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Zu Gast in einer vergangenen Epoche der Erdgeschichte: Ein unendliches Arkadien jenseits des Polarkreises

Grönland: Camping in einer lebensfeindlichen Welt

Wer vom Stadtflughafen Reykjavik mit Air Iceland zum ostgrönländischen Flugstützpunkt auf der Insel Kulusuk fliegt, gewinnt bei der Landung schlagartig eine Lebens-Erkenntnis: Teer auf Landebahnen wird maßlos überschätzt.

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Frank Westermann Redakteur zur Autorenseite

Einige Tage später und viele Fjorde ferner öffnet uns Robert als Hausherr des Restaurant-Hotels „Red House“ persönlich die Tür, begrüßt mit Handschlag und fröhlichem Lächeln, um anschließend beim zweiten Gang den Blick tief in die grönländische Seele zu tauchen: „Das ist Vor- und Hauptspeise, Suppe und Dessert, Kartoffeln und Gemüse – und mancher Inuit isst sein ganzen Lebens nichts anderes als Robbe.“ Es dauert eine gute halbe Stunde, bis mir dämmert, dass der rüstige Hausherr Robert Peroni ist, der wohl berühmteste „Grönländer“. Vor gut 25 Jahren ist der Südtiroler mit zwei Gefährten 1300 Kilometer durch die Eiswüste Grönlands gewandert – zu Fuß und ohne Funk. Ein Fußmarsch im ewigen Eis über eine Strecke, die der von Bozen nach Schweden oder nach Spanien entspricht, auf einer Meereshöhe von fast 3000 Metern, bei einer Kälte von tagsüber zehn und nachts 25 Minusgraden, über achtzig Tage abgeschnitten, ganz auf sich selbst gestellt, allein in einer endlos scheinenden Eiswüste.

Die Sehnsucht nach dem Eis war zu groß

Peroni ist hiergeblieben oder zurückgekehrt, vielleicht war die Sehnsucht nach dem Eis zu groß. Aber so geht es allen: Noch einen Eisberg sehen, und noch einen, und noch einen – man wird süchtig nach den Gletschern, den Flüssen aus Eis. Das Arkadien jenseits des Polarkreises verfügt über eine Faszination, der man sich nur schwer entziehen kann.

Zwischen der holpernden Landung und dem Abendessen in Ammassalik liegen Tage ohne Nächte und Nächte ohne Dunkelheit. Schnell vergessen wir im Camp an der Grenze zwischen Urlaub und Expedition, wie lebensfeindlich die Landschaft ist. Wir sind fremd hier, vor wenigen Jahrzehnten war dies eine weiße Wüste – wir sind zu Gast in einer vergangenen Epoche der Erdgeschichte. Wie Streugut aus der letzten Eiszeit türmen sich die Gletscher in einer Wildnis, die aussieht, als sei sie seit der Erschaffung der Welt völlig unberührt und jungfräulich geblieben. Doch der Eindruck täuscht: Hier verändert sich die Erde ständig, ihr Gesicht wird Tag für Tag geformt von der überwältigenden Macht der Gletscher.

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Tage ohne Nächte, Nächte ohne Dunkelheit: Grönland um Mitternacht.

Wer Natur gewöhnlich als Kulisse zur Erbauung der eigenen Seele betrachtet, wird hier neue Erfahrungen und Eindrücke sammeln dürfen – viele werden sich um die Einsamkeit und Langsamkeit drehen: Die Eisblöcke, die von den Gletschern kalben, bewegen sich millimeterweise ins offene Meer, wo sie irgendwann und irgendwo im Nirgendwo mit einem Urelement der Welt verschmelzen und im Wasser verschwinden.

Zwischen Fjorden, die still fließen zwischen Bergen, die wie monumentale Kirchen und monströse Kathedralen wirken, geht es in den Ikateq Fjord. Hier sind die Spuren des Menschen allerdings unübersehbar: Nach einem markanten Felspfeiler stehen wir vor verrosteten Lastwagen und Baggern: Überbleibsel des Zweiten Weltkrieges. Die US-Armee hat hier eine improvisierte Landebahn aus Tausenden von Fässern gebaut – und sie später einfach liegen lassen.

Nicht liegen geblieben, sondern weggetaut sind in der größten Eismasse der nördlichen Hemisphäre dagegen viele Gletscherzungen: Auf den 15 Jahre alten Karten, die Geologe und Geograf Sven Köhne dabei hat, ist deutlich zu sehen, dass an der Stelle, an der wir campen, vor über einem Jahrzehnt noch ein Gletscher seinen Weg ins Meer suchte. Köhne, über dessen Firma „contrastravel“ wir den Urlaub gebucht haben, ist regelmäßig in Grönland, „der Rückgang ist deutlich erkennbar und vollzieht sich schneller als die meisten Berechnungen vermuten ließen“, erklärt er.

Köhne spricht dabei von einem „Selbstverstärkungseffekt“: Durch die erhöhte Sonneneinstrahlung schmilzt das Eis etwas schneller, dadurch wird das Sonnenlicht nicht mehr reflektiert, sondern wird auf dem dunklen Boden in Wärmeenergie umgesetzt – was wiederum das Eis schneller schmelzen lässt. Würde das gesamte Grönlandeis schmelzen, dann wären die Folgen für jedermann sichtbar: „Dann stiege der Meeresspiegel um etwa sieben Meter“, sagt Köhne.

Wir schauen nach unten: An den dicksten Stellen ist das Eis drei Kilometer dick. Unglaubliche 3000 Meter bis zum Boden. Meine Frau guckt mich an und fragt, was auch mir durch den Kopf schießt: „Ist das eigentlich noch eine Landschaft, wenn das eigentliche Land so tief unter den Füßen beginnt?“




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