Buch nachlesen. Es wurde auf Wunsch von Heuss erst nach dessen Ableben (1963) veröffentlicht („Der junge Heuss im Briefwechsel mit Lulu von Strauß und Torney“, Diederichs-Verlag 1965).

Die Briefe stellen über den privaten Meinungsaustausch hinaus eine ergiebige und überwiegend amüsante zeitgeschichtliche Quelle dar. Ein Schwerpunkt sind die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse und deren dramatische Veränderungen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Dabei werden nicht zuletzt auch die unterschiedlichen Auffassungen der beiden von Ehre, Vaterland, Freiheit und Heldentod deutlich. Darüber hinaus dürften sich literarisch interessierte Leser auf geistreiche Gedankenspiele und geschliffene Redewendungen freuen. Anders gesagt: Die Briefe machen auf wehmutsvoll-schmerzliche Weise klar, was uns im Zeitalter von Facebook und Twitter in puncto Schreibkultur verloren zu gehen droht.

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  • Der junge Theodor Heuss, der 1949 erster Bundespräsident wurde.
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Kennengelernt hatten sich die Elisabeth Luise getaufte „Lulu“ und ihr „Dorle“ (von „Theodor-le“) im Februar 1903 in München. Sie war damals 30, Heuss 19 Jahre alt. Die ansonsten als schüchtern und gehemmt geltende Offizierstochter hatte sich fern der Heimat in den Faschingstrubel gewagt. Ihr mit vielen Zetteln voller Gedichtfetzen bedecktes Kleid erregte sofort die Aufmerksamkeit eines unternehmungslustigen und übermütigen Studenten. Er sei „am Boheme-Abend des literarischen Vereins in ein anregendes Gespräch mit einer blonden schlanken Dame“ geraten, beschrieb Heuss später die Begegnung. „Lulu von Strauß und Torney wollte die Welt sehen, die einen anderen Klang und Rhythmus besaß als das kleinhöfisch gepflegte Bückeburg“.

Es war der Auftakt einer ungewöhnlichen Beziehung. Laut Heuss begann „an diesem Abend eine Freundschaft, die in den nächsten Wochen zum Frühling hin auf mancherlei Wanderungen ins Isartal gefestigt“ worden sei.

Auch für die junge Dame aus der schaumburg-lippischen Fürstenresidenz wurden die Tage in der Kunst- und Boheme-Metropole an der Isar zu einer Art Schlüsselerlebnis. Zuvor waren alle ihre Anläufe, aus der kleinbürgerlichen Enge auszubrechen, eher zaghaft und halbherzig gewesen. Dass sie es überhaupt versuchte, hatte mit ihrem zunehmenden Erfolg als Schriftstellerin zu tun. Ihre schwerblütigen Balladen und die meist im historischen Bauernmilieu angesiedelten Geschichten kamen gut an. Auch die Literaturkritik sparte nicht mit Lob. Besonders beeindruckend sei die „kraftvolle und atmosphärisch dichte Sprache“, war zu lesen.

„Ich bin seit zwei Tagen wieder daheim“, schrieb sie nach der Rückkehr aus München an Heuss. „Jetzt durch den Kontrast wird mir klar, wie schwerfällig, wie freudlos und unkünstlerisch das ganze Leben in unserm Norddeutschland ist“. Sie habe ihre Heimat „ja sehr lieb, aber gerade darum empfinde ich ihre Fehler so“. Heuss versuchte, die neue Freundin aufzumuntern. „Ich kann Ihnen Ihre Stimmung aus der spießerhaft offiziellen Kleinstadt – dazu im Norden – recht wohl nachfühlen“, ließ er Lulu wissen. „Wenn die Gassen zu eng und die Nachbarn zu interessiert Ihnen in die Fenster schauen, dann raus auf ein paar Monate ins verschwenderische, temperamentvollere Leben des Südens, forderte er sie auf. „Dann könnten wir uns auf ein stilles, zielbewußtes Genießen einrichten. Lockt es Sie nicht?“ Ein andermal bot der mit 21 zum Dr. rer. pol. gekürte und inzwischen auch politisch aktive und erfolgreiche Journalist scherzhaft seine Unterstützung als möglicher schaumburg-lippischer Reichstagsabgeordneter an. „Wenn ichs nicht (als Kandidat) in Württemberg wollte, würde ich versuchen, bei der nächsten Wahl in Bückeburg aufgestellt zu werden (was ja der kleinste Wahlkreis ist). Sie müßten mich nur deutsch sprechen lernen, dann würden wir das Fürstentum einstecken“.

Eine deutliche Abkühlung der Beziehung trat ein, als Lulu 1916 den Verleger Eugen Diederichs geheiratet hatte und während der Mitarbeit in dessen Jenaer Verlag immer mehr in den Sog des Hitler-Regimes geriet. Als sie anlässlich ihres 75. Geburtstags von den braunen Machthabern mit Ehren und Preisen überhäuft wurde, reagierte der bekennende Antifaschist Heuss mit beredtem Schweigen.

Den letzten Kontakt gab es nach Heuss’ Wahl zum Bundespräsidenten am 12. September 1949. Die mittlerweile 76-jährige, gesundheitlich angeschlagene Lulu übermittelte ihrem Dorle über die Zonengrenze hinweg herzliche Glückwünsche. Heuss dankte ein paar Tage später für die Zeilen, die ihn sehr „erfreut und gerührt“ hätten und durch die „manche Vergangenheit geweckt“ worden sei. „Lulu wird im kommenden Jahr 40 Jahre alt“ heißt es in einem als „knapper Personalbericht“ betitelten Absatz. „Mit vielen guten Wünschen in alter Freundschaft, Ihr Theodor Heuss“.

Auszug aus einem Brief von Lulu von Strauß und Torney an Theodor Heuss.

Nachricht von „Dorle“ aus dem Jahre 1906 an die „liebe Lulu“. Der nach dem Uni-Examen als Journalist für die von Friedrich Naumann in Berlin herausgegebene linksliberale Zeitschrift „Die Hilfe“ arbeitende Heuss hatte einen hauseigenen Briefbogen benutzt.

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