×
Die Schaumburger Zigarrenmacher – ein Kapitel der heimischen Industrie- und Sozialgeschichte

Graublaue Wolken in den Salons

Vor gut 500 Jahren soll Christoph Columbus (1451-1506) von seinen Entdeckungsfahrten in die Neue Welt die bis dato in Europa unbekannte Tabakpflanze mitgebracht haben. Es war der Beginn einer neuartigen, ungewöhnlichen und von Anfang an umstrittenen „Genuss-Geschichte“. Lange Zeit wurde das „Nicotiana“ getaufte Nachtschattengewächs mittels langstieliger Pfeifen oder als Schnupf- oder Kautabak konsumiert. Die größte Begeisterung löste das Paffen aus. Das Rauchen gedieh zu einem bei Mann und Frau gleichermaßen beliebten Freizeitvergnügen. Den Rohstoffnachschub kam aus Gärten und Plantagen der Umgebung. Auch in der hiesigen Region wurden alten Aufschreibungen zufolge schon im 17. Jahrhundert Tabakanbau, -Verarbeitung und -Handel betrieben.

Autor:

Wilhelm Gerntrup

Eine neue Ära begann, als gegen Ende des 18. Jahrhunderts das Zigarrenrauchen „erfunden“ wurde. Die Methode, das Blattzeug der Tabakpflanze zylinderförmig zusammenzurollen und den Dampf ohne Zwischenrohr einzusaugen, kam vor allem in den höheren Kreisen gut an. Das zielgenaue Abknipsen des Mundstücks und das sorgfältige Anzünden wurden zum Statusgehabe, das Ausstoßen der graublauen Wolken in den Salons als intellektueller Hochgenuss zelebriert. Markenqualität konnte man auf den ersten Blick an den Banderolen („Bauchbinden“) und an der Verpackung in kunsthandwerklich gestalteten und aufwendig dekorierten Sperrholzkistchen erkennen. Schon bald wurde nur noch hochwertiger Importtabak verarbeitet. „Wie kein anderes Genussmittel verkörpert sie Souveränität, Charisma und die Freiheit des Geistes“, versucht der Bundesverband der Zigarrenindustrie bis heute an die großen Zeiten der gerollten Stumpen anzuknüpfen.

Um die Herstellung von Zigarren kümmerten sich bis zu Beginn des Ersten Weltkriegs kleine Manufakturwerkstattbetriebe. Sie waren „inselförmig“ über ganz Deutschland verteilt. Zu den bekanntesten Produktionsstandorten gehörte seit Anfang/Mitte des 19. Jahrhundert auch die heimische Weserregion. Vor allem Rinteln, Oldendorf und deren südlich der Weser angrenzendes Hinterland bis weit ins Extertal hinein erlebten einen regelrechten Zigarrenmacher-Boom. Allein in Rinteln waren zeitweise an die 30 selbstständige Unternehmen aktiv. Für Oldendorf weisen die Archivakten durchgängig mindestens zwei Betriebe aus. Darüber hinaus soll es – zumindest zeitweise – Fabrikationsstätten in Obernkirchen, Deckbergen, Fischbeck, Rodenberg, Apelern, Bad Nenndorf und Großenwieden gegeben haben. Über Umfang, Ausstattung und Kundenkreis ist wenig bekannt. Das Gros der bislang bekannten Daten und Fakten hat der Historiker Prof. Dr. Karl Heinz Schneider zusammengetragen („Schaumburg in der Industrialisierung, Bände I und II, erschienen 1994/95 als Ausgaben Nr. 52 und 53 der Schaumburger Studien). Die Veröffentlichungen machen deutlich, dass die Zigarrenmacher-Ära zu den bedeutsamsten, bislang weitgehend unbeachteten Abschnitten der heimischen Wirtschafts- und Sozialgeschichte zählt.

