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"Ensemble six" mimt "Comedian Harmonists" / 230 Gäste im Kursaal begeistert / Klänge aus den "goldenen Zwanzigern"

Große Hommage mit Frack, Fliege und Pomade im Haar

Bad Eilsen (sig). Gut gemacht, Elke Dralle! Das war alles andere als ein Ensemble von mittelmäßigem Unterhaltungswert. Diese sechs Herren im noblen schwarzen Frack kamen nicht nur äußerlich ihren berühmten Vorbildern recht nahe. Sie schafften es auch sängerisch, den rund 230 Gästen im Kursaal den Eindruck zu vermitteln, als wären für zwei Stunden jene angeblich so goldenen zwanziger Jahre wieder auferstanden.

Natürlich wird dieser Friedensphase, das Atemholen zwischen der gescheiterten Monarchie, der jungen Demokratie und einer unsäglichen Diktatur, ein besonderer Glanz zugewiesen. Das Bewusstsein, Schlimmes überlebt zu haben und sich dabei zugleich von monarchischen Zwängen befreien zu können, lenktealle Sinne auf die schönen Seiten des Lebens. Und genau diesem neuen Lebensgefühl entsprach nicht nur der Charleston, sondern auch das Vokalensemble der "Comedian Harmonists". Ihre Schellack-Schallplatten wurden zu wahren Rennern. Wer sich ein Grammofon mit dem großen Trichter und der Kurbel zum Aufziehen leisten konnte, der besaß in der Regel einige dieser schwarzen Scheiben. Den großen Erfolg dieser in Berlin gegründeten "Boygroup" dokumentiert die Zahl der Lieder, die sie der Nachwelt hinterlassen hat: An die 300 sollen es sein. Etliche davon sind unvergesslich geworden. Diese Titel verraten es: "Mein kleiner grüner Kaktus", "Veronika, der Lenz ist da", "Ein Freund, ein guter Freund", "Liebling, mein Herz lässt dich grüßen" und "Wochenend` und Sonnenschein". Die "Comedian Harmonists" standen mit Hans Albers und Marlene Dietrich auf der Bühne und spielten in über 20 Filmen mit. Die Geschichte dieser Gruppe spiegelte sich in einem beeindruckenden Film wider, der vor einiger Zeit wieder im TV zu sehen war. Mit großer Präzision und viel Können hat sich das "Ensemble six" an diesen Vorbildern ausgerichtet. Dass dieses Vorhaben gelungen ist, dafür sprechen ausverkaufte Konzerte in der Dresdener Semperoper und im Wiener Konzerthaus. Und wer Sonnabend im Eilser Kursaal die Augen schloss, der glaubte an eine Art Wiederauferstehung jener Gruppe, zu deren Markenzeichen auch die streng nach hinten gekämmten Haare gehören, die mit Pomade in Form gehalten werden. Nicht mitüberflüssigem steifen Gehabe, aber mit witzigen Einlagen und pfiffigen Ideen geben die fünf Deutschen und ein Schweizer ihrem Auftritt eigenes Couleur. Da werden Beinkleider gelupft, und zum Vorschein kommen bayerische und Schweizer Wadenwärmer. Urplötzlich schweben Seifenblasen durch die Luftund werden Badewannen-Entchen sortiert. Und trotzdem konzentrieren sich die Zuhörer auf das Zusammenspiel der beeindruckenden Solostimmen, die von Ewald Gutenkunst am Flügel präzise und gefühlvoll begleitet werden. Er beweist auch in einer Solopartie Stilsicherheit und den samtweichen Anschlag,der ihm nachgesagt wird. Die drei Tenöre Rüdiger Ballhorn, Andreas Wellen und André Neppel, der Bariton Karsten Lehl und der Graubündner Bass Stefan Gabriel sorgten für eine musikalische und durchaus auch optische Renaissance eines Sextetts, das einst auf allen Kontinenten zu Hause war, bis das Hitlerregime leider dem Höhenflug ein unrühmliches Ende setzte.




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