Zu den Hauptursachen für die Ansiedelung und das Aufblühen der hiesigen Zigarrenproduktion gehören laut Schneider die guten Transportmöglichkeiten auf der Weser und die aus Sicht der Unternehmer günstigen Fertigungskosten. Bis in die 1820er Jahre hinein hatten sich die hierzulande lebenden Kleinbauern und Heuerlinge noch mit Leinanbau und -Verarbeitung über Wasser halten können. Dann führten Missernten, veränderte Agrarstrukturen und der Siegeszug der Baumwolle das Aus. Ein Teil der rapide wachsenden Bevölkerung verdingte sich als Saisonarbeiter (Ziegler, Hollandgänger und Heringsfänger), andere wanderten für immer nach Übersee aus. Angesichts solcher Verhältnisse war man mehr als froh, als – sozusagen im Gegenzug – Arbeit aus der neuen Welt vor der Haustür landete. Von Baltimore an der amerikanischen Ostküste aus steuerten ganze Schiffsladungen mit Virginia-Blättern den damals größten Überseetabak-Umschlaghafen Bremen an. Von dort ging es stromaufwärts auf der Weser in Richtung Minden-Ravensberger Land und Grafschaft Schaumburg.

2 Bilder
Rauchen und Raucher spielten auch in Wilhelm Buschs Werken eine große Rolle. Die Zeichnung „Schlechte Cigarre“ erschien in den „Fliegenden Blättern“.

Die Notlage der Bevölkerung wurde von den Fabrikanten gnadenlos ausgenutzt. Genug zum Leben bekamen nur die „Roller“. Das waren die Zigarrenmacher, die durch Auswahl und exakten Zuschnitt des Deckblatts sowie durch sorgfältiges Ummanteln („Einrollen“) der Innenschichten („Wickel“) den Stumpen den letzten Schliff gaben und von daher eine Art Spezialistenstatus genossen. Alle anderen bei der Fabrikation anfallenden Handreichungen wurden extrem schlecht bezahlt und zunehmend an Heimarbeiter vergeben. Neben den Frauen mussten auch und vor allem die Kinder mit ran.

Einen Eindruck von den armseligen Arbeits- und Lebensbedingungen und den schlimmen sozialen Verhältnissen jener Zeit vermittelt der von dem Rintelner Historiker Kurt Klaus 1995 verfasste und in der Reihe „Schaumburger Heimat“ abgedruckte Aufsatz „Rintelner Zigarrenarbeiter waren nicht auf Rosen gebettet“. Danach gehörten die Glasmacher bis Anfang des 20. Jahrhunderts mit rund 15 % aller erwerbstätigen Einwohner zu den größten und gleichzeitig ärmsten Bevölkerungsgruppen der Stadt. Zum Hungerlohn kamen katastrophale Arbeitsbedingungen. Die meist nur wenige Quadratmeter großen Fabrikationsstätten glichen düsteren Verliesen. Nicht selten wurden Frauen und Kinder der Arbeiter beim Betteln aufgegriffen. Kein Wunder, dass es in der Zunft „gärte“. Noch vor der offiziellen Gründung der Gewerkschaft „Allgemeiner Deutscher Cigarrenarbeiter-Verein“ 1865 in Leipzig kam es zu Solidarisierungsbestrebungen. Die Obrigkeit reagierte mit Hausdurchsuchungen und Verhaftungen. Die Zigarrenmacher seien in hohem Maße „für demokratisches Ideengut anfällig“, heißt es in einem Bericht des Rintelner Landratsamts.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts deutete sich der Niedergang des Gewerbes an. Neben Ausbeutung und Verfolgung trug dazu vor allem der Siegeszug der maschinell gefertigten und „handlicheren“ Zigarette bei. Heute ist die einstige Bedeutung des Gewerbes in Vergessenheit geraten. Kurt Klaus beschreibt die Situation so: „Rinteln war eine Stadt der Zigarrenmacher. Beweis: Fehlanzeige“.

So wie auf dieser Kupferstich-Darstellung einer Pfeife rauchenden Gesellschaft muss man sich Tabakkonsum und Rauchgenuss vor der „Erfindung“ der Zigarre vorstellen (Titelblatt eines 1690 von dem niederländischen Arzt Johannes Ignatius Beintema veröffentlichten Tabak-Traktakts).




Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kontakt
    Redaktion
    Telefon: 05041 - 78932
    E-Mail: redaktion@ndz.de
    Anzeigen
    Telefon: 05041 - 78910
    Geschäftsanzeigen: Anzeigenberater
    Abo-Service
    Telefon: 05041 - 78921
    E-Mail: vertrieb@ndz.de
    Abo-Angebote: Aboshop

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt